Neuer deutscher Antiziganismus-Beauftragter
Juni 21st, 2025 | Published in Einrichtungen, Politik, Rassismus & Menschenrechte
Nach Protesten: Das Amt des deutschen Antiziganismus-Beauftragten wird nun doch neu besetzt. Michael Brand (CDU) folgt dem bisherigen Beauftragten Mehmet Daimagüler nach.
Die erst kürzlich bekannt gewordene Entscheidung, diese erst im Mai 2022 neu geschaffene Stelle nach dem Rücktritt von Mehmet Daimagüler nicht fortzuführen, hatte energische Reaktionen aus den Organisationen und Verbänden der Sinti und Roma zur Folge. Kelly Laubinger von der Sinti-Union Schleswig-Holstein etwa sprach von „Unsichtbarmachung“ und „politischem Skandal“, Petra Rosenberg vom Landesverband Berlin-Brandenburg von einem „fatalen Signal“. Und Romani Rose vom Zentralverband Deutscher Sinti und Roma zeigte sich von den Plänen der Bundesregierung irritiert und versprach, bei der Bundesregierung zu intervenieren.
Auch in einer spontan gestarteten Petition an Kanzler Merz und Familienministerin Prien (wir berichteten) forderten Roma-Aktivisten die Beibehaltung der Stelle: „Besetzen Sie die Stelle des Beauftragten neu! Es war ein wichtiges Zeichen, dass sie geschaffen wurde. Es ist ein verheerendes Zeichen, dass sie nun einfach entfällt – obwohl Antiziganismus weiterhin Alltag ist. Obwohl wir endlich mehr Sichtbarkeit brauchen. Obwohl wir ein Teil dieser Gesellschaft sind. Diese Entscheidung muss rückgängig gemacht werden. Ein Beauftragter für die Belange von Sinti und Roma ist kein verzichtbarer Luxus – sondern eine Notwendigkeit.”
Nun hat das Bundeskabinett Michael Brand (MdB, CDU) zum Beauftragten der Bundesregierung gegen Antiziganismus und für das Leben der Sinti und Roma in Deutschland berufen. Die Ernennung erfolgte am 18. Juni auf Vorschlag von Bundesministerin Karin Prien für die Dauer der 21. Wahlperiode. Michael Brand ist derzeit Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ).
Zur Person des neuen Antiziganismusbeauftragten informiert die Website des Ministeriums: „Michael Brand ist studierter Politikwissenschaftler und seit vielen Jahren im Bereich Menschenrechte aktiv, unter anderem als Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses im Deutschen Bundestag sowie als Sprecher für Menschenrechte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Als Parlamentarier hat Michael Brand sich in seiner bisherigen Arbeit durch seinen Einsatz für Menschenrechte und die Belange von Minderheiten ausgezeichnet. Für die Sinti und Roma ist diese Entscheidung ein deutliches Zeichen, dass die Bundesregierung sie nicht nur in ihrem Einsatz gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung unterstützt, sondern auch die Kultur der Sinti und Roma als Bestandteil unseres Lebens in Deutschland anerkennt.“
Michael Brand selbst hält anlässlich seiner Berufung fest: „Diese weitere Verantwortung im Rahmen meiner Tätigkeit als Parlamentarischer Staatssekretär zu übernehmen, ist mir nach meiner langjährigen Erfahrung im Bereich der Menschenrechte und auch im Kampf gegen Diskriminierung von Sinti und Roma ein Anliegen, dem ich mich vor dem Hintergrund dieser Erfahrung gerne widmen werde. Dabei liegt mir daran, dass wir den gesellschaftlichen Diskurs auch zur Frage der Sinti und Roma und des Antiziganismus in einer Art und Weise führen, dass wir die Ursachen benennen, aufklären und Lösungen aufzeigen. Wo Diskriminierung geschieht, muss ihr klar und entschieden entgegengetreten werden – durch Staat und Gesellschaft gleichermaßen. Es ist mir wichtig, auch die vielen positiven Beispiele des Miteinanders zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheit stärker in den Fokus zu rücken. Der notwendige Diskurs darf nicht ausschließlich mit negativ besetzten Positionierungen, schon gar nicht mit Vorurteilen und Stereotypen geführt werden. Wobei völlig unstreitig bleibt, dass auf besorgniserregende Entwicklungen und Vorfälle selbstverständlich immer mit der notwendigen Klarheit des Staates und auch unserer Gesellschaft reagiert werden muss. Völlig klar ist, dass wir angesichts des Anstiegs von innen und außen befeuertem Extremismus gerade auch Minderheiten wie die Sinti und Roma besonders vor den Auswirkungen von Extremismus und Diskriminierung zu schützen haben. Vor dem Hintergrund meiner bisherigen Erfahrung werde ich den Dialog mit den Sinti und Roma, ihren Interessenvertretungen, staatlichen Institutionen und der Zivilgesellschaft suchen, um die bestmöglichen Strategien zu entwickeln und der besonderen historischen Verantwortung gegenüber dieser in der Zeit des Nationalsozialismus schwer verfolgten Minderheit gerecht zu werden. Es bleibt das selbstverständliche Ziel, Sinti und Roma in unserem demokratischen Rechtsstaat sämtliche Rechte zu garantieren und alle Möglichkeiten zu eröffnen, die ihnen zustehen. Auf die gemeinsame Arbeit freue ich mich sehr.“
Die Entscheidung, die Stelle des Beauftragten fortzuführen und mit Michael Brand zu besetzen, war bereits mehrere Tage vor der formellen Ernennung bekannt geworden. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma begrüßte in einer Aussendung die Berufung Brands und nannte diese „eine wichtige und gute Entscheidung“: „Michael Brand hat das Vertrauen und die Unterstützung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma in seinem Amt. Brand engagiert sich seit vielen Jahren in der Gesellschaft für bedrohte Völker, [...] die schon sehr früh den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma unterstützt hat. Staatssekretär Michael Brand bringt für sein Amt als Antiziganismusbeauftragter durch sein frühes Engagement in einer Menschenrechtsorganisation die Voraussetzungen mit um den Antiziganismus zu erkennen und ihm entgegenzuwirken.“
Der neue Antiziganismusbeauftragte soll die Maßnahmen der Bundesregierung „koordinieren und von Bund und Ländern Maßnahmen einfordern, die den tiefsitzenden Antiziganismus, auch in Teilen der Bürokratie, endlich ächten“. Der Zentralrat ruft Brands frühere Aussagen in Erinnerung und zitiert aus dessen Redebeitrag in der Bundestagsdebatte im Dezember 2023: „Umso mehr werden wir bis in die Gegenwart hinein verbreitete Diskriminierung gegen deutsche Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Sinti und Roma sind, aktiv und konkret bekämpfen und zurückdrängen. Das sind wir nicht nur allen schuldig, die Opfer oder Nachkommen von Opfern dieses nationalsozialistischen Horrors sind; wir sind es auch uns selbst schuldig. Statt Diskriminierung wollen wir die wertvollen kulturellen, gesellschaftlichen und menschlichen Beiträge von Sinti und Roma für unsere Gesellschaft so gewürdigt und respektiert sehen, wie sie es verdient haben.“
(Text: RU/dROMa)