Die Lehre aus Lichtenhagen

August 26th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Politik, Rassismus & Menschenrechte

Bundespräsident Steinmeier bei einer Rede (Archivbild)Gedenken 30 Jahre Rostock-Lichtenhagen

Rede des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, Rostock, 25. August 2022

Ganz besonders dankbar bin ich, dass heute Menschen wie Sie, Herr Thinh, und Sie, Herr Richter, hier mit uns zu diesem Gedenken zu­sammen­ge­kom­men sind – Menschen, die in jener Nacht vom 24. auf den 25. August 1992 im Sonnen­blumen­haus ein­geschlos­sen waren. Wir alle erinnern uns an die Bilder der Flammen, die aus den Fenstern des Hauses schlugen, auf grau­same Art bejubelt von tau­senden johlenden Men­schen davor. Aber Ihre Todesangst, Ihr Gefühl des Ver­lassen­seins in jenen Stunden können wir nur erahnen.

Hinter Ihnen lagen zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Nächte der Furcht. Nächte, in denen Steine in die Wohnun­gen geflogen waren. Ge­wor­fen von jungen Männern aus der hass­erfüllten Menge vor dem Haus. Polizisten, viel zu wenige, viel zu schlecht aus­gerüstet, hatten die Menschen im Haus, hatten Sie nicht be­schützen können. Dutzende Beamte wurden im Einsatz selbst verletzt.

Ich versuche mir vorzustellen, wie es gewesen sein muss. Jahrelang hatten die ehe­mali­gen viet­name­sischen Ver­trags­arbeiter hier in Lichtenhagen fried­lich mit ihren Nachbarn ge­wohnt. Und wie alle Lichten­häger konnten auch Sie seit Monaten die Menschen sehen, die auf der Suche nach Asyl zur völlig über­füllten Zentralen Auf­nahme­stelle neben­an kamen. Im selben Haus, einen Aufgang weiter. Sie sahen die Men­schen vor dem Haus campieren, viele von ihnen Sinti und Roma. Men­schen, die nichts hatten und hier auf alles hofften. Die Lage war desolat. Viel zu wenig geschah, um sie zu ver­bessern. Und wie jeder in Lichten­hagen, so spürten auch Sie die Spannung, die dann in jenen Nächten in rohe Gewalt und Hass mün­dete. Am 24. August brach­ten Busse die Asyl­bewerber aus dem Wohngebiet.

Dann, am Nachmittag, sammelten sich die Menschen vor dem Sonnen­blumen­haus – junge Leute, Schüler, Nachbarn, dazu Rechts­extremis­ten, die die Situa­tion für sich nutzten. Fernseh­teams waren da. Wie auf einem Sportfest habe es aus­gesehen, so be­schrie­ben Sie es, Herr Thinh, als die Schein­werfer sich auf das Haus richteten. Die Aus­schreitun­gen gingen weiter. „Und wir waren drinnen in der Falle“ – so haben Sie es später erzählt.

Mehr als 120 Menschen waren eingeschlossen im Haus. Männer, Frauen, Kinder, ein Jour­nalisten­team, der Ausländer­beauftragte der Stadt, Helferinnen. Von draußen wurden Molotowcocktails ge­worfen. Und immer, wenn wieder ein Feuer loderte, jubelten Anwohner. Es waren Tausende, die zu­schauten, grölten und klatschten. Die Polizei war zu schwach auf­gestellt, konnte ihnen nichts ent­gegen­setzen. Die Feuerwehr konnte nicht löschen. Angreifer drangen in das Haus ein, mit Stöcken bewaffnet. Der menschen­feind­liche Hass war mitten in der Gesell­schaft an­gekommen.

Es müssen unendlich furchtbare Stunden gewesen sein. Stunden, in denen Sie alle in diesem Haus Todesangst ver­spüren mussten. Nur durch eigene Kraft, durch Mut und etwas Glück in der Katastrophe konnten die ein­geschlos­senen Menschen sich selbst retten – erst aufs Dach, am Ende über einen anderen Aufgang in Busse, in eine Turnhalle. Ihre Todes­angst nahmen sie mit. Und die Angreifer? Sie haben an­gegrif­fen, weil sie sich aus­geredet hatten, es mit Menschen zu tun zu haben.

