Slowakei: Romni wird Parteichefin
Juli 3rd, 2020 | Published in Frauenrechte, Politik
Die slowakische Partei Progresívne Slovensko („Fortschrittliche Slowakei“), die erst 2017 gegründet wurde und nicht im Parlament vertreten ist, hielt im Juni ihren Parteikongress ab. Bei dem aufgrund der Corona-Situation online stattfindenden Kongress wurde Irena Bihariová (39) zur neuen Vorsitzenden der sozialliberalen, proeuropäischen Partei gewählt. Mit 105 Stimmen konnte die bisherige stellvertretende Vorsitzende fünf Parteidelegierte mehr hinter sich versammeln als ihr Gegenkandidat Michal Truban. Somit steht erstmals in der Geschichte der Slowakei eine Romni einer politischen Partei vor.
„Die Mitgliederbasis hielt es für eine selbstverständliche Sache – wer sonst sollte den Trend setzen, dass eine Frau – und eine Roma-Frau – an der Spitze steht, wenn nicht eine progressive Partei? Das muss also in erster Linie als Teil unserer internen Politik gesehen werden“, sagte sie in einem Interview.
Menschenrechts-Anwältin
Bihariová kommt aus der Stadt Trnava und wuchs in einfachen Verhältnissen in einer voll integrierten Roma-Familie auf. Trotz zahlreicher Diskriminierungserfahrungen, von denen sie etwa in einem Interview mit der Zeitung Denník berichtete, machte sie aus ihrer ethnischen Zugehörigkeit nie ein Hehl: „Meine Eltern haben mich dazu gebracht, es nie zu verstecken, es war kein Tabu.“
Irena Bihariová absolvierte ihr Studium in Bratislava. Seit 2009 leitet sie als Menschenrechts-Anwältin die Organisation Lidé proti rasismu („Menschen gegen Rassismus“) und befasst sich dort insbesondere mit Hate Speech und Rassismus im Internet. Für diese Arbeit wurde sie 2016 mit dem „Roma Spirit Award“ ausgezeichnet. 2013 wurde sie stellvertretende Vorsitzende des Antirassismus-Ausschusses im slowakischen Innenministerium. Sie gehört der Koordinierungsgruppe für die Ausarbeitung der nationalen Menschenrechts-Strategie an.
Bei der Parlamentswahl im Februar 2020 erreichte Bihariová 46.798 Vorzugsstimmen, blieb aufgrund des Parteiergebnisses aber dennoch ohne Mandat. Progresívne Slovensko war unter Truban – in einem Wahlbündnis mit der wirtschaftsliberalen Partei Spolu („Zusammen“) – in die Parlamentswahlen gegangen, verfehlte aber den Einzug infolge der 7-Prozent-Hürde um weniger als Tausend Stimmen. Truban trat daraufhin als Parteichef zurück.
Wahlsiege
Obwohl die Partei also nicht in den slowakischen Nationalrat einzog, hat sie in der kurzen Zeit ihres Bestehens dem politischen Geschehen in der Slowakei bereits einen kräftigen Stempel aufgedrückt. 2019 gewann ihr liberales Wahlbündnis sogar die EU-Wahlen mit 20,1% der Stimmen. Progresívne Slovensko selbst ist seither mit zwei Abgeordneten im EU-Parlament vertreten. Zudem erzielte die von der Partei nominierte Kandiatin Zuzana Čaputová 2019 einen klaren Sieg bei der Präsidentschaftswahl: Čaputová, Bürgerrechtlerin und stellvertretende Parteichefin von Progresívne Slovensko, wurde – als erste Frau überhaupt – zur Staatspräsidentin der Slowakei gewählt. Aufgrund ihres Amtes hat sie ihre Parteimitgliedschaft ruhend gestellt. Nach ihrer Wahl schickte Zuzana Čaputová ein deutliches Signal an die Minderheiten des Landes. So bedankte sie sich bei ihren Wählerinnen und Wählern auch auf Romanes, ein völliges Novum in der slowakischen Politik (wir berichteten). Progresívne Slovensko steht auch hinter dem Wahlsieg des nunmehrigen Oberbürgermeisters der slowakischen Hauptstadt Bratislava, Matúš Vallo.
(dROMa)