Von Nestern und Wurzeln
Dezember 21st, 2024 | Published in Interview, Literatur & Bücher, Romani, Wissenschaft, dROMa (Magazin)
SPRACHE | TSCHIB
Ein neues Romani-Wörterbuch sucht nach den Ursprüngen
Auf eigene Faust machten sich zwei Sprachforscher an eine Herkulesarbeit: ein etymologisches Wörterbuch des Romani. Fünf Jahre später steht es vor dem Abschluss. Wir haben mit Michail Oslon (Polnische Akademie der Wissenschaften) und Kirill Kožanov (Universität Potsdam) gesprochen.
dROMa: Was gab den Anstoß zum Projekt?
Die Idee entstand auf recht prosaische Weise: Wir benötigten einfach ein solches Wörterbuch. Bis zum Jahr 2019 hatten wir bereits einige Romani-Dialekte studiert, und unser Interesse an dieser wunderschönen Sprache hatte einen Punkt erreicht, an dem wir den Ursprung und die Entwicklung dieser Dialekte ergründen wollten. Obwohl viele an der Etymologie (Wortgeschichte) des Romani gearbeitet haben (Pott, Miklosich, Turner, Boretzky, um nur einige zu nennen), gab es keine vollständige Bearbeitung. Wir beschlossen also, ein etymologisches Wörterbuch selbst zu verfassen. Zuerst sammelten wir alle uns bekannten „alten“ (d. h. indischen, iranischen, armenischen sowie teilweise griechischen und südslawischen) Wörter und begannen, eine umfassende Geschichte von jedem zu schreiben. Wir gehen davon aus, dass diese Wörter allen Roma bis zu ihrer Zerstreuung vom Balkan im 15. Jahrhundert bekannt waren („Gemeinwortschatz“).
Wie viele Einträge sind es?
Unser Wörterbuch besteht aus etwa 1.200 „Nestern“, d. h. einer Wurzel mit verschiedenen davon abgeleiteten Wörtern, sodass am Ende einige tausend Wörter analysiert sind. Alle werden anhand von etwa 50 Dialekten illustriert. So kann man nicht nur erfahren, woher ein Wort stammt, sondern auch wo und wie es jetzt verwendet wird. Darüber hinaus verfolgen wir die Geschichte jedes Wortes in seinen verschiedenen Stadien, sodass man eine Vorstellung davon bekommt, wie die Vorfahren der Roma zu verschiedenen Zeiten sprachen. Oft kann nur die Geschichte einer Sprache die Geschichte der Menschen, die sie sprechen, offenbaren. Dies gilt für viele Wörter, die die „Ur-Roma“ aus den Sprachen entlehnt haben, mit denen sie auf ihrer langen Reise von Indien nach Griechenland in Kontakt kamen.
Das Romani existiert in vielen Formen, wie gehen Sie damit um?
Es gibt Dutzende Romani-Dialekte in und außerhalb Europas – mit vielen neuen Wörtern, die aus den Kontaktsprachen entlehnt sind. Diese Wörter aufzunehmen würde viel Zeit in Anspruch nehmen und wäre nicht so interessant. Deshalb konzentrieren wir uns auf den gemeinsamen Wortschatz und beschreiben das Romani so, wie es in Byzanz gesprochen wurde, bevor sich seine Sprecher über verschiedene Länder verbreiteten.
Eine Menge Überraschungen
Wie lange arbeiten Sie schon daran?
Die Arbeit begann 2019. Damals dachten wir, dass sie innerhalb von drei Jahren abgeschlossen werden könnte. Aber nun sind fünf Jahre vergangen, und das Wörterbuch ist immer noch in Arbeit. Allerdings ist es nun umfangreicher als ursprünglich angenommen und enthält Wörter, die wir damals nicht kannten. Es ist unser eigenes Projekt. Es sind keine Institutionen beteiligt, und wir haben keine spezielle finanzielle Unterstützung erhalten. Aber es ist fast fertig. Vor uns liegt noch die Arbeit an noch nicht etymologisierten Wörtern (ca. 5 Prozent) und auch die allgemeine Redaktion.
Hat Sie etwas besonders überrascht?
Was wir nicht erwartet haben, ist, wie viele Wörter in den Dialekten tatsächlich erhalten geblieben sind. Wenn man nicht nur einen Dialekt, sondern eine Reihe von Dialekten berücksichtigt, gibt es eine Menge Überraschungen. Ebenso die Stellung des Romani unter den indischen Sprachen: Es war bereits klar, dass Romani nicht direkt von Sanskrit abstammt, sondern aus einer unbelegten frühen mittelindischen Sprache. Aber jetzt werden phonetische und morphologische Merkmale entdeckt, durch die die Vorfahrin des Romani archaischer ist als alle mittelindischen Sprachen, d. h. als Pali- und Prakrit-Sprachen.
Eine Vorabversion ist bereits online. Wieso das?
Ein Wörterbuch ist ein riesiges Projekt, und wir möchten, dass sachkundige Personen uns im Laufe der Arbeit unterstützen können. Wir sind für Anmerkungen und Korrekturen dankbar, und tatsächlich schreiben uns Leser – hauptsächlich Sprecher des Romani. Andernfalls hätten wir von ihnen nichts erfahren, und unser Wörterbuch wäre viel schlechter.
Das Interview führte Roman Urbaner.
„La řomańa ćhiba-ka etimologija-ko alavari (o sa-řomano leksiko)“ (in russischer Sprache):
► rromanes.org/pub/vorbari.pdf
Kommentare und Hinweise erbeten!
Aus: dROMa 73, Frühling / Terno linaj 2024
(→Themenheft / themakeri heftlina: „Sammeln / Khetan te kedel“)