Warum erzähle ich das heute hier so detailreich? Viele von Ihnen waren dabei. Sie haben diese Nacht erlebt. Sie haben sie überlebt. Die Erin­nerun­gen daran haben sie seither in ihrem Leben be­gleitet. Viele andere, die nicht dabei waren – auch ich –, erinnern sich mit einem dumpfen Schrecken an die Bilder jener Tage. Das Bild vom Sonnen­blumen­haus hat sich als Symbol in die Erinnerung unseres Landes ein­gebrannt. Rostock-Lich­ten­hagen 1992: Das waren die schlimms­ten ras­sisti­schen Übergriffe seit der Grün­dung unse­res Landes. Es folgten weitere hass­erfüllte, men­schen­feind­liche Verbrechen. Es waren fins­tere Stunden für unser Land.

Wenn wir über diese Nächte sprechen, kommen wir schnell an den Punkt, an dem jemand sagt: Was hier passiert ist, war un­vor­stell­bar. Das sagt sich leicht, und es ist als Gefühl auch nach­voll­ziehbar. Aber es ist falsch.

Wir haben aus den dunkelsten Kapiteln unserer deutschen Geschichte gelernt: Die Idee von der Un­vorstell­barkeit ist ein ver­hängnis­voller Denkfehler. Un­vorstell­barkeit ist eine Schutz­formu­lie­rung, um sich nicht weiter damit befassen zu müssen, was gerade geschieht – oder wie ge­schehen konnte, was geschehen ist. Wir dürfen uns nicht hinter der Be­hauptung von Unvorstell­barkeit ver­stecken.

Die entscheidende Frage ist doch: Wie konnte es passieren?

Diese Frage darf nicht in der Luft hängenbleiben. Sie zu beantwor­ten bedeutet, präzise zu be­nennen, was war. Es bedeutet, Ursachen zu finden und Ver­ant­wortung zu über­nehmen.

Ich weiß, es gibt in Rostock-Lichtenhagen nicht wenige, die sich wünschen, dass man die Dinge ruhen lasse. Umso froher und dankbarer bin ich den vielen, die sich mittler­weile seit Jahr­zehnten – und in den ersten Jahren sehr oft gegen große Wider­stände – für die Aufarbeitung und Er­in­nerung en­gagieren. Ich konnte mir heute bei meinem Besuch in Lichten­hagen einen Eindruck davon verschaffen.

Mit jedem Jahrestag in Lichtenhagen steigt bei einigen auch die Sorge, dass die Stadt, ja dass der ganze Osten immer aufs Neue stig­matisiert werde. Sie hier haben Ihre Erfah­rung damit gemacht.

Ich sage es ganz deutlich: Der Kern dieser Frage ist nicht der nach Ost und West. Der Kern ist die Er­kenntnis, wozu eine Gesell­schaft im schlimms­ten Fall in der Lage ist – und wie sie sich im besten Fall dagegen wappnen kann, dass es nicht wieder geschieht.

Die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen waren eine Katastrophe mit Ansage. Diese Katastro­phe passierte auch mit Blick auf die ge­sam­te Bundesrepublik nicht aus dem Nichts. Die Aus­schreitungen dieser Tage gediehen auf dem Boden einer teils hass­erfüllten Debatte. Der Staat hätte gewarnt sein müssen: Schon am 25. Novem­ber 1990 hetzten und schlugen Neonazis in Eberswalde den jungen angola­nischen Vertrags­arbei­ter Amadeu Antonio zu Tode. Und ein Jahr vor Rostock, im September 1991, hatte ein Mob vietname­sische Vertrags­arbeiter in Hoyerswerda attackiert. Flücht­lings­wohnheime wurden an­gegriffen. An­wohner applau­dierten. Die Angegrif­fenen mussten mit Bussen evakuiert werden. 32 Men­schen wurden verletzt.

