Hintergrund: Ungarn auf Abwegen
Mai 2nd, 2013 | Published in Politik, Rassismus & Menschenrechte | 1 Comment
Viele Beobachter sind sich einig: Ungarns Demokratie gerät unter der rechtsnationalen Regierung Viktor Orbáns zusehends auf die schiefe Bahn. Der Rechtsstaat wird ausgehöhlt, Minderheitenangehörige leben in Angst, und es ist an der Zeit, dass Europa reagiert. Tatsächlich hat die EU dem Mitgliedsstaat nun wegen der aktuellen Verfassungsänderungen die Rute ins Fenster gestellt: EU-Justizkommissarin Reding hat angekündigt, ein Verfahren gegen das Land zu prüfen; Ungarn könnte in der Folge sogar das Stimmrecht im Ministerrat entzogen werden. Auch der Rauswurf von Orbáns Fidesz aus der Europäischen Volkspartei steht im Raum. Der Europarat wiederum will im Juni ein Monitoring-Verfahren gegen Ungarn einleiten, um zu prüfen, ob Ungarn die Europarats-Konventionen sowie die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) einhält. Ungarn wäre der erste Staat der EU, gegen den ein solches Verfahren eingeleitet würde.
Antisemitismus und Roma-Feindlichkeit stehen hoch im Kurs, rassistische Ausfälle hört man – unwidersprochen – selbst aus Orbáns engstem Umfeld. Im Vorjahr dokumentierte der Kállai-Bericht das Ausmaß des amtlichen Rassismus in Ungarn; dazu zählen etwa auch bewachte Zwangsarbeitsprogramme für Roma. Die neonazistische Partei Jobbik und ihre (offenbar nur auf dem Papier) verboteten paramilitärischen Trupps der „Ungarischen Garde“ setzen erfolgreich auf Einschüchterung durch Aufmärsche in Roma-Vierteln und Dauerhetze gegen die Volksgruppe. 2008 und 2009 kam es zu einer rassistisch motivierten Mordserie gegen Roma-Familien, die rechtsextremen Täter wurden 2010 gefasst. 2011 eskalierte die Lage im Dorf Gyöngyöspata, wo Rechtsextreme die Roma des Dorfes über Wochen terrorisierten – vor den Augen der untätigen Polizei.
Vor diesem Hintergrund entschließen sich viele Juden und Roma bzw. prominente Roma-Politiker (hier und hier) ins Ausland zu fliehen; auch Ungarns Intellektuelle stehen, wie György Dalos schreibt, vor der Frage: „Gehen oder bleiben?“
(dROMa)
Mai 2nd, 2013 at 11:26 (#)
[...] Die österreichische Künstlerin und Filmemacherin Marika Schmiedt gehört zu den wichtigsten Stimmen der Roma-Gegenwartskunst. 2011 präsentierte sie ihre Videoarbeiten auf der Biennale in Venedig („Call the Witness“). Zuletzt zeigte Künstlerin ihre Arbeiten beim Linzer Ausstellungsprojekt „Die Gedanken sind frei“. Unter dem Untertitel „Angst ist Alltag für Roma in EUropa“ konfrontierte sie Passanten mit politisch provokanten Grafiken auf einem Baustellenzaun (Fotos: hier und hier) – mit ungeahnten Folgen. Ihre satirische Plakatserie nimmt vor allem die jüngsten politischen Entwicklungen in Ungarn ins Visier, die nicht nur bei Angehörigen exponierter Minderheiten wie Roma oder Juden Besorgnis auslösen; auch EU und Europarat zeigen sich zunehmend alarmiert (einen kurzen Überblickstext mit zahlreichen Links finden Sie hier). [...]