Westbalkan: Zentralrat fordert Abschiebestopp

August 29th, 2021  |  Published in Politik, Rassismus & Menschenrechte

Deutschland: Sichere Herkunftsstaaten, Asyl und Abschiebungen (Foto: MiG)Zentralrat Deutscher Sinti und Roma: Un­mensch­lich­keit be­en­den – kei­ne Ab­schie­bung von ge­flüch­te­ten Roma in ihre Her­kunfts­staa­ten!

„Um Exem­pel zu sta­tu­ie­ren, wer­den Men­schen­leben ris­kiert bzw. so­gar der Ver­lust von Men­schen­leben in Kauf ge­nom­men.“

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma forderte den Innen­minister Niedersachsens, Boris Pistorius, in einem Brief dazu auf, ein in Celle ge­borenes, schwer­behindertes sechs­jähri­ges Kind, das im Juli 2021 mit seiner allein­ste­henden Mutter nach Serbien ab­gescho­ben worden ist, nach Deutschland zu­rück­zu­holen. In Serbien wird das Kind kaum die be­nötigte Betreu­ung und Be­handlung er­halten können. Gene­rell fordert der Zentral­rat Deutscher Sinti und Roma einen Ab­schiebe­stopp für Roma aus den Westbalkan­staaten. Gleich­zeitig muss es ein ver­stärktes Engage­ment Deutsch­lands bei der Be­kämpfung des Anti­ziga­nis­mus in den Staaten des West­balkans geben.

Das 2015 in Celle geborene Mädchen leidet unter einer schweren Hör­minderung mit ver­bun­dener Sprach­erwerbs­störung, einer Mikro­zephalie und einer Hüft­dysplasie. Das Landes­sozial­amt hatte des­wegen bei ihm einen Grad der Behin­de­rung von 90 Pro­zent fest­gestellt. Darüber hinaus war das Celler Jugendamt für das Mädchen seit meh­re­ren Jahren zur Unter­stützung der Mutter als Er­gän­zungs­pfle­gerin für den Bereich der Ge­sund­heits­fürsorge ein­gesetzt.  Die Mutter war in psychiatri­scher Behand­lung und ist Analphabetin und war daher auf Unter­stützung an­ge­wiesen. Nach ihrer Ab­schiebung nach Serbien ist es mehr als un­wahr­scheinlich, dass das Kind in Serbien die be­nötigte Betreu­ung und Behandlung er­halten wird, die es in Deutschland be­kom­men hat.

Der Vorsitzende des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, hat daher in einem Brief an den Innen­minister des Landes Niedersachsen, Boris Pistorius, die so­fortige Rück­holung des Kindes und seiner Mutter nach Deutsch­land ge­for­dert und dabei noch einmal betont, dass es un­abhän­gig von der tat­säch­li­chen recht­lichen Si­tua­tion unmenschlich ist, wenn ein 2015 in Celle ge­borenes und schwer behinder­tes Kind nach Serbien ab­gescho­ben wird.

Diese inhumane Abschiebung steht in einer Reihe von weite­ren anderen. Im Juni wurde eben­falls aus Nieder­sachsen ein Ehepaar, das eigent­lich aus dem Kosovo stammt und seit 30 Jahren in Deutsch­land gelebt hat, nach Serbien ab­geschoben. Sie wurden in ein Land ab­geschoben, das sie nicht kennen und zu dem keine Ver­bindun­gen be­stehen.

Im März 2021, starb ein 62-jähriger Mann im Kosovo, nachdem er im Okto­ber mit seiner Ehefrau trotz schwe­rer Er­krankun­gen und trotz Warnun­gen, dass eine Ge­sund­heits­ver­sor­gung nicht gewähr­leistet werden kann, von deutschen Behör­den aus Baden-Württemberg in den Kosovo abgeschoben. Seine sechs Kinder, 17 Enkel und ein Urenkel leben in Deutsch­land. Er lebte 29 Jahre hier. Er ver­starb, weil er im Koso­vo eine adäqua­te medizinische Ver­sor­gung nicht er­halten konn­te.

Dies sind drei von vielen Fällen, in den es in un­verständ­li­cher und unmensch­licher Weise zu Abschie­bungen von Roma in Staaten des West­lichen Balkans ge­kommen ist. Um Exempel zu statuieren, werden Men­schen­leben riskiert bzw. sogar der Verlust von Menschenleben in Kauf ge­nommen.

2019 hatte der Deutsche Bundestag die Unabhängige Kommission Anti­ziganis­mus (UKA) ein­gesetzt, die ihren Bericht mit um­fas­senden Empfeh­lungen im Juni 2021 im Bundestag vor­gestellt hatte. Die Bundes­regierung wird im Bericht der UKA u.a. dazu auf­ge­fordert, die Einstufung der Westbalkanstaaten als sogenannte sichere Herkunfts­staaten zu beenden und einen Abschiebe­stopp für Roma aus dem Westbalkan ein­zu­führen.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma fordert die Deutsche Bundes­regie­rung und die Re­gierun­gen der Bundes­länder dazu auf, Abschie­bungen von Roma in ihre Herkunfts­staaten wie auch die Einstufung der West­balkan­staaten als so­genannte sichere Herkunfts­staaten zu be­enden. Statt­dessen muss die Integra­tion der Roma-Flücht­linge in Deutsch­land voran­gebracht werden. Parallel dazu muss sich Deutsch­land ver­stärkt für eine Ver­besse­rung der Lage der Roma in ihren Her­kunfts­staaten ein­setzen.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma engagiert sich gemeinsam mit Partner­organi­satio­nen der Roma in den Ländern des Westli­chen Balkans dafür, dass der Anti­ziganis­mus ernst­haft und kon­se­quent bekämpft wird.  Neben der Be­kämpfung des Anti­ziganis­mus ist es jedoch ebenso wichtig, Roma einen gleich­berech­tigten Zugang zu qualifi­zierten Arbeits­möglich­keiten und qualifi­zierter Aus­bildung  zu er­mög­lichen. Be­kämp­fung des Anti­ziganis­mus und sozio-öko­no­mische Inklu­sions­maß­nahmen müssen immer Hand in Hand gehen, um erfolg­reich und nach­haltig zu sein.

Deutschland muss dabei größere Verantwortung übernehmen. Arbeitsplätze und qualifi­zierte Berufs­aus­bildung muss in den Ländern des West­balkans ebenso möglich sein wie in Deutsch­land. Die sog. „West­balkan-Re­gelung“, die Staats­ange­hö­rigen der Staaten im West­balkan einen leichteren Zugang zum deutschen Arbeits­markt er­möglicht, wird viel zu wenig dazu benutzt, um Roma aus dem West­balkan einen Zugang zum lega­len Arbeits­markt in Deutsch­land zu er­möglichen.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma fordert daher, dass sich Deutschland in allen ge­nann­ten Bereichen stär­ker engagiert, um die Situation der Roma in ihren Her­kunfts­ländern im Westbalkan nach­haltig zu ver­bessern – ohne dass dies zum Vorwand ge­nommen wird, Roma in ihre Her­kunfts­länder ab­schie­ben zu kön­nen. Die Bundes­regierung muss die Existenz von Anti­ziganis­mus und kumulativer Dis­kriminierung auch in diesen Staaten an­er­kennen, aus denen Roma nach Deutschland ge­flüchtet sind, und ihren Beitrag dazu leis­ten, dass der Anti­ziganis­mus auch in den Ländern im Westbalkan be­kämpft wird

(Text: Zentralrat)

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