Rassismus & Menschenrechte

„Facetten des Vagabundierens in Wien“

Februar 9th, 2023  |  Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Buch "Vagabondage" (Verlag Sonderzahl)Andreas Pavlic und Eva Schörkhuber (Hg.): Vagabondage. Histori­sche und zeit­genös­sische Fa­cet­ten des Va­ga­bun­die­rens in Wien, Sonder­zahl: Wien 2022.

[In­halts­ver­zeich­nis (PDF)]

Va · ga · bon · da · ge: Der – laut Duden – spezifisch österreichi­sche Ausdruck benennt die Lebens­form einer Gruppe sozial be­stimm­ter Figuren, oder kurz: Land­streicherei, Herum­treiberei. Im vor­liegen­den Band fokus­siert der Begriff vor allem die künst­lerischen und politischen Aspekte jener Bewe­gungen, die sich in den 1920er Jahren mit großem Selbst­bewusst­sein for­mierten und sogar »Vagabunden­kongresse« ab­hielten. Ein solcher war, nach einer ersten Ver­anstal­tung in Stuttgart 1929, für das Jahr 1930 auch in Wien ge­plant, wurde allerdings nicht reali­siert. Wien, als eines der Gra­vitations­zentren der Land­strei­chen­den, bildet den Aus­gangs­punkt und den Schauplatz einer ein­gehen­den Unter­suchung von Vaga­bund*in­nen­bewe­gungen. Dabei werden historische und kultur­wissen­schaft­liche Per­spektiven mit zeit­genössi­schen Analysen, Stellung­nahmen und Berichten ver­schränkt: Auf diese Weise werden Brüche und Kon­tinuitäten hin­sichtlich sozialer Mechanis­men, künst­lerischer Aus­drucks­formen und politi­scher Orga­ni­sations­formen ausgelotet und zur Sprache gebracht. Der Band stellt dabei sowohl einen Grund­lagen­beitrag als auch eine zur weite­ren Forschung an­regende Anthologie dar.

Wie facettenreich und vielschichtig jene Bevölkerungs­gruppen sind, die als Vaga­bund*in­nen, als ›Nicht-Sesshafte‹ und/oder Wandernde titu­liert werden bzw. sich selbst als solche be­zeichnen, zeigt sich in den historischen und kultur­wissen­schaft­lichen Aus­einander­setzungen ebenso wie in dem Kaleidoskop zeit­genös­sischer Initia­tiven, Be­wegungen, Forschungs- und Kunst­projekten, die sich mit Systemen sozialer Be­ziehun­gen be­fassen, die außer­halb einer etablierten gesell­schaft­lichen Ordnung an­ge­siedelt werden.

Mit Beiträgen von: Averklub Collective, Lisa Bolyos, Ljubomir Bratić, Natalie Deewan, Enesi M., Georg Fingerlos, Peter Haumer, Anna Leder, Alexander Machatschke, Elena Messner, Andreas Pavlic, Maren Rahmann, Georg Rosenitsch, Eva Schörkhuber und Christa Stippinger.

(Text: Verlagsinfo Sonderzahl)

EKD: „Gemeinsam Antiziganismus bekämpfen“

Februar 4th, 2023  |  Published in Dokumente & Berichte, Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte, Religion

Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutsch­land (EKD) zur Zu­sam­men­ar­beit mit Sinti und Roma:

Anlässlich des 40. Jahrestages der Gründung des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma wollen wir als Evan­ge­lische Kirche in Deutschland die Arbeits­definition von Anti­ziganis­mus der Inter­natio­nal Holo­caust Re­mem­brance Alli­ance (IHRA) an­nehmen, um auch auf diese Weise unserer Zu­sam­men­gehörig­keit Aus­druck zu ver­leihen.

In der zentralen Passage der Definition heißt es: „Antiziganis­mus mani­festiert sich in indivi­duellen Äußerun­gen und Hand­lungen sowie institu­tio­nellen Politiken und Praktiken der Mar­ginali­sie­rung, Aus­gren­zung, physischen Gewalt, Herab­wür­digung von Kulturen und Lebens­weisen von Sinti und Roma sowie Hassreden, die gegen Sinti und Roma sowie andere Einzel­per­sonen oder Gruppen ge­richtet sind, die zur Zeit des National­sozialis­mus und noch heute als ‚Zigeuner‘ wahr­ge­nommen, stig­matisiert oder verfolgt wurden bzw. werden. Dies führt dazu, dass Sinti und Roma als eine Gruppe ver­meint­lich Fremder be­handelt werden und ihnen eine Reihe negati­ver Stereotypen und ver­zerrter Dar­stellun­gen zu­ge­ordnet wird, die eine be­stimmte Form des Rassismus dar­stellen.“

Gemeinsam mit Angehörigen der Minderheit von Sinti und Roma wollen wir der Dis­krimi­nie­rung im Alltag von Kirche und Gesell­schaft und gruppen­bezo­gener Men­schen­feind­lichkeit ins­gesamt ent­gegen­wirken. Dazu bedarf es der Aus­einan­der­setzung mit der bis in die Gegen­wart reichen­den Schuld­geschichte der Kirchen und der un­beding­ten kriti­schen Über­prüfung von theo­logischen und kirchlichen Denk­mustern und Prägungen. Read the rest of this entry »

Evangelische Kirche will Schuld aufarbeiten

Januar 29th, 2023  |  Published in Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte, Religion

EKD: Präses Annette Kurschus (Foto Jörg Dieckmann, Evangelische Kirche von Westfalen:Deutschland: EKD-Rat ver­öffent­licht Er­klä­rung zur Zu­sam­men­ar­beit mit Sinti und Roma. Rats­vor­sit­zen­de An­net­te Kur­schus: Wir müs­sen uns mit die­ser Schuld­ge­schich­te der Kirchen aus­einan­der­setzen.

