Elfjähriger in Handschellen: Prozess startet

Mai 4th, 2022  |  Published in Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht  |  1 Comment

Streifenwagen (Bild von Cornell Frühauf/Coernl auf Pixabay)Prozess gegen Singener Polizei­be­am­te star­tet: Wei­ter­ent­wick­lung im Fall „Kind in Hand­schel­len ab­ge­führt“

Am 5. Mai beginnt vor dem Amtsgericht Singen (Ba­den-Württem­berg) der Prozess gegen zwei der vier Sin­gener Be­am­ten, die am 6. Febru­ar 2021 ein elf­jähriges Kind in Hand­schellen auf die Polizei­wache ge­bracht hatten. Die Beamten werden der Freiheits­berau­bung und Nötigung be­schuldigt. Bereits im Okto­ber letzten Jahres hatte die Staats­anwalt­schaft Konstanz gegen zwei Beamte Strafbefehle aus­gestellt. Gegen die Straf­befehle wurde Berufung ein­gelegt. Gegen zwei weitere tat­ver­dächtige Beamte ist das Ver­fahren gegen Auflagen ein­gestellt worden.

Der Verband Deutscher Sinti und Roma, Landes­ver­band Ba­den-Württem­berg (VDSR-BW) unter­stützt die be­troffene Familie. Sie wird in der Neben­klage durch den Rechts­anwalt Engin Şanlı ver­treten. Die nächste Ver­hand­lung ist am 12. Mai an­gesetzt.

Engin Şanlı, Rechtsanwalt:
„Kinder dürfen von polizeilicher Gewalt nicht be­rührt werden. Der Prozess spielt eine wich­tige Rolle in der Auf­arbeitung von polizei­licher Be­handlung von Kindern – ins­beson­dere von Kindern, die einer Minder­heit an­gehören. Es ist zu be­dauern, dass bis heute keine Ent­schuldi­gung be­züglich der Tat er­folgt ist. Daher blicken wir mit großem Interes­se auf die Haupt­ver­handlung“

Daniel Strauß, Vorsitzender des VDSR-BW:
„Mit Innenminister Thomas Strobl habe ich eine systema­tische Be­teiligung des VDSR-BW an der Polizei Aus- und Fort­bildung in Baden-Württem­berg ver­einbart, um ein dauer­haftes Vertrauens­verhältnis zwi­schen der Polizei und der deutschen natio­nalen Minderheit der Sinti und Roma sowie zu­gewan­derten Roma zu etablie­ren. Der VDSR-BW und die Landes­polizei haben einen Lehrplan er­arbeitet, der seit April um­gesetzt wird und Themen wie Anti­ziganismus oder Geschichte und Gegen­wart der Sinti und Roma be­handelt. Wir hoffen auf eine nach­haltige Ver­besserung.“

Hintergrundinformationen:
In einem Hochhaus in Singen hatten Anfang Februar zwei Kinder auf einem Balkon im Treppen­haus gespielt. Als zwei Polizei­beamte Aus­kunft über die Perso­nalien ver­langten, wurde eines der Kinder gefragt, ob es von „der Zigeuner­familie“ sei. Zwei weitere Kinder wurden während­dessen von zwei Beamten vor dem Haus be­fragt. Als die zwei Beamten das Hochhaus ver­ließen, nahmen sie er­neut die Per­sonalien der Kinder auf, die unten vor dem Haus ge­spielt hatten. Hierbei wurde eines der Kinder sinn­gemäß mit den Worten „Einer von den Zigeunern, die kennen wir ja“, „Du kommst eine Nacht hinter Gitter“ und „Der Tod kommt dich holen“ be­droht. Ohne er­sicht­lichen Anlass führten die Beamten darauf­hin einen elfjährigen Jungen in Hand­schellen ab. Das Kind wurde im Verhörz­immer fest­gehalten und später alleine nach Hause ge­schickt. Die Mutter hatte ver­geblich auf der Polizeiwache an­gerufen und keine Auskunft er­halten. Auch im Nach­gang hat die Mutter keine Auskunft er­halten, warum ihr Kind auf der Wache fest­gehal­ten wurde.

Siehe auch die Pressemitteilung des Verbands am 22.10.2021, 09.03.2021 und 10.02.2021: www.sinti-roma.com/presse/pressemitteilungen/

(Text: Aussendung des VDSR-BW)

Siehe auch:
„Kind in Handschellen abgeführt“: Interview, 2.11.2021
Update: Neue Entwicklung im Fall in Singen, 23.10.2021
Kind in Handschellen: zweite Strafanzeige
, 10.3.2021
Deutschland: Kind in Handschellen
, 10.2.2021

Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg√
Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg

Responses

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | Roma-Kind abgeführt: Prozess abgesagt says:

    Mai 5th, 2022 at 15:25 (#)

    [...] auf die Polizei­wache ge­bracht hat­ten (wir be­rich­te­ten hier, hier, hier, hier und hier), zogen diese ihren Ein­spruch gegen die bereits er­folgten [...]