Sie gehört zu uns: Marianne Rosenberg ♫

März 10th, 2020  |  Published in Musik

Marianne Rosenberg feiert heute ihren 65. Geburts­tag. Lan­ge gab sich die umjubelte Sän­ge­rin nicht als Sintiza zu er­ken­nen – heu­te ist sie das wohl pro­mi­nen­tes­te Ge­sicht ih­rer Volks­grup­pe in Deutschland. „U Went Rom“ lau­tet der Ti­tel des ers­ten Songs, den sie in ihrer zwei­ten Mut­ter­spra­che, in Romanes, auf­ge­nom­men hat.

Seit ihrem schüchternen Bühnendebüt vor 50 Jahren avancierte sie in den 1970er Jahren rasch zum schillernden Aushängeschild des deutschen Schlagers. Was in der Glitzerwelt des Showbusiness lange niemand wusste: Sie ist auch Sintiza, Tochter des Auschwitz-Überlebenden und Sinti-Bürgerrechtlers Otto Rosenberg, der ihr am Anfang ihrer Karriere auch als Manager zur Seite stand. Über Jahre zwangen Ressentiments und Rassismus die junge Musikerin, ihre Sinti-Herkunft zu verbergen. Ihr Vater habe sie angehalten, ihren Sinti-Hintergrund zu verschweigen, erklärte Rosenberg einmal in einem Gespräch mit der „Zeit“. „Unsere Vorfahren stammen aus Ungarn und Ende, die andere Geschichte will keiner hören, es erschreckt die Leute, sie fühlen sich schuldig“, schärfte ihr der Vater ein. „Ich glaube, alle, die Auschwitz überlebt haben, dachten, das kann noch einmal geschehen. Man spürte es auf den Familienfeiern.“

Als Rosa von Praunheim die damals 21-Jährige vor laufender Kamera mit Gerüchten über ihre Herkunft konfrontierte und fragte, ob ihre Familie unter dem NS-Regime rassische Verfolgung erfahren hätte, antwortete die überrumpelte Sängerin mit einem zögerlichen „Nein“. Die Zeit war noch nicht reif. Doch das Trauma ihrer Elterngeneration lastete schwer auch auf der 1955 Geborenen. Als Marianne Rosenberg sich Ende der 1980er Jahre auch als Schauspielerin versuchte und für Dreharbeiten zur Filmproduktion „Komplizinnen“ in die Hamburger Jugendhaftanstalt in Neuengamme musste, erlitt sie in den engen Zellen einen Nervenzusammenbruch. Hier in Neuengamme hatte sich das Konzentrationslager befunden, in dem ihr Onkel ermordet worden war.

Ich kann nicht verstehen, warum sie weinen

Erst als ihr Vater Otto Rosenberg sich in die Öffentlichkeit wagte und sich für die Minderheit engagierte, begann sich auch die Sängerin öffentlich zu ihren Sinti-Wurzeln zu bekennen. Erstmals brachte sie diese in einer TV-Talkshow mit Giovanni di Lorenzo zur Sprache. Insbesondere in ihrer Autobiografie „Kokolores“ gab sich Marianne Rosenberg dann 2006 gegenüber ihren Fans als Sintiza zu erkennen – und kam ausführlich auf ihren Vater zu sprechen: „Die Tochter beschreibt, wie der Vater nachts laut weint, die Namen der Toten ruft. Die Tochter will den Vater befragen, zuckt dann jedoch auch wieder davor zurück: ,Ich will nicht, daß er sich erinnert.’“, fasste der Rezensent der FAZ „diese eindrucksvolle[n] Passagen“ zusammen: „Jeder Feiertag belastet ihn, er sehnt sich nach seinen toten Verwandten, er bringt der kleinen Marianne die Lieder bei, die seine Mutter immer sang. Und so beginnt dann auch das Buch: Die Mutter weckt die kleine Marianne, fährt mit ihr und dem Bruder nächtens in die Berliner Eckkneipe. Dort wartet schon der Vater. Er hebt die Kleine auf den Tisch, der Bruder schlägt den Akkord auf der Klampfe an, Marianne singt ,Jiddische Mamme’.“ Marianne Rosenberg schreibt: „Es wird still und ich beobachte die Leute. Ihre Gesichter sind bewegt und Tränen laufen an ihren Wangen herunter. Ich kann nicht verstehen, warum sie weinen. Es muß mit ihrem Leben zu tun haben.“

Sie wandelte sich bald zur streitbaren Vertreterin – und zum wohl prominentesten Gesicht – ihrer Volksgruppe in Deutschland (siehe z. B. hier und hier). Jetzt nahm Marianne Rosenberg, die in ihrer Familie mit dem Sinti-Jazz Django Reinhardts aufwuchs, erstmals auch ein Lied auf Romanes auf: „U Went Rom“, das sie bereits Anfang der 1980er Jahren gemeinsam mit ihrem Vater geschrieben hatte.

Otto und Petra Rosenberg

Otto Rosenberg war Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender der Sinti-Union Berlin (heute Landesverband Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg e.V.) und im Vorstand des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Wenige Jahre vor seinem Tod 2001 fand er die Kraft, seine Lebens- und Überlebensgeschichte zu Papier zu bringen („Das Brennglas“). In dem Buch schildert er sein Überleben in den Jahren des Völkermords an den Sinti und Roma. Auch Mariannes ältere Schwester, die Pädagogin Petra Rosenberg, setzt sich an vorderster Front für die Rechte der Minderheit ein: Sie ist heute Vorsitzende des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg.

(Text: dROMa-Red.)

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