Grußadresse von Papst Franziskus an die Roma

September 17th, 2021  |  Published in Dokumente & Berichte, Rassismus & Menschenrechte, Religion

Slowakei: Papst Franzskus in der Roma-Siedlung "Lunik 9" (Foto: vatican.va)Apostolische Reise von Papst Franziskus in die Slo­wa­kei: Be­geg­nung mit der Roma-Ge­mein­schaft in Luník IX (Košice), 14. Sep­tem­ber 2021 (mehr hier)

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Ich danke euch für den herzlichen Empfang und für eure lieben Worte. Ján hat daran er­innert, was der heilige Papst Paul VI. ein­mal zu euch gesagt hat: »Ihr steht in der Kirche nicht am Rand … Ihr seid im Herzen der Kirche« (Homilie, 26. Sep­tem­ber 1965). Nie­mand darf sich in der Kirche fehl am Platz oder bei­seite­gescho­ben fühlen. Das ist nicht nur eine Redens­art, son­dern ein Merkmal von Kir­che-Sein. Denn Kirche-Sein be­deutet als von Gott Zu­sammen­geru­fene zu leben, sich als Stamm­spieler im Leben zu fühlen und zur glei­chen Mann­schaft zu ge­hören. Ja, denn Gott möchte uns so haben, jeder ver­schie­den, aber alle um ihn vereint. Der Herr sieht uns im Mit­einander. Alle.

Und er sieht uns als Söhne und Töchter: er hat den Blick eines Vaters, den Blick der Vor­liebe für jedes seiner Kinder. Wenn ich diesen Blick auf mir an­nehme, lerne ich auch die an­deren richtig zu sehen: ich ent­decke, dass neben mir weitere Kinder Gottes stehen, die ich als Geschwister an­erken­nen kann. Das ist die Kirche, eine Familie von Brüdern und Schwestern mit dem glei­chen Vater, der uns Jesus als Bruder gegeben hat, damit wir ver­stehen, wie sehr er die Ge­schwis­ter­lich­keit liebt. Und er möchte, dass die ganze Mensch­heit eine weltweite Familie wird. Ihr hegt eine große Liebe für die Familie, und ihr schaut von dieser Er­fahrung her auf die Kirche. Ja, die Kirche ist ein Haus, sie ist euer Haus. Deshalb – ich möchte es euch von Herzen sagen – seid will­kom­men, fühlt euch immer zu­hause in der Kirche und habt keine Angst, darin zu wohnen. Keiner halte euch oder jemand anders von der Kirche fern!

Ján, du hast mich mit deiner Frau Beáta begrüßt: gemein­sam habt ihr den Traum der Familie euren großen Ver­schie­den­heiten in Herkunft, Sitten und Ge­bräuchen vor­ge­zogen. Mehr als viele Worte ist eure Ehe ein Zeugnis dafür, wie das konkrete Mit­einander viele Stereo­typen ein­stürzen lassen kann, die sonst un­über­wind­lich scheinen. Es ist nicht einfach, sich über die Vorurteile hinweg­zu­setzen, auch unter Christen. Es ist nicht einfach, die anderen wert­zu­schätzen; oft sieht man in ihnen Hinder­nisse oder Gegner, und man urteilt über sie, ohne ihre Gesichter und ihre Ge­schich­ten zu kennen.

Doch hören wir, was Jesus im Evangelium sagt: »Richtet nicht!« (Mt 7,1). Das Evangelium darf nicht versüßt, nicht verwässert werden. Richtet nicht, sagt uns Christus. Wie oft sprechen wir jedoch nicht nur ohne Fun­da­ment oder nach dem Hören­sagen, son­dern halten uns sogar für gerecht, wenn wir harte Richter über andere sind. Nach­sichtig mit uns selbst und un­beugsam gegen­über den anderen. Wie oft sind die Urteile in Wirk­lich­keit Vorurteile, wie oft etiket­tie­ren wir! Das heißt mit Worten die Schön­heit der Kinder Gottes, die unsere Geschwis­ter sind, zu ver­unstalten. Die Wirk­lich­keit des Anderen kann man nicht auf die eigenen vor­ge­fertig­ten Modelle redu­zieren. Man kann die Men­schen nicht schemati­sieren. Um sie wirk­lich zu erkennen, muss man sie vor allem an­erken­nen: an­erkennen, dass ein jeder in sich die un­zer­stör­bare Schön­heit der Kinder Gottes trägt, in der sich der Schöpfer spiegelt.

