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dROMa 80: Ich aber sage euch

Dezember 28th, 2025  |  Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, dROMa (Magazin)

NEU AUFGELEGT: Monika Littau: „Die sehende Sintiza: Buchela – Pythia von Bonn“ [I dikaschkimi Sintiza], Rhein-Mosel-Verlag: Zell/Mosel 2024 (Taschenbuch, 334 Seiten/riktscha). ISBN-10:‎ 3898014266 / ISBN-13: 978-3898014267BIOGRAFIE

Wer war Madame Buchela, die „Seherin von Bonn“?

Sie war die Gerda Rogers der deutschen Nach­kriegs­ära: Margaretha Gous­santhier, geb. Merstein (1899–1986), be­kannt als „Madame Buchela“, ge­langte als Hell­seherin zu Ruhm und Einfluss. Ihre Weis­sagun­gen waren ge­fragt, nur für ihre Lebens­geschichte schien sich kaum je­mand zu in­teres­sieren. Wer war die ge­heim­nis­volle Frau?

Täglich standen Ratsuchende Schlange, um zur „Zigeunerin“ mit der „Gabe“ vorgelassen zu werden. Selbst in den aller­höchsten Kreisen war ihr Rat gefragt: Regel­mäßig, so erin­nern sich Nachbarn, fuhren Limou­sinen vor ihrem Häuschen im rhein­ländi­schen Remagen vor. Ihr Wort hatte Gewicht, sogar in den Regie­rungs­zirkeln der Bonner Republik. Kein Gerin­gerer als Konrad Adenauer habe heim­lich den Rat der Sintiza gesucht, sagt man. Andere nennen auch Ludwig Erhard, die Königin der Niederlande oder Edward Kennedy.

Tatsächlich beweisen lässt sich das freilich nicht. „Kanzler und Könige, Fürsten und einfache Men­schen nutzen meine Gabe“, heißt es bloß – ebenso groß­spurig wie vage – in ihren mithilfe eines Schreibers ver­fassten Memoiren, die 1983 unter dem Titel „Ich aber sage euch“ erschie­nen sind. Auf jeden Fall war „Madame Buchela“ – um­schwirrt von Klienten, Kameras und Klatsch­reportern – die pro­minen­teste Wahr­sagerin der Bundes­republik.

Nun gehört es spätestens seit der Romantik zum Arsenal des Anti­ziganis­mus, den Roma und Sinti, und da vor allem den Frauen, über­sinnliche Kräfte und vor­zivili­sato­risches Wissen an­zu­dichten. Für die Medien war Buchela denn auch immer „die Zigeu­nerin“, die in ihrem Hexen­häus­chen in Remagen residierte und einem uralten Gewerbe nach­ging. Dass sie als Sintiza auch einer ver­folgten Minder­heit an­gehörte, die gerade erst durch die Hölle eines Völker­mords gegangen ist, danach hat keiner gefragt.

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