Wie ein Rom seit 50 Jahren die Welt erschreibt
September 17th, 2022 | Published in Interview, Literatur & Bücher
„Das Exil hat mich auf jeden Fall geprägt“ – Das Roma Antidiscrimination Network (RAN) sprach mit dem Autor Jovan Nikolić
Jovan Nikolić ist ein in Köln lebender Roma-Schriftsteller. Er stammt aus einer Musiker:innen-Familie und hat eine Ausbildung zum Maschinenbautechniker absolviert. Jedoch ist es die Literatur, die ihn ein Leben lang begleitet. Schon in seiner Jugend begann er, Gedichte und Prosa zu verfassen. Seither hat er sein Repertoire um Kolumnen, Kabarett und Theater sowie um Musiktexte erweitert. Bereits in seiner Heimat Jugoslawien wurde er mehrfach für seine Literatur ausgezeichnet, was sich auch nach seiner Niederlassung in Deutschland fortsetzte. Ende 2021 erschien der Sammelband „Der Gast nirgendwoher“ im Drava-Verlag.
Lieber Herr Nikolić, erst einmal vielen Dank für das Interview. Sie sind 1955 in Jugoslawien geboren. Als Rom und Serbe haben Sie gemischte Wurzeln – wie erleben Sie das?
Ich betrachte mich selbst als „Hybrid-Rom“, also das, was gemeinhin als „Meles“ bezeichnet wird. Meine Mutter war Serbin aus Belgrad, mein Vater war Rom und Direktor der alten Post in Belgrad. Meine Mutter hat als Amateurin in Musikclubs gesungen, wo sie auch meinen Vater getroffen hat. Ihre Heirat war ein Skandal auf beiden Seiten der Familie, doch sie bekamen Unterstützung von den beiden Schwestern und der Mutter, die sie in Schutz nahmen. Ich selbst bin dann auch in Belgrad geboren. Bis zu meinem 11. Lebensjahr haben meine Schwester und ich mit unseren Eltern in Hotels gewohnt, weil wir mit der Musik in ganz Jugoslawien umhergezogen sind. Erst als ich elf Jahre alt war, ist meine Familie in eine Roma-Siedlung umgezogen, in einem Ort namens Čačak, 160 km von Belgrad entfernt. In der Schule war es deshalb sehr schwierig, sozial anzukommen, auch mit anderen Kindern aus Roma-Familien gab es Probleme. Zwischen den Stühlen aufzuwachsen, sozusagen „ohne Flagge“, hat sich angefühlt wie keine richtige Identität zu haben. Ich hatte nicht wirklich die Möglichkeit, Freundschaften zu formen, und Privatsphäre hatte ich auch lange keine, weil wir nur ein Zimmer für die ganze Familie hatten.
Manchmal sind wir aber zusammen mit anderen Familien aus dem gleichen großen Orchester in dasselbe Hotel gezogen, die waren dann für mich die guten Freunde. In Deutschland habe ich keine solchen Probleme erfahren. Ich fühlte mich aufgehoben zwischen den anderen Künstler:innen. Es war ein multikulturelles Umfeld, in dem ich keinen Antiziganismus am eigenen Leib erfahren habe. Damit will ich nicht sagen, dass es diesen als gesellschaftliches Problem in Deutschland nicht gäbe, sondern lediglich, dass ich davon verschont geblieben bin. Read the rest of this entry »