Anlässlich des 40. Jahrestages der Gründung des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma hat der Rat der Evangeli­schen Kirche in Deutsch­land (EKD) eine Erklä­rung zur Be­kämpfung von Anti­ziganis­mus und zur Zu­sammen­arbeit mit Sinti und Roma ver­öffent­licht. „Gemein­sam mit An­ge­hörigen der Minder­heit von Sinti und Roma wollen wir der Dis­krimi­nie­rung im Alltag von Kirche und Gesell­schaft und grup­pen­bezo­gener Men­schen­feind­lich­keit ins­gesamt ent­gegen­wirken“, so die EKD-Rats­vor­sitzende, Präses Annette Kurschus. In diesem Zu­sammen­hang nimmt der Rat der EKD auch die Arbeits­definition von Anti­ziganismus der Inter­natio­nalen Allianz zum Hol­ocaust-Ge­denken (IHRA) an.

Die Abwertung und Ausgrenzung von Angehörigen der Sinti und Roma habe eine Geschichte, die sehr lange zurück­reicht, so Kurschus. „Die Evangelische Kirche hat an vielen Stel­len in der Geschichte Schuld auf sich geladen. Sie war daran be­teiligt, Men­schen zu verraten und der Ver­folgung und Ver­nichtung aus­zu­liefern.“ Zudem seien auch in der Kirche anti­ziganis­tische Stereo­typen un­reflektiert weiter­getragen und Men­schen da­durch erneut und fort­während in ihrer Würde ver­letzt worden: „Es ist wichtig, dass wir uns mit dieser bis in die Gegen­wart reichen­den Schuld­geschichte der Kirchen aus­einander­setzen.“

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma betrachtet es als „historisch“, dass die Evange­lische Kirche in Deutsch­land an­lässlich des Inter­natio­nalen Holo­caust-Ge­denk­tages diese Erklärung zur Ächtung von Anti­ziganis­mus abgibt: „Die Evangeli­sche Kirche bekennt sich darin erst­malig in dieser offi­ziellen Form vor dem Hinter­grund der deutschen Geschichte zu ihrer Ver­ant­wortung auch für unsere Minder­heit. Read the rest of this entry »

„Es braucht ein Gesetz zum Schutz der Roma“

Januar 28th, 2023  |  Published in Einrichtungen, Interview, Politik, Rassismus & Menschenrechte

Emmerich Gärtner-Horvath, Vorsitzender des Volksgruppenbeirats der Roma (Foto: Roma-Service)BVZ: Emmerich Gärtner-Horvath im Gespräch

Heuer jährt sich die Anerkennung der Roma als Volks­gruppe zum 30. Mal. Emmer­ich Gärt­ner-Hor­vath, Vor­sitzen­der des Volks­gruppen­beirats der Roma und Ob­mann des Vereins Roma-Service über Vor­urteile, In­tegra­tion und die Iden­tität.

BVZ.at: Am 13. März 1987 überbrachten junge Oberwarter Roma dem dama­ligen Bundes­prä­si­dent Kurt Waldheim eine Petition, in der sie sich gegen das Lokal­verbot in Ober­warter Disko­theken wehrten. Un­glaub­lich, dass so etwas vor knapp 35 Jahren mög­lich war. Sechs Jahre später folgte am 16. Dezem­ber 1993 durch einen Beschluss im Haupt­aus­schuss des National­rates die An­erken­nung der Roma als sechs­te Volks­gruppe in Österreich.

Im Rückblick, was hat sich seitdem verändert?
Emmerich Gärtner-Horvath: Es war ein langer Weg, aber ein wichtiges politi­sches Signal, welches durch die An­erkennung ge­setzt wurde. Vorurteile und Dis­kriminie­run­gen gibt es nach wie vor und denen gilt es ent­gegen­zu­wirken. Es ist nicht alles eitel Wonne, aber es ist unser Ziel, dass Roma Bildung ohne Vor­urteile genießen und ohne Dis­kriminie­rung. Die Sprache können wir nur dann retten, wenn sie un­sere Kinder auch leben dürfen, ohne, dass sie dadurch in der Gesell­schaft Nachteile haben.

