„Fall Maria“: Hinsehen statt Stereotype pflegen

Oktober 30th, 2013  |  Published in Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte

Der StandardDer Umgang mit dem blonden Roma-Mäd­chen hat ein­drucks­voll ge­zeigt, wie sehr Vor­urteile den Men­schen die Sicht verstel­len. Die Öffent­lich­keit ist bei Roma ge­neigt, das Schlimmste anzu­neh­men, auch wenn ihnen die Un­schulds­ver­mu­tung gut anstünde

Der Standard, 28.10.2013, Stefan Benedik & Wolfgang Göderle

Seit Tagen erregt ein Skandal die europäische Öffentlichkeit: In einer „Roma-Siedlung“ am Rande einer mittel­griechischen Kleinstadt wurde ein blondes Mädchen gefunden. Genug Anlass selbst für Europas Qualitätspresse, von Athen bis Edinburgh, von Madrid bis Helsinki, über mut­maßliche Entführungsnetzwerke, Kinderhandel und nicht zuletzt die Rolle, die „Roma“ darin spielen, zu speku­lieren. Dabei hätte der Zeit­punkt nicht günsti­ger fallen können. Erst vor wenigen Tagen wurden im Rahmen der polizeilichen Wieder­aufnahme des Vermisstenfalls von Madeleine McCann in­ter­national Fernseh­sendun­gen aus­gestrahlt, in denen der aktuelle Ermittlungs­stand präsentiert wurde. Ein früherer Verdäch­tiger hatte am Sterbe­bett verbrei­tet, dass ein Bekannter, ein „Roma“, die Tat gestanden habe. Das Motiv wäre im Übrigen Kinder­handel ge­wesen, Geld also.

Die beiden Fälle weisen starke Parallelen auf, zumindest in der Berichterstattung: Die Erzählungen und Bilder hinter den Fällen glei­chen einander. Es geht um Kindes­entführungen, Kinderhandel, Sozialbetrug, Kleinkriminalität. Gemein­hin das, was vor allem „den Roma“ zugeschrieben wird. Es waren diese Geschichten, die die Verdäch­tigen zu Roma gemacht haben, und nicht umgekehrt. Solche Fälle beziehen ihre Span­nung aus Mythen des Geschlechts und der „Rasse“: Zweimal sind es „weiße“ Mädchen, die „Zigeunern“ zum Opfer fallen, von diesen entführt und weiter­verkauft oder zumin­dest zum Bezug der Sozialhilfe miss­braucht werden. Diese Konstel­lation ist aus kolonialen Bildern bekannt. Der „schwarze“ Mann bemäch­tigt sich des „weißen“ Mädchens, das Verbrechen besteht darin, sie der eigenen „Nation“ und „Rasse“ zu entreißen. Genaue­res Hinsehen ist da genauso unnötig wie hinderlich.

Im Europa der Gegenwart entstehen solche Geschichten alarmierend häufig erst aus der Not­wen­digkeit heraus, politische Argumente zu finden. Im Fall der jüngst aus Frankreich abgescho­benen 15-jährigen Leonarda trat Innen­minister Manuel Valls persönlich an, um zu beweisen, dass „Roma“ mit der „französischen Kultur“ einfach inkompatibel wären. Zynisch könnte man es als Beitrag der Grande Nation zum Fortschritt der Zivilisation und als Beweis der „Integrationsunwilligkeit“ der Abgeschobenen gleichzeitig betrachten, dass das Mädchen direkt aus dem Schulbus heraus deportiert wurde. Dabei ist übrigens alles andere als klar, ob sich die abgeschobene Familie überhaupt als „Roma“ versteht, dieses Etikett wird ihr von den Behörden umgehängt.

Fehlende Fakten
Auch im „Fall Maria“ fehlen Fakten, die das Vorliegen einer kriminellen Handlung nahelegen. Das hindert eine europäische Öffentlichkeit nicht daran, nun alle Entführungsfälle auf die Nähe zu Roma zu durchleuchten. „Sicher werden auch heute noch Kinder von Zigeunern geraubt, und es ist nicht ausgeschlossen, dass von den Mädchen, die spurlos in allen Gegenden Deutschlands verschwunden sind, ein beträchtlicher Prozentsatz Mitglieder von Zigeunersippen geworden sind.“ Was sich wie ein Satz aus einer aktuellen Tageszeitung liest, steht in einem 1925 erschienenen rassistischen Erotikheftchen des Trivialliteraten Hermann Scharfenberg.

Mit genau dieser Logik verhängt die Qualitätspresse Europas Schuldsprüche. Der Mangel an gesicherten Informationen wird großzügig mit einer Mischung aus Stereotypen und Behauptungen wettgemacht. Die Bilder leisten, was intensive Recherche nicht gebracht hat: Ein blondes Mädchen, nun schon offiziell „Engel “ genannt, in der Hand zweier „schwarzer“ Menschen – eindeutiger kann Gut und Böse nicht repräsentiert werden.

Aber nicht nur die Grenze zwischen Boulevard und Qualitätspresse verschwimmt in diesem Fall, sondern auch die zwischen Medien, Behörden und Sozialarbeit. Im Stil einer Kampagne werden Bilder verbreitet, die erst durch den rassistischen Kommentar zum Corpus Delicti werden: Unter anderen Gesichtspunkten würde es als Zeichen familiärer Harmonie gelten, wenn Vater, Mutter und Kind tanzen – nicht so bei „den Roma“, wo das Ausbeutung und Kindesmisshandlung sein muss und außerdem auch auf Tradition verweist: Die Sozialarbeiterinnen schrecken sogar vor dem Begriff „Tanzbär“ nicht zurück.

Ein Prüfstein für Europa
Was den „Fall Maria“ zu einem Prüfstein für die europäische Öffentlichkeit und die Rechtssysteme macht, ist genau der Umstand, wie die griechischen Behörden damit weiter umgehen: Die nun genetisch bestimmte Mutter hat erklärt, dass sie das Baby in Griechenland zurückgelassen hat. Wie genau dieses Mädchen zu seiner Familie gekommen ist, ist weiter unklar. Armutsbedingte Adoptionen sind im Griechenland der Eurokrise seit fast fünf Jahren trauriger Alltag. Wenn es irgendwelche Hinweise auf Schlepperei, Kinderhandel, Prostitution oder was immer geben sollte, dann verheimlichen die griechischen Behörden ausgerechnet das.

Bekannt ist hingegen, dass zwischen 1998 und 2002 ganze 502 Kinder aus einer einzigen staatlichen Betreuungseinrichtung in einem Athener Vorort „verschwunden“ sind. In einem Bericht an die europäische Kommission ist von Zwangsprostitution, sogar von Organhandel die Rede. Die Opfer, albanische Roma, bekommen keine öffentliche Aufmerksamkeit.

Selbst wenn „Maria“ geraubt worden wäre, stellt sich also die Frage, worüber Europa sich empört (und worüber nicht).

(Stefan Benedik & Wolfgang Göderle, DER STANDARD, 29.10.2013)

Stefan Benedik und Wolfgang Göderle sind Mitarbeiter des Instituts für Geschichte der Universität Graz und forschen in einem von der Akademie der Wissenschaften finanzierten DOC-team.

(Text: derstandard.at)

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