„Bettlermafia“? Presserat rügt „Krone“

Mai 9th, 2014  |  Published in Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte  |  2 Comments

PresseratPresserat verurteilt Artikel-Serie der „Kronen-Zeitung“ über vermeintliche „Bettler-Mafia

(dROMa-Red.) Der Österreichische Presserat hat eine Reihe von Artikeln der „Kronen-Zeitung“, die im Jänner 2014 über die vermeint­li­che Exis­tenz einer mäch­tigen „Bettler-Mafia“ be­rich­teten, verurteilt. Fünf der sieben unter­such­ten Artikel stellten laut Entscheid eine Verletzung medien­ethi­scher Grund­sätze dar. Der Zeitung werden vom Senat des Presserat u. a. Pauschal­verun­glimpfung, gene­relle Krimina­lisierung einer Personen­gruppe, grobe Mängel bei der Recherche und die verfälschte Wiedergabe von Nach­richten vorge­wor­fen. Durch diese Art der Bericht­er­stat­tung „sollen nach Ansicht des Senats offenbar Vorurteile geschürt werden“, heißt es in der Begrün­dung.

Der Presserat hat das Verfahren aufgrund von Mitteilun­gen von Leserin­nen und Lesern durch­ge­führt (selbstän­di­ges Ver­fahren auf­grund von Mittei­lungen). Die „Kronen-Zeitung“, die sich der Selbst­verpflichtung und der Schieds­gerichts­bar­keit des Presserats nicht unter­worfen hat, machte von der Möglich­keit, am Verfahren teil­zu­neh­men, nicht Gebrauch. Die Sitzung fand bereits am 11. März 2014 statt. Erst kürzlich ist auch die Wochenzeitung „Zur Zeit“ wegen ihrer rassistischen Berichterstattung über Roma gerügt worden (wir berichteten). Im Fol­gen­den das Dokument des Presserats im Wortlaut:

DIE ARTIKEL

a) „Die fiesen Tricks der Bettler-Mafia in Salzburg“, erschie­nen am 21.01.2014 auf den Sei­ten 20 und 21 der Salzburg-Aus­gabe der Kronen-Zei­tung,

b) „Villen in Rumänien, mieses Geschäft in unserer Stadt“, erschie­nen am 20.01.2014 auf den Sei­ten 10 und 11 der Salzburg-Aus­gabe der Kronen-Zei­tung,

c) „Prunk, Pomp und Reichtum der Bettler-Mafia in ihrer Heimat!“, erschie­nen am 22.01.2014 auf Sei­te 15 der Oberösterreich-Aus­gabe der Kronen-Zei­tung,

d) „Brüder wollten nicht betteln: Vater setzt sie aus“, erschie­nen am 23.01.2014 auf den Sei­ten 12 und 13 der Kronen-Zei­tung samt der dazu­ge­hö­ri­gen Schlag­zeile „Bettler-Mafia setzt Kinder aus“ auf der Titelseite der­sel­ben Ausgabe,

e) „Tolle Villen in Rumänien – mieses Geschäft in Graz“, erschie­nen am 31.01.2014 auf den Sei­ten 24 und 25 der Steirerkrone,

verstoßen gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse. (…)


ENTSCHEIDUNGSGRÜNDE 

a) Artikel „Die fiesen Tricks der Bettlermafia“

In dem Artikel geht es einerseits um Betteln in Salzburg und rumänische Hintermänner, die „in Saus und Braus“ leben, ande­rer­seits aber auch um betrü­gerische Handlungen. Zudem wird ein Beispiel gebracht, wonach junge Südeuropäer immer wieder ver­sucht hätten, mit Falschgeld zu zahlen.

Nach Meinung des Senats kommt es in dem Artikel zu einer Pauschalverunglimpfung von Bettlern iSd. Punktes 7 des Ehren­kodex. Betteln ist an sich keine strafbare Handlung. In dem Artikel wurde über das Betteln in Salzburg und gleich­zeitig über kriminelle Handlungen geschrie­ben. Diese beiden Bereiche haben jedoch nichts miteinan­der zu tun. Durch die Bericht­erstattung wurden Bettler generell kriminalisiert – es wurde von Diebstählen und der Verbrei­tung von Falschgeld berichtet. Der Senat stellt nicht in Abrede, dass es auch organisierte Formen des Bettelns gibt. Dies tut im vorliegenden Fall jedoch nichts zur Sache, da hier der Eindruck erweckt wurde, dass Bettler ganz allgemein auch für Straftaten verant­wort­lich seien. Auch mit dem Beispiel, wonach junge Südeuropäer immer wieder versucht hätten, mit Falschgeld zu zahlen, sollen nach Ansicht des Senats offenbar Vorurteile geschürt werden.

