Wer hört hin, wenn es wieder brennt?

Juni 10th, 2025  |  Published in Einrichtungen, Politik, Rassismus & Menschenrechte

Online-Petition in Deutschland (Bild: Gjulner Sejdi auf WeAct!, unter Verwendung eines Bildes von Violeta Balog/Amaro Foro)Die neue deutsche Bundesregierung will auf die Nachbesetzung der Stelle des Anti­ziganis­mus-Be­auf­tragten verzichten. Die Abschaffung dieses erst 2022 ge­schaf­fenen Amtes be­deutet einen „Schlag ins Gesicht für die Sinti und Roma“. Im Folgen­den geben wir, ins­beson­dere für unsere Leserin­nen und Leser in Deutschland, den Text einer On­line-Pe­tition wieder:

Petition: Antiziganismus bekämpfen – Beauftragtenstelle für Sinti und Roma wieder besetzen!

Gestartet von Gjulner Sejdi
→Zum Unterzeichnen

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,
sehr geehrte Frau Ministerin Prien,

wir sind Sinti und Roma*) – Bürgerinnen und Bürger dieses Landes. Deutsch­land hat uns unter dem NS-Regime verfolgt, depor­tiert, ermor­det. Über 500.000 Menschen. Der Völkermord an unserer Minder­heit ist noch immer nicht vollständig auf­ge­arbeitet. Und auch heute erleben wir täglich Aus­gren­zung, Hass, Dis­kriminie­rung – Anti­ziganis­mus. Und der nimmt zu. Umso un­ver­ständli­cher ist es für uns, dass die Bundes­regierung die Stelle des Be­auf­tragten für die Belange von Sinti und Roma und gegen Anti­ziganis­mus ein­fach ge­stri­chen hat – still und leise, ohne Begrün­dung, ohne neue Per­spektive.

Der bisherige Beauftragte Mehmet Daimagüler hat Mut bewiesen, klar ge­sprochen und ge­handelt – im Namen der Bundes­regierung. Drei Bei­spiele zeigen, wie wichtig seine Rolle war:

  • Als in Chemnitz zehntausende Flugblätter gegen Roma ver­breitet wurden, war es seine Stimme, die auf Bun­des­ebene eine Re­aktion der Stadt er­mög­lichte.
  • Als aus der Ukraine geflüchtete Roma an deutschen Bahn­höfen von Zug­personal aus den Zügen geholt und an der Weiter­fahrt ge­hin­dert wur­den, war es neben dem Zentral­rat der Be­auf­tragte, der den Kon­takt zur Deutschen Bahn auf­nahm und ein Um­denken bewirkte.
  • Als Politiker und Medien pauschale Vorurteile gegen­über Roma ver­breite­ten, war es seine öffent­liche Stellung­nahme, die Anti­ziganis­mus als solchen be­nannte und ihm wider­sprach – mit Autorität.

Wer wird das jetzt tun? Wer schützt uns? Wer hört hin, wenn es wieder brennt – und es brennt leider oft?

Wir fragen Sie, Herr Merz: Sind Sie da, wenn unsere Rechte verletzt werden?
Wir fragen Sie, Frau Prien: Können Sie uns versprechen, dass wir als Minder­heit nicht wieder über­sehen werden?

Wir fordern Sie beide auf: Besetzen Sie die Stelle des Be­auf­tragten neu! Es war ein wichtiges Zeichen, dass sie geschaffen wurde. Es ist ein ver­heeren­des Zeichen, dass sie nun einfach entfällt – obwohl Anti­ziganis­mus weiter­hin Alltag ist. Obwohl wir endlich mehr Sichtbar­keit brauchen. Obwohl wir ein Teil dieser Gesell­schaft sind.

Diese Ent­scheidung muss rück­gängig gemacht werden. Ein Be­auftrag­ter für die Belange von Sinti und Roma ist kein ver­zicht­barer Luxus – sondern eine Not­wen­digkeit.

Wir bitten Sie: Handeln Sie. Und zeigen Sie, dass Sie es ernst meinen – mit Erinne­rung, mit Men­schen­rechten, mit Ver­ant­wortung.

Warum ist das wichtig?

Wir Sinti und Roma gehören seit Jahrhunderten zu Deutschland – und erleben bis heute Aus­grenzung, Dis­krimi­nierung und Hass. Anti­ziganis­mus ist kein Rand­problem, sondern eine tief ver­wurzelte Form des Rassismus, die oft übersehen oder ver­harmlost wird. Gerade deshalb braucht es eine klare politische Stimme, die hin­schaut, reagiert und Ver­antwor­tung über­nimmt. Die Be­auftrag­ten­stelle gegen Anti­ziganis­mus war ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Dass sie jetzt ersatzlos gestrichen wurde, sendet ein fatales Signal – an die Minder­heit und an alle, die sich für eine gerechte, demo­kratische Gesell­schaft ein­setzen.

*) Diese Petition richtet sich nicht nur an Sinti und Roma. Sie richtet sich an alle, die finden: Anti­ziganismus darf keinen Platz haben – nicht in der Gesell­schaft und nicht in der Regie­rungs­politik.

(Text: weact.campact.de)

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