Mit Blut, