dROMa 80: Ich aber sage euch
Dezember 28th, 2025 | Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, dROMa (Magazin)
BIOGRAFIE
Wer war Madame Buchela, die „Seherin von Bonn“?
Sie war die Gerda Rogers der deutschen Nachkriegsära: Margaretha Goussanthier, geb. Merstein (1899–1986), bekannt als „Madame Buchela“, gelangte als Hellseherin zu Ruhm und Einfluss. Ihre Weissagungen waren gefragt, nur für ihre Lebensgeschichte schien sich kaum jemand zu interessieren. Wer war die geheimnisvolle Frau?
Täglich standen Ratsuchende Schlange, um zur „Zigeunerin“ mit der „Gabe“ vorgelassen zu werden. Selbst in den allerhöchsten Kreisen war ihr Rat gefragt: Regelmäßig, so erinnern sich Nachbarn, fuhren Limousinen vor ihrem Häuschen im rheinländischen Remagen vor. Ihr Wort hatte Gewicht, sogar in den Regierungszirkeln der Bonner Republik. Kein Geringerer als Konrad Adenauer habe heimlich den Rat der Sintiza gesucht, sagt man. Andere nennen auch Ludwig Erhard, die Königin der Niederlande oder Edward Kennedy.
Tatsächlich beweisen lässt sich das freilich nicht. „Kanzler und Könige, Fürsten und einfache Menschen nutzen meine Gabe“, heißt es bloß – ebenso großspurig wie vage – in ihren mithilfe eines Schreibers verfassten Memoiren, die 1983 unter dem Titel „Ich aber sage euch“ erschienen sind. Auf jeden Fall war „Madame Buchela“ – umschwirrt von Klienten, Kameras und Klatschreportern – die prominenteste Wahrsagerin der Bundesrepublik.
Nun gehört es spätestens seit der Romantik zum Arsenal des Antiziganismus, den Roma und Sinti, und da vor allem den Frauen, übersinnliche Kräfte und vorzivilisatorisches Wissen anzudichten. Für die Medien war Buchela denn auch immer „die Zigeunerin“, die in ihrem Hexenhäuschen in Remagen residierte und einem uralten Gewerbe nachging. Dass sie als Sintiza auch einer verfolgten Minderheit angehörte, die gerade erst durch die Hölle eines Völkermords gegangen ist, danach hat keiner gefragt.
Selektives Interesse
Von der breiten Öffentlichkeit ist sie heute, vierzig Jahre nach ihrem Tod, nahezu vergessen. Die Faszination, die einstmals von ihr ausging, ist allerdings bis heute nicht ganz versiegt, wie mehrere neuere Medienberichte beweisen, die an die „Seherin vom Rhein“ erinnern.
Auch diese Darstellungen haben in erster Linie die kuriose Nachkriegskarriere der Sintiza im Blick. Dabei wird Buchelas Schicksal während der NS-Zeit für gewöhnlich mit wenigen pflichtschuldigen Sätzen abgehakt: Sie sei der Deportation wohl nur durch viel Glück, nämlich wegen des französischen Nachnamens ihres Ehemanns und ihrer festen Wohnadresse, entgangen. Dass ihre Mutter und mehrere Geschwister in Auschwitz umkamen, finden nur wenige berichtenswert.
Über die Befindlichkeit der deutschen Nachkriegsgesellschaft hingegen wird lang und breit räsoniert. Viele Deutsche hätten nach 1945, traumatisiert und verzweifelt, nach jedem Strohhalm gegriffen, um Gewissheit über den Verbleib ihrer vermissten Angehörigen zu erhalten. „Nach dem Krieg haben Wahrsagerinnen eine große Rolle gespielt, auch die Buchela schon“, erzählt ein Zeitzeuge in einer TV-Dokumentation: „Da pilgerten ja unzählige Menschen hin mit Bildern oder irgendeinem Gegenstand, der einem vermissten Soldaten gehörte.“ Wie traumatisiert und verzweifelt müssen erst die Sinti und Roma damals gewesen sein?
Zugleich vergisst jedoch kein Beitrag, die „exotische“ Abstammung der klein gewachsenen „Zigeunerin“ hervorzuheben. Fasziniert schildert man das fahrende Leben ihrer „Sippe“ im Wohnwagen und ihre legendenumwobene Geburt im saarländischen Honzrath am 12. Oktober 1899. Unter freiem Himmel sei Margaretha Merstein auf die Welt gekommen, angeblich direkt unter einer mächtigen Buche – worauf ihr Sintiname „Buchela“ zurückgeht.
Ein Leben als Roman
Bei solchen Anekdoten will es ein kürzlich neu aufgelegter biografischer Roman nicht belassen: „Die sehende Sintiza“ von Monika Littau interessiert sich stattdessen tatsächlich für Buchelas bewegte – und oftmals tragische – Lebensgeschichte. „Durch meinen Umzug nach Remagen, wo auch Buchela zuletzt gelebt hatte, bin ich an das Thema rangekommen“, berichtete die Autorin bei einer Präsentation. Für ihr biografische Porträt hat Monika Littau lange recherchiert, Quellen gesichtet, mit Zeitzeugen gesprochen. „Ich habe mich an die Fakten zu halten“, beteuert die Autorin, auch wenn sie für das Buch, das zuerst 2012 (damals noch unter dem Titel „Vom Sehen und Sagen“) erschienen ist, eine literarische, erzählende Form gewählt hat.