Genau die Sprache der Roma ist es, die von vielen in der Volks­gruppe aber nicht mehr ge­spro­chen wird. Aus Scham oder weil es zu wenig Mög­lich­keiten gibt?
Gärtner-Horvath
: Die Sprache ist ein unverzichtbarer Kulturträger und eine eigen­ständige Kultur wird am besten von der Gruppe be­wahrt und gepflegt, die auch ihre eigene Mutter­sprache be­wahrt und pflegt. Denkt man daran, dass erst mit der An­erken­nung die Spuren­suche nach unserer Iden­tität be­gonnen hat, dann ist die Ent­wicklung rasant. 1995 haben wir das erste Buch heraus­ge­bracht, 1996 wurde Romanes im Minder­heiten­schul­gesetz in Burgenland ver­ankert, 1999 haben wir erst­mals Romanes un­terrichtet. Read the rest of this entry »

Internet: Genug vom Hass

Dezember 30th, 2022  |  Published in Internet & Blogothek, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht, dROMa (Magazin)

Training für Freiwillige des Projekts ROMAntici in Bratislava, Herbst 2022 (Foto ROMAntici)Roma-Freiwillige packen jetzt selber an


Sie wollen den Hass, der das Internet über­wu­chert, nicht mehr län­ger hin­neh­men: Rund zwan­zig jun­ge Romnja und Roma haben sich in Tschechien zu­sam­men­ge­fun­den, um den Kampf gegen Hass­kom­men­ta­re selbst in die Hand zu neh­men. Nicht-Roma hel­fen mit.

Die Freiwilligen, meist Studierende, haben es sich zur Aufgabe ge­macht, diskri­minie­rende Äuße­run­gen über ihre Min­der­heit zu doku­men­tievren und zu mel­den. Und so scrollen und klicken sie sich nun durch Inter­net-Platt­for­men und Sozia­le Medien, be­ob­achten Face­book-Grup­pen und über­wachen On­line-Foren.

Den ursprünglichen Plan, zugleich auch eine neue Monitoring-Gruppe in der Ukraine zu instal­lieren, machte der Krieg zu­nichte. In Rumänien und Bulgarien hin­gegen ist im Frühjahr erfolg­reich ein weite­res Pro­jekt an­gelau­fen. Auch dort werden Akti­visten aus den Roma-Ge­mein­schaf­ten zwei Jahre lang, online und offline, Daten­material über Hate Speech zu­sam­men­tragen.

Parallelaktion
Beide Initiativen entstanden unter dem gemeinsamen Dach von European Roma Rights Centre (ERRC) und Forum for Human Rights. Ähnli­ches hat man sich nun auch in der Slowakei vor­ge­nom­men. Für die Um­setzung holte man er­fahrene Partner­organi­sa­tio­nen vor Ort (Romea in Tsche­chien bzw. RomaJust und EOA in Rumänien und Bulgarien) mit an Bord. Finan­zielle Unter­stützung kommt von der Stiftung EVZ in Deutschland.

Hier wie dort geht es um Monitoring und die Sicherung von Beweismaterial – und nicht zuletzt darum, die Kräfte von Frei­willigen und Juristen zu bündeln, um die Opfer von Hass und Hetze zu ver­teidigen. Die Rechts­experten der Träger­orga­ni­satio­nen haben juristi­sche Strategien zur Be­kämpfung von Hassreden im Internet aus­ge­arbeitet, die nun an konkre­ten Fällen getestet werden sollen. Die frei­willigen Roma ar­beiten den Anwälten hierbei in die Hände, doku­mentie­ren die Verstöße und schaffen so die Beweis­grund­lage für rechtliche Schritte. Read the rest of this entry »

Facts & Figures (453)

Dezember 7th, 2022  |  Published in Facts & Figures, Rassismus & Menschenrechte

Fast ein Fünftel der vom Bun­des­kri­mi­nal­amt in Deutschland 2019/2020 re­gist­rier­ten „an­ti­zi­ga­nis­ti­schen Straf­ta­ten“ ent­fällt auf Berlin.

(Quelle)

Europa Passage (Trailer)

Dezember 4th, 2022  |  Published in Film & Theater, Rassismus & Menschenrechte

Kinodokumentarfilm von Andrei Schwartz (D 2022)

»Ein berührendes Porträt von Menschen, die jeder Widrig­keit trotzen und ver­suchen, sich ein Stück Nor­mali­tät auf­zu­bauen.« (Dok.Fest München)

Delikt-Podcast: Mord in Klagenfurt, 1988

November 24th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Internet & Blogothek, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht

In der Hoffnung auf ein besseres Leben kam Gordana, eine junge serbische Romni, mit ihren beiden Kindern 1987 nach Klagenfurt. Wenig später er­mor­dete ihr Kärnt­ner Ehemann Wilhelm P. die Frau und die Kinder. Er zer­stückel­te und ver­scharr­te die Leichen. Von den Be­hörden ernstlich ge­sucht wurden die ver­schwun­dene Mutter und ihre Kinder aber offenbar nie; weiter­gehende polizei­liche Er­mitt­lun­gen gab es nicht. Der Gedanke liegt zu­min­dest nahe, dass dies viel­leicht auch damit zu tun haben könnte, dass die be­trof­fenen Per­sonen Roma waren. Allzu rasch und bereit­willig hatte die Polizei sich nämlich mit den Er­klä­rungen des Ehe­manns (der das plötz­liche Ver­schwinden auf die ver­meint­lichen Eigen­schaften der Roma ge­schoben haben soll) zu­frieden ge­geben. Der Mann lebte un­behelligt, bis das Ver­brechen 17 Jahre später durch Zufall, bei Bau­ar­beiten in Klagenfurt, ans Tages­licht kam. Der Delikt-Pod­cast der Klei­nen Zei­tung er­innert an das Verbrechen:

