Linz: Eklat am Baustellenzaun

Mai 2nd, 2013  |  Published in Kunst & Fotografie, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen  |  1 Comment

Linz (Foto: Stadtwerkstatt)Ausstellung in Linz: Angriff auf Plakatkunst von Roma-Künstlerin Marika Schmiedt – und der Verfas­­sungs­schutz lässt Aus­­stel­­lung ent­fernen?

Die österreichische Künstlerin und Filme­ma­cherin Marika Schmiedt gehört zu den wichtigsten Stimmen der Roma-Gegen­warts­kunst. 2011 präsen­tierte sie ihre Video­arbeiten auf der Biennale in Venedig („Call the Witness“). Zuletzt zeigte Künstlerin ihre Arbeiten beim Linzer Ausstellungsprojekt „Die Gedanken sind frei“. Unter dem Untertitel „Angst ist Alltag für Roma in EUropa“ konfron­tierte sie Passanten mit poli­tisch provokanten Grafiken auf einem Baustel­len­zaun (Fotos: hier und hier) – mit ungeahnten Folgen. Ihre satirische Plakatserie nimmt vor allem die jüngsten politi­schen Entwick­lungen in Ungarn ins Visier, die nicht nur bei Ange­hörigen exponierter Minderheiten wie Roma oder Juden Besorgnis auslösen; auch EU und Europarat zeigen sich zunehmend alarmiert (einen kurzen Überblicks­text mit zahl­reichen Links finden Sie hier).

Marika Schmiedt selbst schreibt über Ihre in Linz gezeigten Collagen:

Diese Ausstellung soll als Spiegel der verbreiteten aber durch­schnittlich nicht wahr­genom­menen Rassismen dienen und mit der Geschichte der Verfolgung der Roma in Verbindung gebracht werden. Pogrome in Europa existieren nach wie vor  lebens­bedrohende Zustände sind allgegen­wärtig und obwohl die Situation für Roma eine soziale und politische Situation hervorruft, die an die Zeit des National­sozialismus erinnert, hat sich die Mehrheit zum Schweigen entschlossen. Meine Collagen, die im Sinne der Confrontage agieren, versuchen das Schweigen zu durch­brechen und den Rassismus zu enthüllen und gleich­zeitig der fortschrei­tenden Diskri­minierung entge­genzuwirken.

Am 14. April 2013 eröffnete der Linzer Kulturdirektor Dr. Stieber die von Stadtwerk­statt und Galerie Hofkabinett ver­anstaltete Aus­stellung. Bereits zwei Tage später wurden jedoch sämtliche 31 Plakate von der Polizei entfernt. Wie die Stadt­werkstatt erfuhr, geschah dies „offenbar im Auftrag des Bundesamt für Verfassungs­schutz“. Weder „die Künstlerin noch wir als Veranstalter“ seien entgegen anders­lauten­den Behauptungen „über dieses Vorgehen informiert“ worden. Mehrere Kultur­institutionen (IG Kultur und Stadtwerkstatt) verlangen Aufklärung.

Der Zusammenhang mit einem Vorfall am Tag der Ausstellungseröffnung ist offensichtlich: Im Vorfeld der Vernissage am 14. April war es nämlich, wie Olivia Schütz, Vorstands­vor­sitzende der Stadt­werkstatt, beschreibt, zu einem folgenreichen Eklat gekommen:

Als ich um ca. 13.30 Uhr, der in Wien lebenden und gerade angereisten Künstlerin Marika Schmiedt, die Anord­nung ihrer Collagen am Baustellen­zaun entlang der Liegen­schaft Hofberg 10 zeigte, ist eine Frau, sichtlich erbost und aufgebracht und in Begleitung eines Mannes, der mit Fotokamera mich, die Künstlerin und die Plakate fotografierte, zu den Plakaten und riss eines davon herunter. Meine Recherchen ergaben, dass es sich hier um Frau Beate H., eine staatlich geprüfte Stadtführerin der Austria Guides handelt (…). Ich bin auf Frau Beate H. zugegangen und fragte sie, warum sie die Collage herunterge­rissen hat, und wollte sie von einer weiteren Zerstörung abhalten. Daraufhin wurde sie noch erzürnter und fragte wer die Künstlerin sei. Der Begleiter von Beate H. riss schließlich der Künstlerin Marika Schmiedt das Handy aus der Hand, mit dem sie vor dem Zwischen­fall ihre Aus­stellung fotografierte. Wir wurden beschimpft, weggedrängt und uns wurde mit einer Anzeige gedroht. Offenbar hat sich Frau Beate H. an der Thematik der Ausstellung, die die Verfolgung der Roma im heutigen Europa thematisiert, gestoßen.

Beate Hofstadler schreibt in einem – namentlich gekenn­zeichneten – Posting auf der Website von Marika Schmiedt Folgendes:

Mit Entsetzen stellt man an ihren „Kunstwerken“ fest daß sie es sind die Rassismus ausüben und zwar gegen die Ungarn. Die Plakate am Baustellen­zaun stellen durchwegs Diffarmierungen (sic) des unga­rischen Volkes dar, das als rassistisch und faschistisch angepran­gert wird. (…) Ihre „künstlerischen“ Machwerke wurden alle fotografiert und an das Büro des ungarischen Ministerprä­sidenten sowie an eine Rechtsanwalts­kanzlei in Wien z. Hd. Frau Dr. Eva Maria Barki gesandt. Diese wird die Staats­anwaltschaft einschalten. (…) Es wurde auch bei der Stadt Linz eine Beschwerde eingebracht. Sie mit ihren Kunst benannten scham­losen Verleum­dungen gegen das ungarische Volk haben bei der in Linz lebenden Ungarn­gesellschaft eine wahre Empörung ausgelöst.

Am 16. April hatte der Kulturdirektor der Stadt Linz, Julius Stieber, auf die Beschwerde einer – wie es auf einer der FPÖ nahe­stehenden Website heißt – „aufgebrachten Bürgerin“ wie folgt geant­wortet:

Bei dem von Ihnen angesprochenen Projekt von Marika Schmidt handelt es sich um eine satirische Ausei­nander­setzung mit dem Thema der Ausgrenzung von Roma und Sinti, die in einem demokra­tischen Staat erlaubt sein muss. Satire ist meiner Ansicht nach ein legitimes und durchaus humorvolles Mittel, um Kritik zu äußern. Ich sehe in der Aktion von Frau Marika Schmidt außerdem keine Diffamie­rung des gesamten unga­rischen Volkes, sondern nur eine legitime kritische, wenn auch subjektive Auseinan­der­setzung mit einer bestimmten Art von Politik.

(dROMa)

Responses

  1. Marika Schmiedt says:

    Mai 8th, 2013 at 07:53 (#)

    http://www.fro.at/article.php?id=6205

    http://www.stopptdierechten.at/2013/05/07/linz-oo-polizeilich-unterstutzter-rassismus/#more-5792

    http://kupf.at/pa-stadtwerkstatt-verbotene-kunst

    http://derparia.wordpress.com/2013/05/05/aufruf-zur-internationalen-soldaritat-mit-roma/