Ein Engel auf der Schulter
September 9th, 2023 | Published in Geschichte & Gedenken, Interview, Literatur & Bücher, dROMa (Magazin)
Aus dem dROMa-Archiv (51/2017):
Hörbuch: Der holländische Sinto Zoni Weisz erzählt seine Biografie
„Was auch passiert ist, was ich auch verloren habe“, sagt Zoni Weisz: „Ich bin ein sehr glücklicher Mensch.“ und das, obwohl seit seiner Kindheit ein schrecklicher Schatten über seinem Leben lag – seit dem 19. Mai 1944, als er als Siebenjähriger mitansehen musste, wie seine Sinti-Familie vom Lager Westerbork nach Auschwitz deportiert wurde.
Er selbst entging dem Transport, dank einem niederländischen Polizisten, der ihm im letzten Moment am Bahnsteig zur Flucht verhalf: „Wenn ich meinen Hut abnehme, musst du laufen, laufen!“, flüsterte ihm der Polizist zu. Und Zoni lief los und rettete sich in einen losrollenden Personenzug. In wechselnden Verstecken überstand er die folgenden Monate – in den Wäldern, bei Bauern, in einer Molkerei, in steter Angst vor den deutschen Patrouillen. Doch Zoni überlebte: „Die ganze Zeit“, sagt er, „war ein Engel auf meiner Schulter.“
Das alles erzählt der heute 80-Jährige ohne Skript, so direkt und anschaulich, dass man sich wünscht, diese Doppel-CD stünde in jeder Schulbibliothek. 120 Minuten lang berichtet Zoni Weisz von den Etappen seines Lebensweges: vom Kindheitsidyll im Pferdwagen, das mit dem deutschen Einmarsch ein jähes Ende fand; und vom „schwarzen Loch“, das folgte, als seine Familie verhaftet wurde. „Alles, was wichtig ist in deinem Leben, ist weg!“
Aber Zoni schaffte den Neubeginn: Bald nach der Befreiung kam er als Aushilfskraft bei einem Floristen unter und fand dort, zwischen Blumengestecken und -gebinden, seine Berufung. Unterbrochen nur von einem Militärdienst im Urwald von Surinam, arbeitete sich Zoni Weisz mit eiserner Disziplin nach oben, vom Lehrbub bis zum führenden Floristen seines Landes, dem 2002 sogar der Blumenschmuck der königlichen Hochzeit anvertraut wurde. Read the rest of this entry »