Stets hatte [der Ehemann] behauptet, Gordana hätte ihn ein­fach ver­lassen, er soll sich herab­würdi­gend über die Familie und ihre Her­kunft ge­äußert haben, Roma wür­den das halt so machen, „die sind halt so“. Wilhelm P. spielte den ver­las­se­nen Ehemann. Richtig gesucht wurde nach Gordana offen­bar nie, die Behör­den gaben sich mit der Er­klä­rung P.s 17 Jahre lang zu­frieden. Einzig die Mutter Gor­danas ließ nicht locker. Sie reiste sogar nach Klagen­furt und nach Wien, um selbst nach Gor­dana zu suchen – ohne Erfolg. Die Frau sagte später ein­mal, sie sei nir­gends ernst ge­nommen worden.

(dROMa)

„Diese Bebilderung macht fassungslos“

November 14th, 2022  |  Published in Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte

Seite mit Illustration in der FAZ (Foto: Landesvertretung BaWü/Sinti Powerclub e.V.)Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kriti­siert Para­de­bei­spiel der anti­ziga­nis­ti­schen Medien­be­richt­er­stat­tung in der Frank­furter All­g­emei­nen Zeitung

Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, wandte sich in einem Schrei­ben an die Heraus­geber der Frank­furter All­ge­mei­nen Zeitung und forderte eine an­gemes­sene öffent­liche Klar­stel­lung und Ent­schul­digung für das fol­gende Parade­beispiel der anti­zi­ga­nis­ti­schen Medien­bericht­erstat­tung:

Am 1.11.2022 war in der FAZ-Internet-Ausgabe, sowie am 2.11.2022 in der FAZ-Print-Au­sgabe der Artikel „Umwelt­kriminalität wirk­samer be­kämpfen“ der Autorin Atja Gelinsky er­schienen. Zur Illustra­tion des Berichts wurde ein un­datier­tes Foto (Wolfgang Eilmes) ver­wendet, das einen Müll­berg in der Gutleut­straße in Frankfurt zeigt. Durch die Bild­unter­schrift wird der Fokus dieser ge­samten Bericht­erstattung auf die Minder­heit der Roma gelenkt. Das Foto steht je­doch in keiner­lei Bezug zum daneben­stehen­den Text. In dem Artikel selbst geht es um „Aus­beutung, Ver­schmut­zung und Zer­störung der Natur“, die inter­national Schäden in Milliar­den­höhe ver­ursachen.

Der Zentralratsvorsitzende Romani Rose äußert sich in seinem Schreiben an die Heraus­geber dazu: „Diese Bebil­derung macht fassungs­los. Hier wird ein weltweites Verbrechen be­nannt und durch die Bild­auswahl ver­mittelt, dass die Minder­heit der Roma durch Straßenmüll an diesen Umwelt­verbrechen be­teiligt ist. Durch diese Bild­zu­schreibung wird Aggres­sion gegen eine Minderheit ge­schürt, diese wird mit Krimina­lität gleich­gesetzt und der Gesell­schaft wird ein leicht aus­zu­machender Sündenbock an­geboten. Der tief­verwurzelte Anti­ziganismus wird weiter tradiert und erhält durch die Frank­furter All­gemeine neuen Auftrieb.“

Romani Rose fordert nicht nur eine sofortige Entfernung des Fotos aus der FAZ Internet-Aus­gabe, son­dern eine angemes­sene öffent­liche Klar­stellung, eine Ent­schuldigung und ein grund­sätzliches Gespräch, weil es der­artigen Anti­ziganismus in der medialen Bericht­erstattung zu­künftig zu vermeiden gilt.

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Mehr Abwertungsbereitschaft in Ostdeutschland

November 13th, 2022  |  Published in Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Tabelle 16Entwicklung von antimuslimischem Rassismus und Romafeindlichkeit in Deutschland (Ost/West) von 2014 bis 2022 (rechts).

Aus der soeben veröffentlichten Leip­zi­ger Auto­ri­ta­ris­mus­studie 2022, S. 70–72 (mehr hier):

