Archive for September 5th, 2023

Affäre Aiwanger: „Unfassbarer Zynismus“

September 5th, 2023  |  Published in Geschichte & Gedenken, Politik

Geschichtspolitischer Klimawandel: Hubert Aiwanger (Foto: World Tourism Organization/UNWTO), Lizenz: CC BY-NC-ND 2_0„Nicht ernst gemeint!“: Zentralrat Deutscher Sinti und Roma weist die jetzt vor­ge­legte öf­fent­li­che Ent­schul­di­gung des stell­ver­tre­ten­den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Bayerns Hubert Ai­wan­ger zu­rück. Der Zentral­rat be­fürch­tet Ver­harm­lo­sung der natio­nal­so­zialis­ti­schen Ver­­bre­chen.

Sein Verhalten gegenüber den Millionen Er­mordeten jüdischer Men­schen und Sinti und Roma ent­schul­digt Herr Aiwanger heute mit seinem dama­ligen jugend­lichen Alter. Dabei sieht sich Herr Aiwanger selbst als ein Opfer einer politi­schen Kam­pagne und weist gleich­zeitig die öffent­liche Kritik an seiner Person zurück. Dies kann nicht ak­zep­tiert werden.

Dieser unfassbare Zynismus ist unverzeihlich. Er schadet den Bemü­hun­gen von Bildungs­ein­richtun­gen, die die Ver­ant­wortung für unse­re Demokratie und unse­ren Rechtsstaat über­nehmen, und stärkt das Agieren von demo­kratie­feind­li­chen Parteien.

Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, sieht in dieser auf­ge­heizten Dis­kussion auch eine ge­sellschafts­politische Klima­ver­änderung, deren Ziel die Stärkung eines neuen Rechts­extre­mismus und Natio­nalis­mus ist. Read the rest of this entry »

Der Völkermord und die Bundesrepublik

September 5th, 2023  |  Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, Politik, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht, Wissenschaft

Sebastian Lotto-Kusche: Cover 2022Sebastian Lotto-Kusche: Der Völkermord an den Sinti und Roma und die Bun­des­repub­lik. Der lange Weg zur An­er­ken­nung 1949–1990 (=Schrif­ten­rei­he der Viertel­jahres­hefte für Zeit­ge­schichte, 125), De Gruyter Ol­den­bourg, Berlin 2022, 264 S.

Die Studie untersucht die diskursiven Kämpfe um die Anerkennung des NS-Völker­mords an Sinti und Roma in der Bundes­republik bis 1990. Dabei wird unter An­erken­nung zweier­lei ver­standen: die Ak­zeptanz der Verbände der Sinti und Roma als legitime Gesprächs­partner der Bundes­regierung sowie die Be­wertung der „NS-Zi­geuner­ver­folgung‟ als „rassisch‟ moti­viertes Verbrechen in Politik und Wissen­schaft. Auf der Grund­lage um­fassenden Quellen­materials von Bundes­behörden und politischen wie zivil­gesell­schaft­li­chen Akteuren ent­steht eine Diskurs­geschichte dieses lang­wierigen An­erkennungs­pro­zesses. Sie zeigt, dass bis tief in die 1960er Jahre hinein ein durch und durch rassisti­sches Bild der na­tio­nal­sozialis­ti­schen Politik gegen Sinti und Roma vor­herrschte. Dieser Denkstil, der von traditio­nellen Vor­urteilen über „Zigeuner­kriminalität‟ ge­prägt war, geriet in den 1970er Jahren mit der Rezeption von inter­natio­na­len For­schungs­arbeiten im­mer stärker unter Druck. Doch erst in den 1980er Jahren begann mit der An­erken­nung der Sinti und Roma als Gesprächs­partner durch Bun­des­kanzler Helmut Schmidt auch die Er­forschung des NS-Mas­sen­verbrechens.

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