Und sie ist dabei auch dem Menschen hinter der Figur sehr nahegekommen. Der Roman schildert, wie Buchelas Kindheit im Wohnwagen abrupt endet, als ein Unglück über die Familie hereinbricht: der Unfalltod ihres Bruders, den sie, so erzählt sie später, als kleines Mädchen vorausgesehen hat. Noch am selben Tag poltern Uniformierte in den Wagen und reißen die Kinder aus den Armen der Eltern. Buchela bringen sie in ein katholisches Waisenhaus. „Du setzt dich ganz nach hinten, wahrscheinlich lernst du ja doch nichts“, höhnt der Lehrer am ersten Schultag. Doch Buchela will lernen, „richtig schreiben lernen, dass sie Briefe schicken kann an ihre Mama“.
Klingeln bei den Reichen
Als das Mädchenheim im Ersten Weltkrieg geschlossen wird, landet Buchela als Dienstmädchen bei einer Familie, die sie freundlich aufnimmt. Auch dort ist sie die „Zigeunergrete“, aber Buchela findet sich damit ab: „Sie ist, was sie ist, egal wie man sie nennt.“ Schließlich findet sie ihre Mutter wieder, die in Köln in einer schäbigen Absteige untergekommen ist. Sie zieht zu ihr und verdient das Nötigste als Hausiererin. Den ganzen Tag ist sie auf den Beinen, klingelt bei den Häusern der Reichen, verkauft Spitzen und Perlmuttknöpfe. Oft wird sie nur eingelassen, weil sie die Zukunft vorhersagt – ihre „Gabe“ wird zum Geschäftsmodell.
Buchela heiratet, gegen den Widerstand ihrer Mutter, den Hausierer Adam [im Buch: Heinrich] Goussanthier. Sie leben in einem ausrangierten Waggon, manchmal ziehen sie mit dem Pferdewagen durchs Land. Als die Nazis die Schlinge immer enger ziehen, mietet das Paar ein Häuschen: „Besser ist es nicht aufzufallen.“ Denn die Verwandten in Köln werden da schon registriert und auf einem umzäunten Lagerplatz festgehalten, andere sind untergetaucht. Nachts schlüpft Buchela, an den Wachen vorbei, durch den Stacheldraht, um die Kinder ihrer Schwester zu sich zu holen. Bald muss auch ihr Ehemann an die Front und kehrt nie mehr zurück. Als der Krieg endet, ist Buchela allein.
Was bin ich?
Doch dann geht es aufwärts. Madame Buchela kann sich der Kunden kaum noch erwehren; ihre „psychologische Beratung“, wie sie ihre Hellseherei jetzt nennt, verlegt sie in ein Hotel. Angelockt vom Erfolg stehen regelmäßig auch nahe und ferne Verwandte vor der Tür. Und immer erweist sich Buchela als großzügig: „Den Gadsche gibt sie ihr Wissen, den Sinti ihr Geld.“ Überhaupt zeichnet Littau die Angehörigen in einem wenig schmeichelhaften Licht. Als wären alle nur darauf aus, ein Stück vom Wohlstand ihrer Verwandten abzubekommen.
Mit Geschick und Geschäftssinn treibt Buchela ihre Karriere voran, und sie scheut auch nicht die Nähe der Medien. Die Zeitungen drucken ihre Vorhersagen über Wahlen oder Sport; sogar in Robert Lembkes legendärer Rateshow „Was bin ich?“ ist sie zu Gast. Zudem gibt sie alljährlich einen „Astrologischen Kalender“ mit Prophezeiungen heraus. Dass sich diese allzu oft nicht bewahrheiten, tut ihrer Beliebtheit keinen Abbruch
Geisterstunde
Einmal gerät Buchela dann sogar in die Propagandamühlen des Kalten Krieges, als sich ein Kamerateam aus der DDR ein Interview mit ihr erschleicht, um eine bitterböse TV-Doku über die BRD als Hort des Aberglaubens zu erstellen: „Geisterstunde – Auge in Auge mit dem Mittelalter“, heißt der Film. „Die schäbigsten Bilder von ihr haben sie zusammengeschnitten.“ Ein andermal sind Gauner hinter ihr her. Der Versuch, sie zu entführen, scheitert; aber da sich Buchela das Autokennzeichen notiert, löst sie später einen spektakulären Mafia-Mordfall, von dem sie in „Aktenzeichen XY ungelöst“ erfahren hat.
Dann aber wird ihr Neffe ermordet aufgefunden – ein Schicksalsschlag, von dem sich Buchela nie mehr ganz erholt. Ängste peinigen die alte Frau, immer seltener verlässt sie das Haus. Allmählich bleiben auch die Klienten weg. 1986 stirbt Buchela im Alter von 87 Jahren.
Einfühlsam und mit Sympathie schildert Littau das Leben der kleinen Frau mit dem großen Charisma. Nie reduziert sie Buchela auf die Figur der prominenten Hellseherin, sondern gibt allen Lebensstationen reichlich Raum – erst nach etwa 200 Seiten gelangt man zum Kapitel über ihren Erfolg. Unklar bleibt allerdings, was an diesem Biografieroman nun tatsächlich auf Recherchen beruht und wo es erzählerische Freiheit war, die die Lücken füllt.
Von Roman Urbaner
Neu aufgelegt:
Monika LITTAU: „Die sehende Sintiza: Buchela – Pythia von Bonn“ [I dikaschkimi Sintiza], Rhein-Mosel-Verlag: Zell/Model 2024 (Taschenbuch, 334 Seiten/riktscha). ISBN-10: 3898014266 / ISBN-13: 978-3898014267
Aus/ando: dROMa 80, Winter/Dschend 2025, Seite/rik 13–14
(→Themenheft / themakeri heftlina: „Geschichte / Historija“)