Mit Muslimfeindschaft und Antiziganismus er­fas­sen wir auch in diesem Jahr die Ab­wertung zweier Gruppen, die von extrem rechten Ak­teu­ren bis hinein in demo­kra­ti­sche Milieus immer wieder als Feindbilder instru­men­ta­li­siert werden. [...] Wie bei der Aus­länder­feind­lich­keit beobachten wir auch für Muslimfeindschaft 2022 teils deut­lich hö­here Werte im Osten (Tab. 16). Hier stim­men 46,6 % der Be­frag­ten der Aus­sage »Muslimen sollte die Zu­wan­de­rung nach Deutschland unter­sagt werden« min­destens »über­wiegend« zu, nur eine Min­der­heit lehnt die Aussage explizit ab. [...] Auch beim Anti­ziga­nis­mus zeigt sich 2022 eine deut­lich höhere Ab­wertungs­bereit­schaft im Osten: Mehr als die Hälfte der Ost­deutschen »hätte Proble­me damit, wenn sich Sinti und Roma« in seiner oder ihrer Nähe auf­hiel­ten, und eine klare Mehr­heit ist »über­wiegend« oder »voll und ganz« der Meinung, dass Sinti und Roma zur Krimi­nalität nei­gen. Doch auch im Westen liegen die Zu­stim­mungs­werte für anti­ziganis­ti­sche Aus­sagen, die sich zwi­schen 29,7 % und 39,3 % be­wegen, auf einem hohen Niveau.

Leipziger Autoritarismus-Studie 2022

November 10th, 2022  |  Published in Dokumente & Berichte, Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Die jüngsten Ergebnisse der Leipziger Studie sind soeben auch in Buchform erschienenNeue Leipziger Autoritarismus-Studie in Berlin prä­sen­tiert: Deut­sche sind zu­frie­de­ner mit der Staats­form De­mo­kratie. Hass auf ‚Ande­re‘ tritt in den Vor­der­grund. Mas­si­ve Ab­leh­nung von Sinti und Roma sowie Mus­li­men vor al­lem in Ost­deutsch­land.

Die Zufriedenheit der Bürger:innen mit der Demokratie in Deutschland ist in den ver­gange­nen zwei Jahren ge­stiegen, die rechts­extremen Ein­stellungen sind zum Teil deut­lich zurück­ge­gangen. Gleich­zeitig an­ge­stiegen und weit ver­breitet ist der Hass auf Migrant:in­nen, Frauen, Mus­lim:innen und ande­re Gruppen in Deutschland. Zu­dem lassen sich in Folge der Pan­demie ver­stärkte Wünsche nach Autorität fest­stellen. Das sind zentrale Er­geb­nisse der re­prä­sen­tativen „Leip­ziger Auto­rita­ris­mus-Studie“.

Prof. Dr. Oliver Decker und Prof. Dr. Elmar Brähler vom Kom­pe­tenz­zentrum für Rechts­extre­mismus- und De­mo­kratie­for­schung der Univer­sität Leipzig prä­sen­tierten die Studien­ergeb­nisse am 9. Novem­ber in der Bundes­presse­kon­ferenz in Berlin. Die Studie, in der auch Ein­stellungen zu politischen Ent­scheidungen im Hinblick auf die COVID-19-Pan­de­mie und den Krieg gegen die Ukraine the­matisiert werden, ent­stand in Ko­operation mit der Hein­rich-Böll- und der Otto-Bren­ner-Stiftung.

Laut Studie zeigen nur noch 2 Prozent der Ostdeutschen ein geschlos­senes rechts­extremes Weltbild. 2020 waren es noch rund 10 Pro­zent. „Die Zu­stimmung zu rechts­extremen Aus­sagen nimmt nicht nur im gesam­ten Bundes­gebiet ab, sondern ins­beson­dere in Ost­deutschland. Das ist eine gute Nachricht, aber nur das halbe Bild“, sagt Studien­leiter Pro­fessor Oliver Decker. „Wäh­rend Ele­mente einer Neo-NS-Ideo­lo­gie selte­ner sind, haben die Res­sen­timents gegen jene, die als ‚anders‘ em­pfunden werden, sogar zu­ge­nommen“, ergänzt der zweite Studien­leiter Pro­fessor Elmar Brähler. Der Pro­zent­satz der laut Studie „manifest aus­län­der­feind­lich Ein­gestell­ten“ ist im Ver­gleich zu 2020 in Ost­deutschland von 27,8 Prozent auf 31 Pro­zent ge­stiegen, während sie in West­deutschland von 13,7 Prozent auf 12,6 Prozent ge­sunken ist. 40 Prozent der Ost­deutschen geben an, Deutsch­land sei aus ihrer Sicht „durch die vielen Ausländer überfremdet“, auch 23 Pro­zent der West­deutschen stim­men dieser Aussage zu.

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„Im Namen unseres Landes bitte ich Sie um Vergebung“

November 8th, 2022  |  Published in Dokumente & Berichte, Geschichte & Gedenken, Politik, Rassismus & Menschenrechte

Bundespräsident Steinmeier bei einer Rede (Archivbild)Rede von Bundes­prä­si­dent Dr. Frank-Walter Steinmeier zu zehn Jah­ren Denk­mal für die er­mor­de­ten Sinti und Roma am 24. Ok­to­ber 2022 in Berlin

„Jemand muss sagen, was sie mit den Sinti gemacht haben, damals, die Nazis. Das wissen viele heute immer noch nicht. Aber unsere Men­schen sollen nicht ver­gessen werden! […] Ich will, dass die Welt erfährt, was mit den Sinti passiert ist. […] Ich will, dass sie wissen, wie das ist, weiter­zu­machen, wenn man alles verloren hat, was einem lieb war.“ In diesen Worten steckt eigent­lich schon alles. Sie stammen von Zilli Schmidt, die uns ihre Ge­schichte erzählt hat, die Ge­schichte einer deutschen Sintezza.

