Piräus: Keiner half sterbendem Roma-Kind

Dezember 3rd, 2021  |  Published in Rassismus & Menschenrechte

Griechenland: Aufnahmen der Sicherheitskamera, rechts das vom Metalltor eingeklemmte Kind, in der Mitte ein Mann, der vorbeigeht (Foto: StarGR)Griechenland: Achtjähriges Roma-Mädchen wird von Fabrik­tor er­drückt und nie­mand hilft. Drei Per­so­nen we­gen fahr­läs­si­ger Tö­tung an­ge­klagt, Polizei spricht von Ver­tu­schung.

RAN: Am 17. November gegen 17.30 Uhr sucht das acht­jäh­rige Roma-Mäd­chen Olga Zuflucht im Hof einer Fabrik in Keratsini, einem Vor­ort von Piräus bei Athen. Als sie ver­sucht, das Ge­lände zu ver­lassen, wird ihr kleiner Körper nicht nur ein­mal, sondern zwei­mal von einem schweren Metall­schiebe­tor ge­troffen. Nie­mand hilft ihr.

Fünf Tage nach dem Tod des kleinen Mädchens wer­den Auf­nahmen einer Sicher­heits­kamera ver­öffent­licht. Sie zeigen, wie Fabrik­arbeiter eine bei­spiel­lose Gleich­gültigkeit ge­gen­über dem acht­jährigen Ro­ma-Mäd­chen an den Tag le­gen, das vor ihren Augen stirbt. Sie tun nichts, um zu helfen – wahr­schein­lich auf An­weisung der Ge­schäfts­leitung.

20 Minuten lang scheint das kleine Mädchen nach Luft zu ringen, aber nie­mand hilft ihr. Ein Fabrik­arbeiter geht an dem Mädchen vorbei, wen­det den Kopf und geht weg. Fast eine Minu­te später kehrt der Arbeiter zurück, und an­statt dem Kind zu helfen, geht er in die Lager­halle. Die Aufnahmen zeigen, wie er mit seinem Handy tele­foniert, wieder an dem kleinen Mädchen vorbei­geht und sich zum zweiten Mal gleich­gültig ver­hält. Er schaut sie an, legt auf und geht weiter. Vom ersten Mo­ment an haben zwei bis drei Arbeiter ge­sehen, dass Olga an dem Fabrik­tor zu­sammen­gebro­chen ist, aber keiner hat etwas unter­nom­men, um ihr zu helfen.

17:55:02: Das Video zeigt, wie ein Angestell­ter an dem kleinen Mädchen vorbei­geht, das wieder zwi­schen Tür und Wand ein­geklemmt ist, und sie an­sieht, aber nicht an­spricht.

17:57:13: Die Tür öffnet sich schließlich und das Mädchen fällt zu Boden. Zwei Arbeiter nähern sich ihr und stehen mit einer Taschen­lampe über ihr. Dann gehen sie ein paar Schritte zu­rück, reden mit­einander und gehen weg, wäh­rend sie das hilflose Mädchen zu­rück­lassen.

Um 18:05 Uhr fährt ein Auto an dem kleinen Mädchen vorbei. Unmittel­bar danach ver­lassen die Fabrik­arbeiter das Gelände auf An­weisung, wie sie in ihren Aus­sagen gegen­über den Ermittlern er­klärten.

Ein Arbeiter wird von der Überwachungskamera dabei gefilmt, wie er das Mädchen mit dem Fuß an­stößt. Gleich­zeitig telefo­niert er mit seinem Handy.

Um 18:31 Uhr fährt ein Lastwagen auf das Gelände, ohne dass klar ist, ob der Fahrer das Kind sieht. Um 18:34 Uhr schließt sich die Tür wieder und die kleine Olga wird er­neut ein­geklemmt.

Im Bericht der Gerichtsmedizin heißt es, der Tod des Kindes sei lang­sam und qualvoll ge­wesen. Das kleine Mädchen war nach unter­schied­li­chen Quellen 70 Minu­ten oder 2,5 Stunden lang zwischen der Metalltür und der Wand ein­ge­klemmt. Der Tod der acht­jähri­gen Olga wurde durch Ersticken und innere Blutungen ver­ursacht, die schwere Tür hat ihre Wirbelsäule zer­quetscht. Sie starb jedoch nicht nur an ihren schweren Ver­letzungen, sondern auch an der kriminellen Gleich­gültig­keit, die ihr sechs oder sieben Männer ent­gegen­brachten, die an ihr vorbei­gingen und ihr nicht halfen.

Olgas Eltern und ihr Anwalt gehen von einer rassistischen Motivation aus. Die Familie möchte An­tworten. Neben den offen­sicht­li­chen Fragen – warum hat nie­mand geholfen oder Rettungs­dienste gerufen – zählt auch die Frage, wie die Achtj­ährige in die Fabrik gelangte, denn die Ent­fernung zu ihrer Familie be­trägt etwa zwei Kilo­meter.

Drei Personen wurden wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Die Polizei spricht von methodi­schen Be­mühun­gen, die Tat zu vertuschen. Die Er­mitt­lungen dauern an.

Am 28. November fand vor der Fabrik eine Protest­kund­gebung statt. Auf den Trans­pa­ren­ten stand unter ande­rem „Mörder“.

Quellenlinks: keeptalkinggreece.com, tvxs.gr, newpost.gr, www.in.gr

(Text: Roma Antidiscriminiation Network/RAN)

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