Ungarn: 13 Minderheiten, 0 Mandate
April 18th, 2014 | Published in Politik
Viel wurde in den letzten Tagen geschrieben über die neue alte Machtfülle Viktor Orbáns und über den ungebremsten Aufstieg der Neonazipartei Jobbik, die offen gegen Roma und Juden hetzt und gewaltbereite Milizen unterhält. Doch ein Aspekt ging dabei völlig unter: Ungarns neues Wahlsystem für Minderheiten.
Deutlicher kann ein Wahlsystem zum „Schutz von Minderheiten“ in der Praxis nicht scheitern: Während Orbáns Wahlrechtsreform seiner nationalkonservativen Fidesz-Partei trotz saftiger Stimmenverluste wieder eine Zweidrittelmehrheit bescherte, bleiben die ethnischen Minderheiten (nemzetiségek, „Nationalitäten“) weiterhin ohne eigenes Mandat. Keiner einzigen der 13 anerkannten Minderheiten verhalf das neue Minderheitenwahlrecht zu einem stimmberechtigten Mandat: Das neue System, das einen separaten Wahlgang für die Minderheiten vorsieht, um deren parlamentarische Repräsentation zu garantieren, hat katastrophal Schiffbruch erlitten.
Besonders schwer wiegt dies im Fall von Ungarns größter Minderheit, den rund 600.000 bis 700.000 Roma. Viele Roma betrachteten das ohne Rücksicht auf die Akzeptanz in der Volksgruppe durchgesetzte Minderheitenwahlrecht von Vornherein als Farce: Nur 14.000 von ihnen ließen sich nach Boykottaufrufen bei der Wahlbehörde als Minderheitenwähler registrieren. Eine solche Registrierung bedeutete nämlich den Verzicht auf das reguläre nationale Wahlrecht – nur die Stimme für den Regionalwahlkreis blieb davon unberührt. Wer sich also für die Teilnahme an der Roma-Minderheitenwahl entschied, war vom gesamtungarischen Wahlgang (Wahl der landesweiten Parteilisten) ausgeschlossen (mehr hier und hier), was – so die Befürchtung der Kritiker – insbesondere die Opposition zu spüren bekäme. Während Orbán ethnische Ungarn außerhalb der Landesgrenzen großzügig mit dem Wahlrecht ausstattete (an die 200.000 Auslandsungarn ließen sich in die Wahlregister eintragen), wurden die inländischen Minderheiten gezwungen, sich zwischen der Zugehörigkeit zur ungarischen Nation und ihrer Minderheitenidentität zu entscheiden.