Medien: Wie Antiziganismus vermeiden?

August 24th, 2021  |  Published in Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte

Berichterstattung in den Medien: Wie Antiziganismus vermeiden? (Foto: Pezibear/Pixabay)Immer wieder kommt es vor, dass Berichte über Roma anti­zi­ga­nis­ti­sche Vor­urteile be­dien­en. Wie lässt sich das ver­mei­den? Der Me­dien­dienst In­tegra­tion in Deutschland hat dazu Fach­leu­te be­fragt.

Anfang des Jahres sorgte die WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ für einen Auf­schrei: Darin regten sich meh­rere Pro­minente darüber auf, dass man das „Z-Wort“ nicht mehr sagen dürfe. Betrof­fene waren nicht ein­geladen. Die Sendung ist nicht der ein­zige anti­ziganis­tische Vorfall in den Medien. Vor Kurzem stellte ein Bericht der Un­abhän­gi­gen Kommission Anti­ziganismus (UKA) fest, dass Medien immer wieder uralte anti­ziganis­tische Stereotype re­produz­ieren. [Quelle]

Der MEDIENDIENST hat mit Fachleuten darüber gespro­chen, wo­rauf Jour­nalist*in­nen achten können, wenn sie Anti­ziganis­mus ver­meiden wollen.

1. Nennung der Gruppenzugehörigkeit hinterfragen

Andrea Wierich von der Rom*nja-Selbstorganisation Amaro Foro e.V. leitet ein Modell­projekt, das Medien­schaf­fende zu Anti­ziganismus sensibili­sieren will. Sie beobach­tet, dass bei Berichten über Rom*nja die Gruppen­zu­gehörig­keit oft genannt wird. In einem Artikel über den Görlitzer Park in Berlin hieß es bei­spiels­weise, dort wür­den „Obdachlose und Rom*nja campieren“. Wierich sagt: „Diese Er­wähnung macht nur vor dem Hinter­grund des Klischees Sinn, dass Rom*nja ein Wander­volk seien. Die Idee ist weiter­hin in den Köpfen vieler Men­schen ver­ankert. Dabei haben über 90 Prozent der Rom*nja in Europa einen festen Wohnsitz.“ Um das Klischee nicht weiter zu reprodu­zieren, rät Wierich dazu, sich zu fragen: Macht der Satz auch Sinn, wenn man das Wort „Rom*nja“ mit einer ande­ren Gruppe er­setzt, beispielsweise „Hand­werker*in­nen“ oder „Englän­der*in­nen“? Gene­rell sollte man mit der Nennung der Gruppen­zu­gehörig­keit zu­rück­halten­der umgehen.

Hinzu kommt laut Wierich, dass „Rom*nja“ und „Sinti*zze“ Selbstbezeichnungen sind: „Eigentlich müssten Jour­nalist*in­nen Betrof­fene fragen, ob sie sich über­haupt als Rom*nja identifi­zieren. Dadurch ließe sich ver­hindern, dass in Medien­berichten Phä­nome­ne wie Armut und Kriminalität pauschal mit der Gruppe in Ver­bin­dung gebracht werden.“

2. Diskriminierungen berücksichtigen

Antiziganistische Bilder kommen häufig in Berichten über sogenannte Problem- oder Schrott­immo­bilien vor. Wierich sagt: „Die Ver­antwor­tung für die den Zu­stand der Wohnun­gen werde oft Rom*nja zu­ge­schoben. Dabei fehlt meist eine Ein­ordnung, warum Rom*nja oder dafür ge­haltene Men­schen teil­weise in prekären Ver­hält­nissen leben müssen. Oft hänge ihre Situation mit Dis­kriminie­rungen zu­sammen, die sie auf dem Wohnungs- oder Arbeits­markt, im Bil­dungs­bereich und bei Behörden er­leben. [Quelle]

Wierich empfiehlt, sich folgende Fragen zu stellen: Wer ist ver­ant­wortlich für den ver­wahrlos­ten Zustand eines Wohn­hauses? Wer sind die Ver­mie­ter*innen und weshalb unter­nehmen sie nichts gegen die schlech­ten Zustände? Oder: Warum hat das Bezirksamt nicht ge­handelt?

3. Rom*nja als Protagonist*innen befragen

Der Politikwissenschaftler Markus End hat an dem UAK-Bericht sowie an weiteren Studien zu Anti­ziganismus in den Medien mit­gewirkt. Er be­obachtet, dass die Per­spektive von Betrof­fenen selten erwähnt wird. So wür­den bei Berichten über Nach­bar­schafts­konflikte oft nur Nicht-Rom*nja als An­woh­ner*in­nen be­fragt. Er wünscht sich, dass Betrof­fene selbst häufi­ger zu Wort kommen.

4. Andere Bilder nutzen

Ein weiteres Problem sind Bilderdatenbanken. End sagt: „Die gängigen Bilder­daten­banken führen fast nur stark stereo­typisie­rende Bilder.“ Positive Bei­spiele gebe es wenige. Zu ihnen gehöre ein Bild einer Demonstra­tion von Rom*nja, das seit Jahren immer wieder ver­wendet wird.

Amaro Foro entwickelt im Rahmen seines Medien­projekts eine eigene Bilderdatenbank, die Redaktio­nen bei der Bild­auswahl unter­stützen will. Der Verein berät auch Redaktio­nen und bietet Workshops an.

Markus End betont, es sei wichtig anzuerkennen, dass Antiziganis­mus auch in Redaktio­nen auftritt, da er gesell­schaft­lich so tief ver­ankert ist. „Jour­nalist*in­nen und Redaktio­nen müssen sich bewusst an­strengen, wenn sie anti­ziganisti­chen Rassismus nicht re­produ­zieren wollen.“ Selbst ein gut ge­mein­tes Porträt über eine*n erfolg­reiche*n Rom*nja könne problema­tisch sein. Und zwar wenn es nur vor dem Hintergrund des Klischees funktio­niert, dass Rom*nja in der Regel eben doch bildungs­fern, nicht erfolg­reich oder rück­schritt­lich seien.

Von Martha Otwinowski

(Text: mediendienst-integration.de)

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