Interview: Markus Pape über Tschechien
Juli 19th, 2011 | Published in Interview, Rassismus & Menschenrechte
Der in Prag lebende Journalist und Menschenrechts-Aktivist Markus Pape vom „Europäischen Zentrum für Romarechte“ (ERRC) war so freundlich, für den deutschen „Antiziganismus-Watchblog“ einige Fragen zur Situation der Roma in Tschechien zu beantworten. Wir bringen im Folgenden das Interview:
Interview zu der Situation der Roma-Minderheit in Tschechien
Antizig-Watchblog: Wie groß ist überhaupt die Roma-Minderheit in Tschechien?
Pape: Es gibt nur Schätzungen, die sich zwischen 150.000 und 250.000 Roma bewegen. Bei Volkszählungen bekennen sich nur wenige tausend Bürger zur „Volksgruppe der Roma“, weil sie entweder Nachteile dadurch befürchten oder aber sich in erster Linie als Tschechen oder Slowaken fühlen.Antizig-Watchblog: Wie ist ihre gesetzliche Stellung und wie ihre soziale?
Pape: Gesetzlich sind die Roma als ethnische Minderheit anerkannt, etwa zwei Drittel der Roma leben nach Schätzungen in Armut. In den Medien werden Roma zumeist nur in Verbindung mit Kriminalität, Armut oder Konflikten erwähnt. Darum weiß niemand, dass Zehntausende von Roma hier einer ordentlichen Arbeit nachgehen.Antizig-Watchblog: Wie war die Stellung der Roma in der ČSSR?
Pape: Dadurch es ein Arbeitspflicht gab, mussten sie beschäftigt werden, zumeist mit schwerer körperlicher Arbeit und mit Arbeiten, die ethnische Tschechen nicht verrichten wollten. Schwere körperliche Arbeit wurde überdurchschnittlich bezahlt und dadurch hatten viele Romafamilien einen relativ guten Lebensstandard. Nach der Wende wurden die meisten Roma entlassen und durch Billigarbeiter aus der Ukraine oder anderen Ländern ersetzt.Antizig-Watchblog: Gibt es eine Roma-Bürgerrechtsbewegung bzw. – Selbstvertretung? Wie ist sie entstanden und was tut sie?
Pape: Es gibt Fragmente einer Bürgerrechtsbewegung, aber keine politische Selbstvertretung. Am Regierungsamt trifft sich regelmäßig ein Rat für Angelegenheiten der Romakommunität. Seine Mitglieder – zur Hälfte Vertreter von Ministerien, ansonsten Vertreter von NGOs, zum Teil auch Roma – werden von der Regierung ernannt und nicht von Roma selbst gewählt. Zurzeit funktioniert dieser Rat kaum.