Rezension: Dreimal spucken
Dezember 14th, 2020 | Published in Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, dROMa (Magazin)
Ein Bilderroman aus Italien
Beinahe wäre Davide Reviati mit diesem Comicband ein meisterhaft gezeichnetes und erzähltes Glanzstück dieses Genres gelungen. Doch er verknüpft die Erinnerungen an eine italienische Jugend mit der Geschichte der Roma. Einem Thema, dem die Erzählung dann doch nicht ganz gewachsen ist.
Es ist ein Buch voller Schatten, flirrender Traumgebilde, unsicherer Böden. In der Graphic Novel des italienischen Zeichners Davide Reviati, die nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt, fließen Realismus und albtraumhafte Sequenzen unentwegt ineinander. Und nicht immer ist klar, wo das eine endet und das andere beginnt.
In dem fast 600 Seiten starken Buch erzählt Reviati eigentlich gleich zwei Geschichten: Da ist zum einen die autobiografisch inspirierte Schilderung eines Heranwachsens in der norditalienischen Provinz, irgendwann in den 1960er oder 1970er Jahren, in einer kleinen Ortschaft, wo die Kinder auf den Feldern herumtollen und die Jugendlichen die Zeit mit Gin und Joints totschlagen. Im Mittelpunkt der Handlung stehen die Berufsschüler Guido, Grisù und Katango, die mit ihrem Leben nichts recht anzufangen wissen. Im Unterricht lassen sie sich nur selten blicken, stattdessen kiffen sie unten am Fluss, ziehen durch die Dorfdiskos oder spielen Billard in der Bar.
Ist doch scheißegal
Und da ist zum anderen die Geschichte der spannungsgeladenen Begegnungen mit einer Roma-Familie aus Slowenien, die sich am Ortsrand in einem verfallenen Bauernhaus niedergelassen hat. Im Dorf selbst will man von den „Zigeunern“ nichts wissen. Man kennt einander, aber man hält sie auf Distanz, verweist sie unwirsch auf ihren Platz, draußen vor dem Dorf. „Mehr weiß ich nicht, und das ist noch zu viel“, konstatiert der Erzähler einmal: „Ist doch scheißegal. Zigeuner eben, was braucht man da zu wissen?“
Viel erfährt man auch vom Roma-Mädchen Loretta nicht. Sie begegnet den Lesern immer nur aus der Perspektive der Jugendlichen, die ihr mal verächtliche, mal begehrliche Blicke hinterherwerfen. Read the rest of this entry »