Poesie-Atlas

Dezember 8th, 2018  |  Published in Literatur & Bücher, dROMa (Magazin)

Poesie-Atlas CoverPoesie-Atlas – Moderne Dichtkunst der Roma

Mehr als 250 Gedichte von 100 Autorinnen und Autoren, unter ihnen auch eini­ge lyri­sche Stim­men aus Österreich, ha­ben die Heraus­ge­ber Wil­fried Ihrig und Ulrich Ja­netzki zu die­sem „mo­der­nen Po­esie-At­las der Roma und Sinti“ zu­sam­men­ge­tra­gen.

Die Anthologie „Die Morgendämmerung der Worte“ ist der Er­trag einer jahre­langen Suche in den Anti­qua­ria­ten und Biblio­the­ken Europas, das Er­gebnis einer literatur­wissen­schaft­lichen For­schung an den Quellen: Poesie der Roma und Sinti, Lovara, Kalderasch, Gitanos, Gypsies, Tra­vel­lers oder Jenischen. Nie zuvor wurde die Viel­falt dieser weit ver­streut ver­öffent­lich­ten und nur schwer zu fas­senden Literatur so um­fassend dar­ge­stellt.

Die Anthologie nimmt nicht nur jene lyrischen Selbst­zeug­nisse auf, die in Romani ver­fasst worden sind, son­dern auch Gedichte, die aus etwa zwan­zig Sprachen ins Deutsche über­tra­gen wur­den, viele davon zum ersten Mal. Mit­heraus­ge­ber Wilfried Ihrig: „Man sagt, Litera­tur ist Welt­literatur, wenn sie überall ge­le­sen wird. Die Roma-Li­te­ratur ist Welt­literatur, weil sie überall ge­schrie­ben wird, in vie­len Ländern, fast al­len Ländern der Erde.“

Und wie es sich für einen Atlas gehört, sind die Autorin­nen und Auto­ren – von Russ­land über Rumänien bis Argen­tinien – fein säuber­lich nach Ländern grup­piert. Man stößt auf die großen Namen, die Bahn­brecher der Roma-Dich­tung wie Papusza, Mattéo Maximoff oder Alexander Germano; vor al­lem aber auch auf zahl­reiche Ver­treter einer neuen Gene­ration, die ihren litera­ri­schen Rang erst noch be­haup­ten müssen. Und mit­ten unter sie misch­ten die Heraus­geber sogar einen Text Charlie Chaplins, der – wie er selbst in seiner Auto­bio­grafie berich­tet – mütter­licher­seits von einer engli­schen „Gipsy“-Fa­milie ab­stammt. Sein Sohn Michael Chaplin habe erfreut ein­ge­willigt, den Text seines Vaters zur Ver­fügung zu stel­len, schreibt die Jazz­sän­gerin und Au­to­rin Dotschy Reinhardt in ihrem Vorwort. So fand als Über­raschungs­coup auch Chaplins legen­därer Non­sense-Song aus „Mo­dern Times“ Ein­gang in den Band. Übri­gens nicht die ein­zige über­ra­schende Lektüre: Die Heraus­geber nah­men auch drei Lied­texte der Schlager­sängerin und Sinti-Bür­ger­recht­lerin Marianne Rosenberg in ihre Samm­lung mit auf. Lyrik hat eben viele Ge­sichter.

Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki (Hrsg.): Die Morgendämmerung der Worte. Moderner Poesie-Atlas der Roma und Sinti, Die An­de­re Biblio­thek: Berlin 2018, 350 Sei­ten (ge­bun­den)

www.die-andere-bibliothek.de

aus: dROMa 53 (2018), S. 18f. (pdf-Download)

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