Die Ausschreitungen von Rostock waren also vorstellbar, sie waren vermeidbar. Der Staat hatte die Menschen an ver­schiedenen Stellen allein­gelassen. Allein­gelassen waren schon Wochen zuvor die Asyl­su­chenden, die mit Kind und Kegel vor dem Haus cam­pier­ten. Allein­gelassen waren in jenen Wochen auch die Anwohner. Ihre Klagen über die un­überseh­baren und unhalt­baren Zustände vor der Zentralen Aufnahme­stelle für Asyl­suchende wurden nicht gehört. Ihre Frage, wie man die Situation ver­bessern werde, wurde nicht be­antwortet.

All das ist umso unverzeihlicher, weil zeitgleich alle auf die Situa­tion schauten. Man konnte sehen, was pas­sierte: Die Zeitungen berich­teten schon Tage vorher von anony­men Drohungen, von Ge­sprä­chen mit An­wohnern. Von einer „heißen Nacht“, in der „für Ordnung“ ge­sorgt wer­den solle. „Die Roma werden aufgeklatscht“, hieß es da. Und noch etwas wurde an­ge­kündigt: „Die Leute werden aus den Fenstern schauen und Beifall klatschen.“ Und dann pas­sierte, was passierte.

Alleingelassen waren in jener Nacht aber vor allem die rund 120 Menschen im Haus Num­mer 19. Es ent­setzt mich, wenn ich höre, dass diese Men­schen den Rat bekamen, die Vor­hänge zu­zu­ziehen, damit man sie nicht entdeckt. Es war also klar, dass zu diesem Zeit­punkt niemand den Schutz der ver­bliebenen Men­schen als oberste Priorität begriff. Der Rechtsstaat, der die Pflicht hatte, sie zu be­schützen, hat sie alleingelassen. Und so waren sie einer ent­fesselten Menge von Menschen aus­gesetzt, von denen viele in den Jahren zuvor ihre Nachbarn waren.

Was in Rostock geschah, ist eine Schande für unser Land. Für diese Schande trägt die Politik gro­ße Mit­ver­antwortung.

Man darf die Ereignisse von Rostock nicht singulär und auch nicht losgelöst von der damals aktuellen politi­schen Diskussion betrachten. Die Nächte von Lichten­hagen waren ein furcht­barer Auswuchs in einer gan­zen Welle von men­schen­feindli­chen Aus­schreitun­gen und von Anschlägen auf Migranten, bei denen viele Men­schen getötet wurden. Das Sonnenblumenhaus hat sich auch de­shalb in unser kollekti­ves Gedächtnis ein­gebrannt, weil es die Fernseh­bilder gab. Weil man über Tage prak­tisch in Echtzeit dem Schrecken bei­wohnte. Viele der bundes­weit 2.277 Angriffe auf Migranten, welche die Sicher­heits­behörden allein 1992 zählten, sind unter einer Schicht des Ver­gessens begraben. Aber sie sind passiert. In Lichtenhagen gab es wie durch ein Wunder keine Toten. Nach Lichten­hagen geschahen die Mord­anschläge von Mölln, von Hünxe, von Solingen, von Lübeck. In Mölln gab es drei Mordopfer, in Solin­gen wurden fünf An­gehörige der Familie Genç ermordet, in Lübeck kamen bei einem Brand­anschlag auf ein Asyl­bewerber­heim zehn Men­schen zu Tode. Eine Spur rechter Gewalt zog sich durch Deutschland.

Den Boden für diese Welle der von Rechtsextremisten befeuerten Gewalt bereitete auch die politisch auf­ge­heizte Debatte. Rechts­radikale Parteien lagen im Aufwind. Die Rhetorik auch der Parteien im de­mokra­ti­schen Spektrum war res­sentiment­geladen. Auf klare Ver­urteilungen der Aus­schreitungen wartete man da­gegen lange.

Im Land selbst waren es dann glücklicherweise die Bürgerinnen und Bürger, die eine Antwort auf die Ausschrei­tungen fanden. Sie kamen zu Zehn­tausenden nach Rostock, um ihr Erschrecken, ihre Erschüt­terung und ihre Solidarität zu zeigen. Zu Hundert­tau­sen­den vers­ammelten sie sich im Winter 1992 überall im Land zu Lichterketten. Diese Bür­gerin­nen und Bürger zeigten, was wichtig ist: Zusammen­halt, Fried­fertigkeit, Ge­meinschaft.