Zilli Schmidt wurde 1924 als Cäcilie Reichmann geboren, in einem Dorf in Thüringen. Ihre Familie – eine „glück­liche Familie“, wie sie immer betont hat – betrieb in der Weimarer Republik ein Wander­kino und han­delte mit Geigen. Zilli Schmidt war noch ein Kind, als die National­sozialis­ten an die Macht ge­lang­ten. Sie erlebte, wie ihre Familie auf der Straße be­schimpft und in Ge­schäften nicht mehr bedient wurde, wie Ver­wandte plötzlich ver­schwan­den und nicht mehr wieder­kamen. Read the rest of this entry »

Pädagogik: Antiziganismus im Blick (2021)

November 3rd, 2022  |  Published in Internet & Blogothek, Jugend & Bildung, Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte

Uralte Vorurteile im pädagogischen Alltag
Sofa-Akademie der Evangel. Akademie Frankfurt, Podcast vom Juli 2021

Bilder und Vorurteile, die sich Menschen von ver­meint­li­chen „Zigeunern“ ma­chen, gehen mehr als 500 Jahre weit in die Ge­schichte zurück. Wir schauen uns Geschich­te, Narrative und Wirkungs­weisen des Anti­zi­ganis­mus an und dis­kutieren Hand­lungs­mög­lich­keiten für die päda­go­gi­sche Praxis.

Präventionscafé vom 30. Juni 2021 mit Benjamin Böhm (Sozial­arbei­ter), mo­de­riert von Katharina Lange (Jugend­migrations­dienst des Evan­ge­li­schen Vereins für Jugend­sozial­arbeit in Frank­furt) und Annette Lorenz (Evan­ge­li­sche Aka­demie Frank­furt).

(Sendung und Text: Sofa-Akademie)

Premiere: „Ein Herz für Arme in Salzburg“

Oktober 20th, 2022  |  Published in Einrichtungen, Film & Theater, Rassismus & Menschenrechte, Religion, Veranstaltungen & Ausstellungen

Filmstill (Foto: Kurt Bauer)Filmemacher Kurt Bauer feiert Film­premiere im Fran­zis­ka­ner­kloster Salzburg

Wie geht es den Armen, Notreisenden, Roma und Ob­dach­losen in Salzburg in unse­rer heraus­fordern­den Zeit? Wie war es früher? Damit be­schäf­tigt sich der Film „Ein Herz für Arme in Salz­burg“. Premiere wird am 21. Ok­t. 2022 um 19 Uhr im Salz­bur­ger Fran­zis­kaner­kloster (Fran­zis­ka­ner­gasse 5) ge­feiert.

Filmemacher Kurt Bauer war dafür beim Projekt „VinziTisch“, das Lebens­mittel an Bedürf­tige ver­teilt, bei den Roma unter der Salzach­brücke, bei den Schlaf­plätzen des Pro­jektes „Biwak“ und der rol­lenden Arzt­praxis „Virgilbus“, bei der Ob­dach­losen­ver­sorgung der Caritas sowie bei der Aktion „Roma Los“ der evan­ge­li­schen Kirche.

„Mein Film ist eine Wertschätzung an die vielen Hände und Herzen, die ich seit acht Jahren mit meinen Filmen zum Thema Armut von unter­schied­li­chen Blick­punkten aus ab­gebildet habe. In dem jetzi­gen Film habe ich beson­de­res Augen­merk auf die helfen­den Händen im Hinter­grund ge­richtet, ohne die viele Men­schen weiterhin nichts zu Essen hätten. Dieser Film ist daher auch ein Dank an alle Men­schen, die die vielen Pro­jekte unter­stützen“, so Bauer.

Zum Film sprechen Kurt Bauer, P. Thomas und Bruder Beda (Fran­zis­ka­ner) sowie Thorsten Binder (Caritas).

Eintritt: Frei – Spenden erbeten!

(Text: Erzdiözese Salzburg)

SWR2 Forum: Hanau als Zäsur

Oktober 18th, 2022  |  Published in Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte

Hanau als Zäsur – Was hat der Anschlag verändert?
SWR2 Forum: Podcast vom 13. Sept. 2022 (44.03 min)

Elf Tote, neun von ihnen mit Migrationshintergrund [Anm.: drei (Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov und Vili-Viorel Păun) wa­ren Roma] – das war die furcht­bare Bilanz des rechts­extre­men Anschlags in Hanau. Bis heute mar­kiert die Tat vom 19. Febru­ar 2020 eine Zäsur. Vor allem für die, die in ihrem Alltag oft als nicht­deutsch an­ge­sehen werden. Wie viel Angst haben heute noch die­jenigen, die da­mals dachten: „Das hätten wir sein kön­nen“? Wie steht es um das oft schon brü­chige Vertrauen der migran­ti­schen Com­mu­nitys in die Be­hör­den? Philine Sauvageot dis­kutiert mit Saba-Nur Cheema – Politik­wis­sen­schaft­lerin, Anti­rassis­mus-Trai­nerin, Özlem Gezer – „Spiegel“-Jour­na­lis­tin, Co-Au­torin der „Hanau-Pro­to­kolle“, Dr. Cihan Sinanoğlu – Leiter der Ge­schäfts­stelle des Natio­na­len Dis­kri­mi­nie­rungs- und Rassismus­mo­ni­tors.