b) Artikel „Villen in Rumänien, mieses Geschäft in unserer Stadt“

In dem Artikel wird auf eine in „National Geographic“ erschienene Reportage verwiesen, der von einer Stadt in Rumänien mit einer großen Anzahl von wohl­haben­den Roma und deren Villen handelt. Laut „Kronen Zeitung“ hätten diese Roma ihr Vermö­gen als Hinter­männer der organi­sierten Bettelei und durch Menschenhandel verdient. Der NG-Re­portage ist das nicht zu ent­nehmen – das Betteln wird in dieser Reportage über­haupt nicht erwähnt. Darüber hinaus sugge­riert die „Kronen Zei­tung“, dass die Roma dieser Stadt für Metall­diebstähle in ganz West­europa – auch in Österreich – verant­wortlich seien. Auch dafür bietet die NG-Repor­tage keine Grund­lage, da dort nur davon die Rede ist, dass die Roma ihr Vermögen mit Metall­handel gemacht hätten und nach dem Zusam­men­bruch des Kommu­nismus Altmetall „zuwei­len illegal“ aus leer stehen­den Firmen entfernt hätten.

Nach Auffassung des Senats verstößt der Artikel der „Kronen Zeitung“ gegen Punkt 2.1 des Ehrenkodex, wonach Gewissenhaftigkeit und Korrektheit in der Wieder­gabe von Nach­richten oberste Verpflich­tung von Journa­listinnen und Journalisten sind. In dem Artikel wurden unter Berufung auf eine Reportage in der Zeit­schrift „National Geographic“ Behaup­tungen aufgestellt, die vom Inhalt dieser Repor­tage nicht abgedeckt sind.

c) Artikel „Prunk, Pomp und Reichtum der Bettler-Mafia in ihrer Heimat!“

Diesem Artikel sind zwei Bilder von der bereits oben erwähnten Repor­tage in „Natio­nal Geo­graphic“ bei­gefügt. Das eine Bild zeigt Villen in einer rumä­ni­schen Stadt, die von Roma bewohnt wird, das andere zwei Kinder in elegan­ter Kleidung auf einem weit­läu­figen Trep­penaufgang.

Auch hier wird davon geschrieben, dass die Hintermän­ner der „Bettler-Ma­fia“ in Rumänien in Villen leben, wäh­rend ihre Lands­leute das Geld herbei­schaffen müs­sen. Daneben werden Linzer Geschäfts­leute zitiert, die über Probleme mit Bettlern erzählen. Auf die Repor­tage in „Natio­nal Geo­graphic“ wird bei diesem Artikel aller­dings nicht hin­gewiesen.

Der Senat verkennt nicht, dass im Rahmen der organisierten Bettelei die bettelnden Personen aus­ge­beu­tet werden. Das Problem soll von den Medien auch nicht tot­ge­schwie­gen werden. Die Verbin­dung zu jenen Roma, über die in der Repor­tage in „Natio­nal Geographic“ geschrie­ben wurde, ist jedoch tendenziös.

Ohne auf diese Reportage näher einzugehen, wird in dem Artikel der „Kronen Zeitung“ der Eindruck ver­mittelt, man hätte in der Stadt in Rumänien selbst recher­chiert und entspre­chende Zusam­men­hänge heraus­ge­fun­den. Hierin liegt nach Ansicht des Senats ein Verstoß gegen Punkt 2 des Ehren­kodex, wonach Jour­nalis­tinnen und Journalis­ten gewissen­haft recher­chieren und Nach­rich­ten korrekt wieder­geben müssen.

d) Artikel „Brüder wollten nicht betteln: Vater setzt sie aus“ samt der dazu­gehö­ri­gen Schlagzeile „Bettler-Mafia setzt Kinder aus“ auf der Titelseite

In dem Artikel wird darüber berichtet, dass ein bulgarischer Staatsbürger seine Kinder, die er jahrelang betteln geschickt hatte, in einem Bahnhof in Wien aus­setzte. Anders als in der Über­schrift auf der Titelseite ist im Artikel nicht davon die Rede, dass die „Bett­ler-Mafia“ hinter der Aus­setzung stecke.

Der Senat sieht in der Überschrift auf der Titelseite einen Verstoß gegen Punkt 2 des Ehren­kodex, wonach Nachrich­ten korrekt wieder­zu­geben sind. Der Artikel selbst ist dage­gen mit den Grund­sätzen des Ehren­kodex ver­einbar.

e) Artikel „Tolle Villen in Rumänien – mieses Geschäft in Graz“

Der Artikel ist eine nur leicht abgewandelte Version des Artikels „Villen in Rumänien, mieses Geschäft in unse­rer Stadt“. Auch die­ser Artikel ver­stößt gegen den Ehren­kodex. Der Senat ver­weist auf die Aus­füh­rungen unter Punkt b).

Responses

  1. Barbara Froehlich says:

    Mai 10th, 2014 at 09:09 (#)

    Danke an den Presserat. Endlich einmal eine Reaktion auf diese widerlichen Artikel in der besagten Zeitung. Solche Hetzartike sind ja eigentlich eine Schande fuer den Berufsstand der Journalisten

  2. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | 8 Titelseiten an 9 Tagen says:

    Juni 5th, 2014 at 19:49 (#)

    [...] Siehe auch: „Bettlermafia“? Presserat rügt „Krone“ [...]