Auch viele Rostockerinnen und Rostocker haben sich gefragt, was die Antwort auf jene Nächte sein kann. Sie, Herr Thinh, haben später davon be­richtet, wie Sie sich ge­mein­sam Gedanken darüber machten, wie Sie nach diesen Tagen weiter in Rostock leben können. In diesen Tagen, so sagten Sie, ent­stand die Idee, den Verein Diên Hông zu gründen. Ihre Ant­wort auf den Hass war: das Mit­einander. Für Ihre Beharr­lichkeit und Ihre Zuversicht bin ich voller Be­wun­derung und Respekt.

Ihnen allen, die Sie in diesem Haus überlebt haben, ist es zualler­erst zu verdan­ken, dass ein Zu­sammen­leben weiter möglich ist. Wir sind Ihnen dankbar für diese Kraft.

Heute konnte ich mir auch den buddhistischen Tempel der vietnamesi­schen Gemeinde ansehen. Welch einen wunder­schönen, fried­lichen Ort der inter­kulturel­len Begegnung haben Sie hier in Lich­ten­hagen geschaffen!

Die Stadt Rostock und die Bürgerschaft haben enorme Anstrengungen unter­nommen, um die Ereig­nisse auf­zu­klären, an sie zu erinnern – und sich gegen eine Wieder­holung des Schreckens zu wappnen. Es ist auch an einem solchen Tag wie heute wichtig, deut­lich zu machen: Der Nächte von Lichten­hagen zu gedenken be­deutet nicht, die wundervbare, viel­fältige Hanse­stadt Rostock auf diese Er­eignisse re­du­zieren zu wollen. Im Gegen­teil: Es be­deutet, die eigene Geschichte ernst zu nehmen und aus ihr zu lernen.

Das Stadtteil- und Begegnungszentrum, das schon 1993 errichtet wurde, um Jugend­li­chen und jungen Er­wachsenen einen Anlauf­punkt zu bieten, ist zu einem wichtigen Zentrum für alle Lichten­häger geworden. In­zwi­schen hat der Stadtteil eine Quartiers­managerin und ist zum Förder­gebiet des Bundes- und Landes­pro­gramms „Soziale Stadt“ geworden. Bei meinem Besuch vorhin im SBZ haben mir Schülerin­nen und Schüler der be­nach­barten Hundert­was­ser-Ge­samt­schule von ihrem Alltag hier berichtet.

Sie sind in dem Alter, in dem einige jener Jugendlichen vor dem Sonnen­blumen­haus damals waren. Aber heute haben sie einen gemein­sa­men Ort; und Zu­sammen­halt, Gemein­samkeit, Respekt, sie brauchen immer einen Ort.

Die Nächte von Rostock-Lichtenhagen sind nicht vergessen.

Auch die Gewalt von damals, jene Spur rechten Terrors ist leider immer noch da. Sie zieht sich, in Wellen, durchs Land. Wir sahen sie in der furchtbaren Terrorserie des so­ge­nannten National­sozia­listi­schen Unter­grundes. Wir sahen sie 2015 in Heidenau und Freital. Sie zieht sich durch Kassel, Halle und Hanau. Viel zu lange haben wir diese Spur nicht ernst genug ge­nom­men. Dabei hätten wir schon aus Rostock-Lichten­hagen die richtigen Lehren ziehen müssen. Sie sind bis heute ak­tuell, und drei von ihnen will ich hier fest­halten.

Wir wissen es eigentlich alle: Worte können Waffen sein. Mit Worten kann man das Gewalt­potenzial einer Gesell­schaft akti­vieren – und man kann es instru­men­tali­sieren. Damals war die politische Debatte so, dass sie die Gewalt be­feuerte. Wir haben auch in jün­gerer Zeit schmerz­lich erlebt, wie aus Worten Taten werden – der tödliche Terror­anschlag gegen den Kommunal­politiker Walter Lübcke erinnert uns an die mörderi­sche Radikalisierungs­kraft der Worte. Die Häme, die sich nach seinem Tod in soziale Netzwerke er­goss, erinnert uns daran, wie kurz der Weg zur Ent­mensch­li­chung des Gegen­übers im digitalen Raum sein kann.