(Sendung und Text: SWR2)

Bartoszewski: Ausstellung in Heidelberg

Oktober 5th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Politik, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen

Ausstellungsplakat: Bartoszewski (Foto: Dokuzentrum)Widerstand – Erinnerung – Versöhnung: Drei Bereiche im Leben des Auschwitz-Über­leben­den und ehe­ma­ligen polni­schen Außen­minis­ters Władysław Bar­toszewski. Die Aus­stel­lung widmet sich seiner Bio­grafie, indem sie auf diese drei Aspekte auf­merk­sam macht, die für ihn selbst am wich­tigsten waren und den besten Ein­blick in seine fa­cetten­reiche Per­sön­lich­keit geben.

Vom 6.10. bis 14.11. macht die Ausstellung im Doku­men­ta­tions- und Kul­tur­zentrum Deut­scher Sinti und Roma in Hei­del­berg Sta­tion. Die Schau wird am 5. Ok­to­ber um 19 Uhr in der Bre­meneck­gas­se 2 er­öffnet.

Es ist nicht nur erstaunlich, sondern grenzt geradezu an ein Wunder. Denn aus­gerech­net die deutsch-pol­nische Ver­söhnung wurde für Władysław Bartoszewski (1922–2015) zum Lebens­thema. Obwohl er die Gräuel der National­sozialis­ten mit­er­lebte, in KZ Auschwitz ver­schleppt wurde und sich nach seiner Ent­lassung am Warschauer Aufstand be­tei­ligte. Nach dem Zwei­ten Weltkrieg wurde der Intel­lek­tuelle und Politiker dann erneut zum Opfer eines totalitä­ren Systems. Vor dem Hinter­grund dieser per­sönlichen Er­fahrun­gen hat er sich bis zu seinem Tode oben­drein dem Schutz der Men­schen­rechte und dem Kampf gegen Rassismus ver­schrieben. Dabei enga­gierte sich der ehe­malige polnische Außen­minister und lang­jährige politischer Berater auch nach­drück­lich für die Rechte der Sinti und Roma.

Gezeigt wird ein Überblick über das Leben und Wirken des international geachteten Brücken­bauers, der nicht der nicht dem tra­ditio­nellen chrono­lo­gischen Lebenslauf dar­stellt, sondern jene Themen in den Fokus rückt, die Bar­toszewski am wich­tigsten waren und die einen span­nenden Einblick in seine facetten­reichte Per­sönlich­keit geben. Read the rest of this entry »

Obeť / Victim (Trailer)

September 22nd, 2022  |  Published in Film & Theater, Rassismus & Menschenrechte

Ein Spielfilm von Michal Blaško
Drehbuch: Jakub Medvecký
2022, SK/CZ/DE, 91 min | →Website


Der Film wird am 3.10. um 18.45 beim Filmfest Hamburg gezeigt.

Rassismus, Fake News und den Aufstieg der neuen Rechten. Irina ist eine allein­erzie­hende Mutter aus der Ukraine, die in einer tschechi­schen Klein­stadt lebt. Eines Nachts wird ihr 13-jäh­ri­ger Sohn Igor über­fallen und schwer ver­letzt. Als er aus der Nar­kose erwacht, be­schuldigt er die Roma-Nach­barn. Während die Polizei er­mittelt, solidari­siert sich die ganze Stadt mit Mutter und Sohn und kämpft an der Seite von Irina für Ge­rechtig­keit. Doch als eine große Kampagne anrollt, bei der ver­schie­dene Akteure aus Medien, Politik und Zivil­ge­sell­schaft den Vorfall für ihre eige­nen Zwecke nutzen wollen, wird Irina un­sicher.

MICHAL BLAŠKO (*1989 in Bratislava) studierte Regie und Drehbuch an der Film­aka­de­mie Miroslav Ondříček im tsche­chi­schen Písek und da­nach Regie an der Hoch­schule für Musische Künste Bratislava (VSMU).

(Filmfest Hamburg)

Broschüre „Antiromaische Hassverbrechen“

September 6th, 2022  |  Published in Dokumente & Berichte, Rassismus & Menschenrechte

Infoblatt "Antoromaische Hassverbrechen" (Oktober 2021)Factsheet des OSCE Office for Democratic Institutions and Human Rights (ODIHR)

→Deutsch: Antiromaische Hassverbrechen (pdf)
→Englisch: Anti-Roma Hate Crime (pdf)
→Romani: Xolinatar Kontra-Roma Krima (pdf)
weitere Sprachen →hier

