Novi Glas: Antiziganismus & Repräsentanz

Oktober 27th, 2021  |  Published in Einrichtungen, Internet & Blogothek, Interview, Radio & TV

Ein Podcast-Gespräch des bur­gen­land­kroa­ti­schen Me­di­ums „Novi Glas“ mit dem Roma-Ak­ti­vis­ten Mar­tin Hor­vath (Verein Hango Roma)

Martin HorvathAnfang 2021 wurde im deutschen WDR eine Sendung aus­gestrahlt, in der aus­schließ­lich mehr­heits­an­gehö­rige Promis über die Ver­wendung von Be­griffen wie „Zigeunersauce“ dis­kutier­ten. Die Sendung hat hohe Wellen in den sozia­len Medien ge­schlagen und auch Roma-An­gehörige in Österreich em­pört (wir be­rich­te­ten: hier, hier und hier). Martin Horvath (38) aus Siget in der Wart ist Grün­der und Vor­stands­mitglied des Vereins HANGO ROMA, einer der Schwer­punkte des Vereins ist Antizi­ganismus­arbeit. Das ganze Telefon­gespräch mit Horvath ist als Podcast nach­zu­hören und unter­halb in ge­kürzter Form zu lesen.

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/Novi Glas: Wie ist es dir ergangen, als du von dieser Sendung im WDR er­fahren hast?
Martin Horvath: Es ist in den letzten Monaten nicht neu, dass gegen die Volks­gruppe der Roma gehetzt wird. Als Corona ang­efangen hat, in Ungarn, Rumänien, Slowakei hat man Schuldige gesucht und die Schuldigen waren die Roma. Die Sen­dung beweist, dass oft ein Thema ge­wählt wird, mit dem man Quoten erreicht: Die Diskus­sion – soll man das „Zigeunersauce“ nennen oder nicht? – ist aber ver­antwor­tungs­los. Das sind Personen in der Öffent­lichkeit, die man liebt, die Vorbilder sind. Wenn man so diskutiert, ist das nicht in Ordnung. Man kann über die Ver­wendung des Begriffs „Zigeuner“ eine Diskussion halten, aber dann muss man Ver­treter von diver­sen Roma-Or­ga­nisa­tionen einladen, damit man ge­meinsam darüber dis­ku­tieren kann.

NG: Wie stehst du zu diesem Begriff? Verwendest du ihn?
Der Begriff ist nicht in unserem Wortschatz, in Romanes gibt es das Wort „Zigeuner“ nicht einmal. Man ver­bindet es mit dem „ziehenden Gauner“, es ist ein negatives Wort, das uns auf­ge­drückt worden ist. Wir sind so bezeich­net worden. Es gibt Leute, die sich als „Zi­geuner“ be­zeichnen, aber das ist eine per­sönliche Ge­schichte. Das sind Einzelne, aber man kann keine ge­samte Gruppe als „Zigeuner“ be­zeichnen. Es ist jedem über­lassen, wie er sich be­zeich­net. Für mich per­sönlich ist das Wort abscheulich. Früher, als das Burgenland zu Öster­reich ge­kommen ist, hat es die traditionellen Zigeuner­kapellen gegeben, wo man mit Geige, Klarinette, Zymbal gespielt hat. Das ist das Wort tra­ditio­nell, genauso werden wir „Zigeuner­baron“ nicht ändern können. Aber Bezeich­nungen wie „Zigeuner­sauce“, natürlich kann man die ändern. Wenn man jetzt feurige Sauce oder pikante Sauce schreibt, hat das mit dem Begriff „Zi­geuner“ ja gar nichts zu tun, wenn was scharf ist.

NG: Machen wir den Sprung nach Österreich. Das war ja eine deutsche Fernsehsendung. Wie schätzt du Situation von Fern­seh­program­men in Österreich ein? Der ORF hat ja Fern­seh­sendun­gen auf Romanes, oder?
Auf Romanes gibt es eigentlich nur das viersprachige „Servus, Szia, Zdravo, Del Tuha“ im Fern­sehen. Das war so aus­gemacht, weil die Roma nur die Radio­sendung „Roma sam“ haben, die zwanzig Minuten dauert. Die Roma haben im Gegen­satz zu den Kroaten und Ungarn keine regel­mäßigen, etwa wöchent­lichen TV-Sen­dungen. Daran sieht man, dass die Volks­gruppe medial noch nicht am Ziel an­ge­kommen ist. Wir haben nicht die gleichen Rechte. Sie sagen, es geht nach der Einwohner­zahl, aber wenn man den Schritt machen würde: eine eigene Sendung nur für Roma, einmal im Monat. Dann haben wir zwölf Sen­dungen und wären präsen­ter – mit positi­ven Bei­trägen, besser als eine Talkshow, in der nur negativ be­richtet wird.