Es gilt also, verbal abzurüsten. Ich beobachte mit Sorge, wie sich die Grenze zwischen dem Sagbaren und dem Un­sagbaren ver­schiebt. Dies zu ver­hindern muss, bei aller Not­wendig­keit zur Kontro­verse, die oberste Pflicht derer sein, die sich zu Wort melden. Politiker, Medien, Publizisten sind hier in einer ganz beson­deren Ver­antwor­tung. Und für uns alle gilt es, den Mechanismen der sozialen Medien zu wider­stehen, welche aus­gerechnet das wider­lichste verbale Schwert mit größter Reich­weite belohnen.

Die zweite Lehre betrifft jeden von uns ganz direkt – und sie betrifft auch diejeni­gen in politischer Ver­ant­wortung: Der Staat muss jeder­zeit alles ihm Mögliche tun, jeden einzel­nen Bürger in der offenen Gesell­schaft gegen Angriffe zu schützen. Viel zu lange haben wir die Gefahr des rechten Terrors nicht ernst genug genommen. Ein Staat, der zu lange zuschaut oder unter­reagiert, schützt die Gefährdeten nicht aus­reichend vor den Ge­fährdern. Ein Staat, der im ent­schei­denden Moment ab­wesend ist, nimmt furchtbare Folgen in Kauf. Die Notwendigkeit, unsere Demokratie wehrhaft zu machen, ist eine zentrale Erkennt­nis aus unserer Geschichte, auch unserer jüngeren und jüngsten Geschichte. Wir dürfen das nicht vergessen.

Fürs friedliche Zusammenleben allerdings kommt es auch auf jeden Einzelnen an. In Rostock-Lichten­hagen, in Heidenau und bei den jüngsten Aus­schreitungen während der Proteste in der Pandemie galt: Es war jeder­zeit möglich, Nein dazu zu sagen.

Es war möglich, nicht zu applaudieren, wenn ein Brandsatz durchs Fenster flog. Es war mög­lich, nicht in den Sprech­chor ein­zu­fallen, der drei Nächte lang ertönte. Es war nicht nur mög­lich: Der Verzicht auf Hetze und Gewalt ist in einer offenen Gesell­schaft die erste Bürgerpflicht.

Die dritte Lehre aus Lichtenhagen ist für uns heute besonders wichtig: Wenn eine Gesell­schaft unter Ver­ände­rungs­druck steht, dann bietet sich der Weg der Radikalisierung an, weil er ein­fache Lösungen vor­gaukelt. Die einfachste aller Lösungen ist die Suche nach einem ver­meint­lich Schuldigen. Die Kon­frontation mit einer un­gewissen Zukunft scheint diesen Reflex zu bestärken: die Suche nach dem Glied in der Gesell­schaft, das zum Sündenbock ge­macht wird. Oft reicht dafür Ver­schiedenheit aus. Aus ihr wird dann Feind­schaft konstruiert. Es ist der zer­stö­re­rischste Reflex für eine offene Gesellschaft.

Für uns heißt das: Das Risiko, dass die Spur der Gewalt nicht endet, ist hoch. Gerade jetzt, in einer Zeit, die uns heraus­fordert wie keines der letzten Jah­rzehnte, einer Zeit, die uns viel abverlangt, in der Ge­wohntes in Frage steht und Ein­schränkun­gen drohen.

Das Risiko, Opfer zu werden von kollektiver Wut, Hetze und Gewalt, tragen aber nicht alle in gleicher Weise. Das gilt für Lichten­hagen, für Mölln, für Halle, für Hanau. Aus dieser Er­kennt­nis folgt eine gesell­schaft­liche Pflicht. Es gilt für uns alle, denjenigen Schutz zu bieten, die po­tenziell Opfer sind. Es gilt für uns alle, wachsam zu sein für haarfeine Risse im Zu­sammen­leben, wehrhaft gegen die Feinde dieser Gesellschaft, fried­fertig im Umgang mit­einander und solidarisch mit den Be­drohten. Wir dürfen sie niemals im Stich lassen.

Das ist die Lehre aus Lichtenhagen.

(Text: www.bundespraesident.de)

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