„Ein neues Etikett“

Dezember 17th, 2024  |  Published in Einrichtungen, Interview, Jugend & Bildung, Politik, Rassismus & Menschenrechte, Romani, dROMa (Magazin)

IM GESPRÄCH | ANDO VAKERIPE

IM GESPRÄCH | ANDO VAKERIPE: Bildungsexpertin und Politikerin Tina Gažovičová (Foto: Tina Gažovičová/Facebook)Expertin: Romani-Schulen sind keine Lösung

Mit muttersprachlichem Unterricht sollen den Ro­­ma-Kin­dern in der Slo­wa­kei end­lich Steine aus dem Weg ge­räumt werden. Das Mi­nis­te­ri­um sieht dies auch als „Bei­trag zur Be­kämpfung der Se­gre­ga­tion“. Aber was be­deu­tet das? Wir ha­ben bei der Bil­dungs­ex­per­tin Tina Gažo­vi­čová in Bratislava nach­ge­fragt.

dROMa: In der Slowakei wird es bald eine Schule mit der Unter­richts­sprache Romani ge­ben (→mehr hier). Ist das ein sinn­voller Weg?
Tina Gažovičová: Die Frage ist in der Slowakei sehr umstritten. Auch die politi­schen und intel­lek­tuellen Ver­treter der Roma-Min­der­heit in der Slowakei haben unter­schied­liche Meinungen zu diesem Thema. Einer­seits stimmt es, dass viele Roma-Kinder in der Slowa­kei Romani als Mutter­sprache haben und es daher für sie hilf­reich sein könnte, Ro­mani auch in der Schule zu lernen. Unser Schul­gesetz beinhaltet das Recht der Minder­heiten, in ihrer Mutter­sprache unter­richtet zu werden, und wir haben in der Slowakei eine lange Tradition von Schulen für die ungarische Minder­heit. Im Falle der Roma-Min­der­heit wurde dies jedoch nie um­ge­setzt, da es nur sehr wenige Roma­ni-Lehrer gibt und außer­dem die ver­schie­denen Dialekte vom kodi­fizierten Romani ab­weichen. Daher gibt es nur wenige Schulen, in denen Romani als Fach unter­richtet wird, aber bisher keine mit Romani als Unter­richts­sprache.

Was spricht inhaltlich dagegen?
Das Argument gegen Schulen mit Romani als Unterrichtssprache ist, dass sie Segregation (Anm.: schuli­sche Ab­sonde­rung) und sozialen Aus­schluss der Roma-Min­der­heit weiter ver­tiefen. In den letzten Jahr­zehn­ten hat sich die Segre­gation von Roma-Kind­ern im Schul­wesen in der Slowakei ver­schärft. Es gibt viele Dörfer, in denen es früher eine „ge­mischte“ Schule gab, die sowohl von Roma- als auch von slowa­kischen, manchmal auch un­garisch­spra­chigen Kindern besucht wurde. Die Zahl der Slowaken in diesen Dörfern nimmt jedoch ab, während die Roma-Be­völ­ke­rung zu­nimmt, was zum Phä­nomen der „weißen Flucht“ geführt hat, so dass diese Schulen heute nur noch von Roma-Kindern besucht werden. Das Dorf Rakúsy könnte ein ähn­licher Fall sein.

Schulen für Slowaken

Getrennte Schulen entstehen oft erst, weil slowakische Eltern ihre Kinder aus der Schule nehmen? Es pas­siert eine „Ent­mischung“?
Ja, in vielen Dörfern fahren die verbliebenen slowakischen Familien ihre Kinder in die nächst­gele­gene Stadt. In einigen Fällen wurden sogar Privats­chulen ein­ge­richtet, die nur von Slowaken besucht werden. Die Segre­gation ist ein großes Problem in der Slowakei, und eine solche Schule als „Roma-Na­tiona­li­täten­schule“ zu de­kla­rieren, kann auch als ein Weg gesehen werden, dem Problem der Segre­gation ein neues „Etikett“ zu ver­passen, anstatt es zu lösen.

Was bedeutet das Beispiel von Rakúsy für andere Schulen?
Was die Auswirkungen auf andere Schulen betrifft, so wird es noch einige Zeit dauern, da es in der Slowakei noch nicht genü­gend Roma­ni-Lehrer gibt. Aber der Trend könnte sein, dass mehr und mehr Schulen, die jetzt nur von Roma-Kin­dern besucht werden, Roma­ni-Klassen eröffnen und sich als „Roma-Na­tio­nalitä­ten­schulen“ de­klarieren.

Also alles in allem eine problematische Entwicklung?

Wie bereits erwähnt, sehe ich durchaus die positiven Auswirkungen, was die Stärkung der Kennt­nisse ihrer Mutter­sprache und ihres kultu­rellen Erbes betrifft. Ich sehe aber auch große Risiken darin, die Segre­gation der Roma-Kinder auf diese Weise zu be­kräfti­gen. Daher würde ich es vor­ziehen, wenn die Sprachen der natio­nalen Minder­heiten, wie zum Beispiel der Ro­mani-Un­ter­richt, nur ein Fach in ethnisch ge­mischten Schulen wäre, anstatt ge­trennte „Natio­na­litä­ten­schulen“ für Roma zu unter­stützen.

Tina Gažovičová befasst sich als Bildungsexpertin mit schulischer Inklusion und Min­der­heiten­sprachen im Bildungs­wesen. Sie arbe­itete als wissen­schaft­liche Mit­arbei­terin bei ver­schie­denen Or­gani­satio­nen in Bratislava und Berlin, bevor sie 2020 als Be­raterin für In­tegra­tion ins Bil­dungs­ministe­rium wechselte. Seit Herbst 2023 sie ist Parla­ments­ab­ge­ord­nete der Partei „Progres­sive Slowakei“.


Das Gespräch führte Roman Urbaner.

„Geförderte Isolation“

Das Rahmenübereinkommen des Europarats zum Schutz nationa­ler Minder­heiten besagt, dass An­ge­hörige einer Minder­heit das Recht haben, Bildungs­ein­richtun­gen zu gründen und zu be­treiben, wenn sie dies wünschen. Dies ist aber keine Er­laubnis des Staates, ge­trenn­te Roma-Schulen zu er­richten. Das UNESCO-Über­ein­kom­men gegen Dis­kriminie­rung im Unterrichts­wesen, dem die Slowakei bei­ge­treten ist, fordert aus­drück­lich die Be­sei­tigung von Dis­kriminie­rung und die Förderung der Chancen­gleich­heit im Bildungs­wesen. Allerdings könnte die Schaf­fung einer Roma-Na­tiona­litäten­schule diesen Grund­sätzen zu­wider­laufen, da sie zu einer staatlich ge­förder­ten Isolation führen könnte.

Rado Sloboda, Direktor von Amnesty International Slowakei

Aus: dROMa 74, Sommer/Linaj 2024
(→Themenheft / themakeri heftlina: „Nachbarn / Nochbertscha“)

Siehe auch:
Das Experiment von Rakúsy, 24.11.2024


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