Intoleranz und Diskriminierung begleiten die Gemein­schaf­ten von Rom*nja und Sinti*ze seit Jahr­hun­derten und stel­len in der OSZE-Region nach wie vor ein Problem dar, ein­schließ­lich schäd­licher Diskurse und Stereo­typisie­run­gen. Viel zu häufig ver­wandelt sich diese Intoleranz in anti­romaische Hass­verbrechen, wo­bei die Band­breite von Graffiti bis hin zu rassistisch mo­ti­vier­ter Gewalt reicht. Hassverbrechen haben er­hebliche und lang an­haltende Aus­wirkungen auf die Opfer, halten Un­gleichheit auf­recht und unter­graben die Sicherheit und den so­zia­len Zusammen­halt. Antir­omaische Hass­verbrechen sen­den eine Bot­schaft der Aus­grenzung an die Opfer und die Ge­mein­schaf­ten der Rom*nja und Sinti*ze sowie an die Gesell­schaft als Ganzes. Alle können dabei mit­wirken, gegen anti­romaische Hass­verbrechen und alle ande­ren Formen der In­toleranz und Dis­krimi­nie­rung vor­zu­gehen. Read the rest of this entry »

MIA: Lage der Ukraine-Flüchtlinge in Sachsen

August 30th, 2022  |  Published in Dokumente & Berichte, Rassismus & Menschenrechte

Die vor Kurzem in Deutschland eingerichtete Melde- und In­for­ma­tions­stelle Anti­ziganis­mus (MIA) macht auf einen neu­en Bericht auf­merk­sam:

MIA SachsenDie regionale Melde­stelle in Sachsen bei Romano Sumnal e.V. hat in den letz­ten Monaten einige anti­ziganis­tische Vorfälle beobachtet, die sich gegen aus der Ukraine ge­flüch­tete Roma in Sachsen rich­teten. In diesem ersten Bericht von MIA Sachsen zeigt die Melde­stelle diese Vorfälle auf und rich­tet sich mit For­derun­gen und Empfeh­lun­gen an die Öffent­lich­keit. (Text: MIA)

MIA Sachsen – Melde- und Informationsstelle An­ti­zi­ga­nis­mus/Ro­ma­no Sum­nal e.V. – Ver­band der Roma und Sinti in Sachsen, Leipzig (Hg.): Bericht zur Dis­kri­mi­nie­rung von aus der Ukraine ge­flüch­te­ten Rom*nja in Sachsen, August 2022. →Download (pdf)

Die Lehre aus Lichtenhagen

August 26th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Politik, Rassismus & Menschenrechte

Bundespräsident Steinmeier bei einer Rede (Archivbild)Gedenken 30 Jahre Rostock-Lichtenhagen

Rede des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, Rostock, 25. August 2022

Ganz besonders dankbar bin ich, dass heute Menschen wie Sie, Herr Thinh, und Sie, Herr Richter, hier mit uns zu diesem Gedenken zu­sammen­ge­kom­men sind – Menschen, die in jener Nacht vom 24. auf den 25. August 1992 im Sonnen­blumen­haus ein­geschlos­sen waren. Wir alle erinnern uns an die Bilder der Flammen, die aus den Fenstern des Hauses schlugen, auf grau­same Art bejubelt von tau­senden johlenden Men­schen davor. Aber Ihre Todesangst, Ihr Gefühl des Ver­lassen­seins in jenen Stunden können wir nur erahnen.

Hinter Ihnen lagen zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Nächte der Furcht. Nächte, in denen Steine in die Wohnun­gen geflogen waren. Ge­wor­fen von jungen Männern aus der hass­erfüllten Menge vor dem Haus. Polizisten, viel zu wenige, viel zu schlecht aus­gerüstet, hatten die Menschen im Haus, hatten Sie nicht be­schützen können. Dutzende Beamte wurden im Einsatz selbst verletzt.

Ich versuche mir vorzustellen, wie es gewesen sein muss. Jahrelang hatten die ehe­mali­gen viet­name­sischen Ver­trags­arbeiter hier in Lichtenhagen fried­lich mit ihren Nachbarn ge­wohnt. Und wie alle Lichten­häger konnten auch Sie seit Monaten die Menschen sehen, die auf der Suche nach Asyl zur völlig über­füllten Zentralen Auf­nahme­stelle neben­an kamen. Im selben Haus, einen Aufgang weiter. Sie sahen die Men­schen vor dem Haus campieren, viele von ihnen Sinti und Roma. Men­schen, die nichts hatten und hier auf alles hofften. Die Lage war desolat. Viel zu wenig geschah, um sie zu ver­bessern. Und wie jeder in Lichten­hagen, so spürten auch Sie die Spannung, die dann in jenen Nächten in rohe Gewalt und Hass mün­dete. Am 24. August brach­ten Busse die Asyl­bewerber aus dem Wohngebiet.

Dann, am Nachmittag, sammelten sich die Menschen vor dem Sonnen­blumen­haus – junge Leute, Schüler, Nachbarn, dazu Rechts­extremis­ten, die die Situa­tion für sich nutzten. Fernseh­teams waren da. Wie auf einem Sportfest habe es aus­gesehen, so be­schrie­ben Sie es, Herr Thinh, als die Schein­werfer sich auf das Haus richteten. Die Aus­schreitun­gen gingen weiter. „Und wir waren drinnen in der Falle“ – so haben Sie es später erzählt.

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