Liebe Brüder und Schwestern, zu oft seid ihr schon Gegen­stand von vor­gefass­ten Meinungen und er­barmungs­losen Urteilen, von dis­krimi­nie­renden Stereo­typen, von diffa­mieren­den Worten und Gesten geworden. Damit sind wir alle ärmer geworden, ärmer an Mensch­lich­keit. Das, was uns hilft, um die Würde wieder­zu­erlangen, ist von den Vor­urteilen zum Dialog über­zugehen, von der Ver­schlos­sen­heit zur Integra­tion. Doch wie kann man das machen? Nikola und René, ihr habt uns dabei ge­holfen: eure Ge­schichte der Liebe hat hier be­gonnen und ist dank der Nähe und der Er­mutigung, die ihr er­halten habt, gereift. Ihr habt euch ver­antwort­lich gefühlt und eine Arbeit an­gestrebt; ihr habt euch geliebt gefühlt und seid mit dem Wunsch ge­wach­sen, euren Kindern ein­mal etwas Besseres zu geben.

Damit habt ihr uns eine wertvolle Botschaft gegeben: wo es die Sorge um die Person gibt, wo es seelsorg­liche Arbeit gibt, wo es Geduld und Konkret­heit gibt, da gibt es auch Früchte. Nicht sofort, es braucht Zeit, aber sie kommen. Urteile und Vor­urteile ver­grö­ßern nur die Ab­stände. Aus­einan­der­set­zun­gen und star­ke Worte helfen nicht. Gettoisierung von Men­schen bringt kei­ne Lösung. Wenn man die Ein­ge­schlos­sen­heit schürt, bricht früher oder spä­ter Wut aus. Der Weg für ein fried­volles Zu­sam­men­leben ist die Integra­tion. Es ist ein orga­nischer Prozess, ein lang­samer und vitaler Prozess, der mit dem ge­gen­seiti­gen Kennen­lernen beginnt, mit Geduld fort­schreitet und die Zukunft im Auge behält. Und wem gehört die Zu­kunft? Wir können uns fragen: Wem gehört die Zu­kunft? Den Kindern. Sie sind es, die uns die Rich­tung weisen: Ihre gro­ßen Träume dür­fen nicht an unseren Schranken zer­brechen. Sie wollen ge­mein­sam mit den an­deren heran­wachsen, ohne Hinder­nisse, ohne Aus­schlie­ßung. Sie ver­dienen ein ein­geglie­der­tes Leben, ein Leben in Freiheit. Sie sind es, die weit­blicken­de Ent­scheidun­gen an­stoßen sollen, die nicht sofortige Zu­stimmung suchen, sondern auf die Zukunft von allen achten. Für die Kinder sind mutige Ent­scheidun­gen zu treffen: für ihre Würde, für ihre Erziehung, damit sie gut verwurzelt in ihren Ur­sprüngen, zu­gleich aber ohne Ein­schrän­kung ihrer Mög­lich­keiten heran­wachsen können.

Ich danke denen, die diese Arbeit der Integration weiterführen, die nicht nur viel Mühe mit sich bringt, sondern zu­weilen sogar Undank und Un­verständ­nis, manch­mal sogar inner­halb der Kirche. Liebe Priester, Ordens­leute und Laien, liebe Freunde, die ihr eure Zeit aufbringt, um euren Brüdern und Schwes­tern eine integrale Ent­wicklung an­zu­bieten, danke! Danke, Pfarrer Peter, dass du uns von den Seelsorge­zentren er­zählt hast, wo ihr nicht soziale Ver­sorgung, sondern persön­liche Be­gleitung leistet. Danke euch Salesianern! Geht auf diesem Weg weiter, der nicht vor­gibt, alles sofort geben zu können, son­dern pro­phe­tisch ist, weil sie die Letzten mit ein­bezieht, Ge­schwister­lich­keit stiftet und den Frieden aussät. Habt keine Angst, hinaus­zu­gehen denen ent­gegen, die an den Rand gedrängt sind. Es wird euch bewusst werden, dass ihr Jesus ent­gegen­geht. Er wartet auf euch dort, wo es Zer­brech­lichk­eit gibt, nicht Komfort; wo man dient und nicht, wo man Macht ausübt; wo man sich ein­bringt, nicht wo man sich selbst gefällt. Dort ist er.

Und ich lade alle ein, über die Ängste hinauszugehen, über die Ver­letzungen der Ver­gangen­heit, mit Zuversicht, Schritt für Schritt: bei ehren­hafter Arbeit, in der Würde, das tägliche Brot zu ver­dienen, im Berei­chern des gegen­seitigen Ver­trauens. Und mit dem Gebet des Einen für den An­deren; denn dies ist es, das uns Orientierung und Kraft gibt. Ich ermutige euch, ich segne euch und ich bringe euch die Um­armung der ge­samten Kirche. Danke. Palikerav.

(Text: vatican.va)

Siehe auch:
Welthaus: Papstbesuch weckt Hoffnung für Roma
, 16.9.2021
Potemkinsche Roma-Siedlung für Papstbesuch
, 31.7.2021
Zentralrat für Umbenennung der Pacelliallee
, 18.9.2020
„Ada baro dipe hi, so tumen hi“
, 2.6.2020
Papst-Treffen: Bibel auf Romani überreicht
, 29.11.2017

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