„Schlag ins Gesicht für die Sinti und Roma“
Mai 30th, 2025 | Published in Einrichtungen, Politik, Rassismus & Menschenrechte
Neue deutsche Bundesregierung verzichtet auf Antiziganismus-Beauftragten
Vor drei Jahren schuf die deutsche Bundesregierung das Amt des „Beauftragten der Bundesregierung gegen Antiziganismus und für das Leben der Sinti und Roma in Deutschland“. Die im Mai 2022 neu geschaffene Stelle wurde mit dem Rechtsanwalt und Publizisten Mehmet Daimagüler betraut. Zugeordnet war die Stelle dem Familienministerium. Die Bundesregierung konnte somit auf die Expertise eines Antisemitismus-, eines Antirassismus- und eines Antiziganismusbeauftragten zurückgreifen.
Nun soll die Stelle jedoch wieder abgeschafft werden. Daimagüler hatte erst kürzlich seinen Rücktritt aus persönlichen Gründen bekannt gegeben. Wie am Mittwoch publik wurde, will die Bundesregierung die vakante Stelle nicht mehr nachbesetzen. „Eine Abschaffung des Amts wäre ein Schlag ins Gesicht für die Sinti und Roma in Deutschland“, zitiert die „taz“ den bisherigen Amtsinhaber.
Auch der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma reagiert brüskiert auf Presseberichte zur Abschaffung des Beauftragten: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bundesregierung einen solchen Schritt gehen würde, ohne dies mit dem Zentralrat abzusprechen. Und das ist nicht geschehen“, zitiert die Agentur KNA den Vorsitzenden des Zentralrats Romani Rose. Er habe die Bundesregierung in einem Schreiben aufgefordert, die Stelle des Beauftragten beizubehalten und für Klarheit zu sorgen. „Und nach den nun aufgetauchten Berichten über eine vermeintliche Streichung werde ich mich nochmals an die Bundesregierung wenden.“
„Unsichtbarmachung“
Kelly Laubinger, Leiterin der Sinti-Union Schleswig-Holstein, spricht von „Unsichtbarmachung“ und „politischem Skandal“: „Gemeinsam mit der Nicht-Erwähnung der historischen Verantwortung der Sinti und Roma und der Unsichtbarmachung der strukturellen Gewalt an Sinti und Roma im aktuellen Koalitionsvertrag reiht sich dieser politische Skandal in den politischen Offenbarungseid der aktuellen Bundesregierung ein: Sinti und Roma werden bewusst politisch marginalisiert. Die fehlende Neubesetzung des Amtes und das systematische Verschweigen sind gewaltvolle Akte der Ignoranz – mit langer Tradition im Land der Täter:innen, das den Genozid an Sinti und Roma zu verantworten hat. Es zeugt von fehlendem historischen Bewusstsein und fortlaufender Ignoranz gegenüber Sinti und Roma, die seit Jahrhunderten rassistisch diskriminiert und strukturell ausgegrenzt werden – bis heute.“
Der Landesverband Berlin-Brandenburg kritisierte die Entscheidung ebenfalls und sprach von einem fatalen Signal. Damit habe sich die deutsche Bundesregierung bewusst von den Interessen und Anliegen der Sinti und Roma abgewendet, so die Landesvorsitzende Petra Rosenberg.
„Herabstufung des Themas“
„Mindestens symbolisch ist die Quasiabschaffung eine deutliche Herabstufung des Themas“, kritisiert auch die „taz“ die jüngste Entscheidung: „Antiziganismus ist in Deutschland weit verbreitet, gerade auch in Behörden und der Polizei. Wo andere offene Formen des Rassismus und Antisemitismus weitgehend tabuisiert sind, bleibt expliziter Hass auf Sinti und Roma oft ohne Konsequenzen.“
Schon im März hatte Daimagüler eindringlich vor einer Abschaffung des Amtes gewarnt: „Nach meinem Eindruck hat sich der Posten bewährt“, so Daimagüler. Durch das Amt würden „Themen auf die politische Agenda [gesetzt], die sonst untergehen würden“. Die Minderheit sei – auch in Deutschland – nach wie vor mit „einem grassierenden Antiziganismus“ konfrontiert, der Staat sei daher weiterhin gefordert. Daigamüler verweist auf weitere Errungenschaften der letzten Jahre, insbesondere die Schaffung der Bund-Länder-Kommission zur Bekämpfung von Antiziganismus. Im Ausland werde Deutschland diesbezüglich sogar als Vorbild betrachtet. Dies sei gut investiertes Geld, wie der bisherige Beauftragte beteuert: „Am Ende des Tages werden die Kosten der Ausgrenzung immer höher sein als die Kosten für die Einbeziehung.“
„Beispiellose Arbeit“
Dies sieht man auch in der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma so. Daimagüler habe während seiner Amtszeit „beispiellose Arbeit geleistet und unverwechselbare Spuren hinterlassen“ und den „Fokus auf die Sichtbarkeit und die Stärkung unserer Community“ gelegt, lobte etwa der Sinti-Vertreter Daniel Strauß (VDSR-BW) die Leistungen des Beauftragten.
(Text: RU/dROMa)
Anm. d. Red.: Der Text wurde am 1.6. um die Stellungnahme Petra Rosenbergs erweitert.