Musst du oft Angehörige der Mehrheitsgesell­schaft darüber auf­klären, was Roma und Sinti sind und wie sie zu Öster­reich ge­hören?
Es gibt viele Fragen. Sie wissen, dass es uns gibt. Aber was wir sind, was die Kultur ist, das wissen sie nicht. In den Geschichts­büchern steht wenig bis gar nichts. Am 27. Jänner war der Holo­caust-Ge­denktag. Da hat man zu 99 Prozent von den Juden ge­sprochen, nie von den Roma. Ich hab mir Fernseh­beiträge an­gese­hen. Das tut im Herzen weh, wenn man weiß, dass im Holocaust eine halbe Million Roma um­gekommen ist und die werden dann nicht erwähnt. Es wird be­richtet, aber man lässt Details aus. Im Burgenland sind ein paar Hundert zurück­ge­kommen – wo es vor 1938 ungefähr 11.000 Roma ge­geben hat und nicht einmal 10 Prozent sind zurück­ge­kommen. Die Mehr­heits­bevöl­ke­rung ist noch nicht so weit mit der Geschichte der Roma und Sinti im Holocaust. Man sieht es an den Gedenktafeln, dass das sehr schlep­pend ist, dass man das ablehnt oder die Aufstellung hinaus­zögert. In der Infor­mations- und Sen­sibili­sie­rungs­arbeit gibt es viel zu tun.

Novi Glas: Hast du das Gefühl, dass es innerhalb Volksgruppe mehr Re­präsen­tant:in­nen braucht, die vielleicht auch selbst­bewusst da­stehen und sagen: „Ich bin Rom und stolz darauf.
Die Jungen gehen normal damit um, dass sie Volks­gruppen­ange­hörige sind. Sie stehen zu ihrer Identität, aber sie stellen sich nicht nach vorn und posaunen heraus: „Ich bin ein Rom.“ Natür­lich brauchen wir mehr Aktivisten, die an der Front stehen und das machen. Roma, die Firmen haben oder Jahr­zehnte in­tegriert sind. Es gibt sehr viele un­sicht­bare Roma, die sich nicht outen. Wir haben auch keine poli­tischen Vertreter.

NG: Zu diesem Punkt wollte ich auch kommen. Du hast 2015 für die Landtags­wahlen kandi­diert. Als erster Kandidat aus deiner Volks­gruppe.
Genau, ich war der erste Rom, der im Burgenland für eine Land­tags­wahl kan­didiert hat.

NG: Wie waren deine Erfahrungen?
Die waren sehr positiv. Ich hatte Wählerstimmen von Nord bis Süd. Aber meist hat man es als Volks­gruppen­ange­höriger schwierig, sich in in der Politik zu etablieren. Im Parlament oder auch im Landtag sind von den an­deren Volks­gruppen einige drin, wir haben keinen. Aber auch etwa beim AMS: Gibt es einen Rom als Berater? Ich kenne keinen. Oder beim Finanz­amt oder in der BH? Andere Volks­gruppen und die Mehrheits­bevölke­rung sind ver­treten, wir Roma sind es nicht. Das ist noch immer so wie vor drei­ßig Jahren – leider.

NG: Es ist auch über dreißig Jahre her, dass der erste Romaverein in Österreich ge­gründet wor­den ist.
Das war 1989, wo im Juni die erste Romaorganisation ge­gründet wurde.

NG: Du bist auch im Volksgruppenbeirat der Roma. Bist du da der Jüngste?
Jetzt sind wir zu acht. Wir haben Kirchenvertreter und Vereins­funktio­näre. Die Manuela [Horvath] ist Kirchen­vertre­terin, sie ist zwei Jahre jünger. Ich bin 38.

(Interview: Konstantin Vlasich, NoviGlas.onine, Feb. 021)

Siehe auch:
„Man muss für alle offen sein“. Grüner und Gründer: Martin Horvath, in: dROMa 45 (2015)

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