Ausstellung in Berlin: „Nein zu den Maschinen“

Juni 23rd, 2025  |  Published in Kunst & Fotografie, Veranstaltungen & Ausstellungen

Ausstellung "No a las máquinas" in Berlin (Bild: Kai Dikhas)Nein zu den Maschinen – Roma-Perspektiven auf eine apo­kalyp­tische Land­wirtschaft

Bis 30. Oktober 2025 im Aufbau-Haus am Moritz­platz (Stiftung Kai Dikhas und Kunst­raum Dikhas Dur, Prinzen­str. 84, 10969 Berlin). Öff­nungs­zeiten: Do. bis Sa. 16–19 Uhr

Das „No a las máquinas im Titel der Ausstellung ist einem Graffiti in der Heimat­stadt des Kurators Miguel Angel Vargas Rubio ent­nommen. Lebrija, unweit von Sevilla in der von industri­eller Land­wirtschaft ge­prägten Landschaft Andalusiens ge­legen, ist ein Zentrum der spanischen Gitanos, die dort seit vielen hun­dert Jahren leben. Ihr Leben wird vor allem auch von dem Wandel der Land­wirtschaft be­stimmt, von den Besitz­ver­hält­nissen, der Industri­ali­sier­ung bis hin zu den massiven ökolo­gischen Schwierig­keiten der Region Anda­lusien und der Klimakrise unserer Zeit.

Ausgehend von dem Text von Miguel Angel Vargas Rubio (siehe unten) vereint „NEIN ZU MASCHINEN – Roma-Per­spekti­ven auf eine apo­kalyp­tische Land­wirtschaft“ künst­lerische Per­spekti­ven auf diese Situation: Kann die Tradi­tion der Sinti und Roma, die von einem nach­halti­gen Um­gang mit der Umwelt erzählt, nicht nur die Miss­stände son­dern auch Wege aus der Krise auf­zeigen?

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von David Weiss, der nicht nur Künstler, son­dern auch Agrar-Öko­loge ist, des briti­schen Künstlers Dan Turner, und der wie Miguel Angel Vargas Rubio eben­falls aus Andalusien stam­men­den Künstler Helios Gómez (1905–1956) und Manolo Gómez sowie von der Fran­zösin Marina Rosselle. Die Ausstel­lung, kuratiert von Miguel Ángel Vargas Rubio und Moritz Pankok, wurde mit der groß­zügi­gen Unter­stützung der Botschaft von Spanien er­möglicht.

Im kleinen Universum des gesunden Menschen­verstands erschei­nen uns die territo­rialen Identitäten der Moderne als die natür­liche Genea­logie der Gewohn­heit. Vom Zug­fenster aus erscheint uns die zeit­genös­sische Land­bewirt­schaf­tung als die Zeichnung einer karto­grafi­schen Fantasie mit dem Pflug oder dem Traktor. Sie er­scheint auch als das Bild des National­staates an den Grenzen der Land­wirtschaft der Grünen Revolution am Ende des 19. Jahr­hunderts, die ihrer­seits das konkave Spiegel­bild der Landschaft der Fabriken und der Arbeiter, der von der Kapital­maschi­nerie ver­schlun­genen Männer und der an die ständige Re­produk­tion im Haushalt ge­ketteten Frauen ist. Der land­wirt­schaft­liche Boden als die Sphäre, in der die Bezie­hung zur Natur, die seit der neo­lithischen Revolution domes­tiziert wurde, ent­persona­lisiert wird – spielt das eine Rolle in der Zeit des Oliven­baums? Eine Vision von paral­lelen Linien und einer Hütte für Werkzeuge mit einem Dach aus Asbest. Die­jenigen, die am Rande dieser urbanen Welt leben, wollen die Imma­nenz des land­wirt­schaft­lichen Besitzes, seine Grenzen, seine Nutzungen auf­brechen. Das Land fungiert als Begehren und Sehnsucht. In den Feld­arbeiter­wohnun­gen, den Räumen des Lebens nach der Akkord­arbeit, lesen sie leise politische Manifeste und Zeitungen, die von Kämpfen in anderen Ländern mit paral­lelen Linien und Asbest­dächern erzählen. Der Bauernhof, wiederum als Metapher für das Weltsystem. Säen, was der Markt verlangt. Es gibt keinen Spiel­raum für Ver­hand­lungen und keinen Spielraum für Profit in den Händen der Werk­tätigen. Die Straßen führen nicht um den Hang herum, um Steine, Bäume oder Bäche zu über­queren, sondern bergauf und bergab, quadra­tisch und rechteckig. Das Europa der Aufklärung und der Zuckerrübe, die das britische Rohr­zucker­monopol be­kämpfte. Bäume und Steine wurden von den Hügeln gerodet, um sie in Ackerland zu ver­wandeln. Das Europa der Nachkriegs­zeit und die Gemein­same Agrar­politik der EU. Die Roma als Tagelöhner bei Groß­grund­besitzern und Klein­bauern. Agrar­reformen für mehr soziale Gerechtigkeit in den Jahren von 1807 bis 1980. Die gestörte Ordnung hinter den Tage­löhnern; ein Kampf um die Lust an der Paradies­phantasie. Baumwolle, Weizen und Zuckerrüben. Wie man sein er­obertes Land bearbeitet, obwohl man weiß, dass es einem nicht gehört. Die neuen Bank­schulden der großen Roma-Familie am Ende des 20. Das Land verbrennt, die Körper ver­rotten an Krebs, weil unzählige Pestizide eingesetzt werden. Die Kon­zentra­tion von Land in den Händen einiger weniger treibt die Roma-Familien ins Exil in andere Länder des Westens. Das Fieber der roten Früchte. Marokkaner, Schwarze, Roma, Ukrainer: der ferne Westen Europas Erdbeeren. Es gibt einen Hinter­grund von Flamenco-Re­so­nanzen, der eine Tradition erfindet, die daran arbeitet, die Grenzen des Territo­riums zu durch­brechen. Wir singen von dem, was wir nicht haben. Es gibt keine Karren, keine Caravans, keine Bäche oder Vögel. Wie kann man diese traurige Geschichte malen?

Miguel Ángel Vargas Rubio, Sevilla

(Text: Kai Dikhas)

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