Januar 2nd, 2017 |
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Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte
Antiziganismus-Vorwürfe gegen die Krimiserie „Tatort“ (mehr hier) sind nicht neu: Schon 1989 und 2008 führten zwei „Tatort“-Folgen zum Eklat.
Aus: dROMa 35 (2012), S. 12
Auch in TV-Krimis müssen Roma und Sinti gelegentlich für „exotisches“ Kolorit herhalten. „Armer Nanosh“ (1989, mit Manfred Krug) und „Brandmal“ (2008) lauten die Titel zweier deutscher „Tatort“-Folgen, die bereits vor ihrer Erstausstrahlung für heftige Rassismusvorwürfe sorgten. Ersterer stammt (gemeinsam verfasst mit Asta Scheib) aus der Feder des Schriftstellers Martin Walser. Vergeblich lief der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma Sturm gegen die Anhäufung antiziganistischer Klischees, deren scheinbar politisch korrekte Pointe darin besteht, dass sich diese Fährten am Ende als falsch erweisen. Den Mord hat nämlich der Sohn eines NS-Verbrechers als Eifersuchtstat eines Sinto inszeniert, um die Opfer des Genozids zu Mördern zu stempeln. In „Brandmal“ wird ein Roma-Mädchen aus einem Asylheim verdächtigt, ein tödliches Feuer gelegt zu haben. Die Gratwanderung, negative Klischees aufzugreifen, um sie thematisieren zu können, löste einen neuerlichen Eklat aus. Der Zentralrat sah die Volksgruppe verunglimpft und verlangte die Absetzung.
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Januar 2nd, 2017 |
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Nach „Armer Nanosh“ (1989) und „Brandmal“ (2008) (mehr hier) hat die „Tatort“-Serie nun einen neuen Antiziganismusskandal. Offener Brief der österreichischen Bettellobbies an die Redaktion des BR zum Tatort „Klingelingeling“ vom 26. 12. 2016 (ARD):
Wir verurteilen die Diffamierung von bettelnden Menschen!
Sehr geehrte Frau Heckner, sehr geehrte Frau Golch, sehr geehrter Herr Mühlfellner,
AktivistInnen der Bettellobbies Österreich haben am 26.12.2016 wie fast sieben Millionen weitere Zuschauer den Tatort „Klingelingeling“ gesehen. Wir beschäftigen uns seit vielen Jahren mit dem Thema Betteln in Österreich und stehen in direktem Kontakt zu vielen BettlerInnen. Wir unterstützen bettelnde Menschen in rechtlichen Belangen, konkret beeinspruchen wir diverse Strafverfügungen (Allgemeinverfügungen) mit sehr guten Erfolgen, schreiben zum Teil die sogenannten Bettelschilder, begleiten die Menschen als Vertrauenspersonen zur Polizei oder zum Gericht und decken Behördenwillkür auf. Außerdem sammeln wir Informationen über die Situation der BettlerInnen, bereiten diese auf und geben sie in Workshops und Vorträgen wieter. UND wir kämpfen gegen Vorurteile, falsche Medienberichte und rassistische Hetze. Letzteres veranlasst uns dazu, uns in einem offenen Brief an Sie zu wenden.
Im Tatort vom 26.12.2016 wird geschätzt 20 mal das Wort „Bettelmafia“ verwendet. Auch die gesamte Darstellung lässt keinen Zweifel daran, dass eine solche existiert bzw. legt nahe, dass zumindest ein Großteil der Personen, die dem Betteln nachgehen, dies nicht aus freien Stücken tun und über Erbetteltes auch nicht persönlich verfügen dürfen.
Diese Darstellung entspricht jedoch nicht der Realität. Es existiert kein einziger Fall mit gerichtlichem Urteil, in dem mafiöse Strukturen durch sogenannte Hintermänner nachgewiesen wurden. Dem entgegen gibt es bereits in drei österreichischen Bundesländern wissenschaftliche Publikationen (mehr hier, hier, hier und hier), in denen die Situation dieser Menschen beschrieben und dargestellt wird. Die Bettellobbies haben in den letzten Jahren zahlreiche BettlerInnen in ihren Unterkünften besucht und festgestellt, dass die Wohnsituation durchaus prekär ist, jedoch keinerlei Ähnlichkeit zu den ,Käfigen‘ im Film besteht. Read the rest of this entry »