Vasilica: Neujahr der Roma

Januar 14th, 2018  |  Published in Brauchtum & Tradition, Religion

Vasilica-KuchenIn der Nacht zum 14. Jänner feiern Roma am Balkan das nach dem heili­gen Vasili be­nann­te Fest Vasilica. 2014 be­rich­tete Antje Stiebitz für Deutschlandfunk Kultur über das religions­über­grei­fende Neujahrsfest der Balkan-Roma und seine Hin­ter­gründe:

(…) Warum Vasilica gerade mit dem Neujahrs­tag der ortho­do­xen Christen zusam­men­fällt, er­klärt Bosiljka Schedlich vom Südost-Europa-Kultur e.V.: „Roma haben über­all, wo sie gelebt ha­ben, die Religion der Mehr­heits­bevöl­ke­rung an­ge­nom­men. Um nicht beson­ders auf­zu­fallen und nicht ver­folgt zu werden, um ak­zep­tiert zu werden. So war das auch in Serbien, und bis zum 15. Jahr­hun­dert, bis zur An­kunft der Osmanen, waren sie orthodox. Viele Roma sind dann wie die Serben zum Islam über­getre­ten. Aber dieses Fest feier­ten sie weiter.“

Ob christlich-orthodox oder muslimisch – alle Balkan-Roma feiern Vasilica. Denn der Mythos um Vasilica reicht bis in die Zeit zu­rück, in der die Roma aus Indien nach Europa wan­der­ten. Damals räum­ten die Roma dem heiligen Vasili und der Gans einen wich­ti­gen Platz ein. Die Erzählung be­schreibt, wie böse Krieger die Roma ver­trie­ben. Auf der Flucht kamen sie zu einem großen Was­ser. Ver­mutet man ihre Wander­route von Nord­indien, über Pakistan, in den Iran, könnte es sich bei dem „großen“ Wasser um den Ara­bi­schen Golf han­deln. Da sie das Wasser nicht über­win­den konn­ten, baten sie Gott um Hilfe, er­zählt Bosiljka Sched­lich: „Der Gott (…) öffnete einen Weg im Wasser und sie liefen los. Und sie kamen bis in die Mitte des Wassers. Da fragte der Gott den An­führer der Roma, den König Phiraon, der inzwi­schen etwas über­heblich gewor­den war, und auf die Frage Gottes, wer ihnen nun hilft, sagte der Phiraon: Ich, das ist meine Macht! Der Gott be­strafte dann alle Roma und ließ das Wasser wieder zurück­kehren.“

Der heilige Vasili sah die Not der Roma (…). Da legte er bei Gott ein gutes Wort für sie ein. Erfolg­reich, denn Gott schickte den Roma Gänse, die sie auf ihre Flügel nahmen und über das Wasser flogen. Auf diese Weise wurden der heilige Vasili zum Ver­mittler zwischen der alten und der neuen Reli­gion der Roma. Und die Gans, die bereits in Indien als glück­ver­hei­ßend galt, blieb ihnen auch in der neuen Religion er­halten.

In einer Variante des Mythos erzählt der bulgarische Sprach­wissen­schaft­ler Hristo Kyuchokov, wie sich die Götter mit den Roma einen Scherz er­laub­ten. Weil sie auf die nomadisch le­ben­den Roma herab­blickten: „Als die Roma eine Brücke über­querten, machten sich die Götter daran, diese Brücke zu ze­rstören. Die Roma fielen ins Wasser und er­tranken fast. Der heili­ge Vasil war sehr un­glück­lich, als er das sah. Er en­tschied sich, den Roma zu helfen, nahm viele Gänse mit, und die Roma ret­te­ten sich auf ihre Flügel.“

In der Nacht vom 13. auf den 14. Januar denken die Roma an die­jeni­gen, die im „großen Wasser“ er­trun­ken sind. Des­wegen bezeich­nen sie sie auch als „schwere Nacht“ und lassen die ganze Nacht Kerzen brennen. Der erste Gast am nächs­ten Morgen ist be­son­ders wichtig. Er wird „polazniko“, der Gehende, ge­nannt. Weil er, erklärt Bo­siljka Sched­lich, das neue Jahr „auf den Weg bringt“. Außer­dem bringt er Nüsse, Trocken­früchte, Reis und ver­teilt im ganzen Raum Münzen: „(…) Wenn ein Gehender dafür sorgt, dass das Jahr gut und glück­lich wird, dann darf er diese Rolle weiter­spielen, sonst muss man je­mand an­de­ren suchen.“

Der erste Tag von Vasilica gehört der Familie und der Gans. Aus be­stimm­ten Teilen der Gans wird eine Paste oder Sülze mit Symbol­kraft ge­fer­tigt: „Dieses Ver­festi­gen einer Flüssig­keit zu einer gelier­ten Masse brin­gen sie auch in Ver­bin­dung zur der Rettung, da­mals als sie über das große Wasser ge­gan­gen sind. Die Gans ist das feste Land. Des­wegen wird von der Paste nur wenig ge­kostet. Da­mit es für alle reicht und damit es allen Glück bringt.“

Ist die „schwere Nacht“ überwunden, wird das Fest fröhli­cher. Ver­wandte und Freunde be­suchen einander. Sie gratu­lieren mit den Worten „Euer neues Jahr soll glück­lich werden!“. Und wer in seinem Stück vom Vasilica-Kuchen eine Mün­ze findet, kann mit einem beson­ders glück­li­chen Jahr rech­nen. Tra­ditio­nell feierte man Vasilica drei Tage lang. Doch an die heu­tige Zeit an­ge­passt, ist es kürzer, ver­gleich­bar mit Silvester und Neujahr. (…)

Lesen Sie bitte den hier nur auszugsweise wieder­ge­ge­be­nen Artikel in vol­ler Länge auf www.deutschlandfunkkultur.de.

Siehe auch:
Vasilica: „Euer neues Jahr soll glücklich werden!“, 14.1.2011


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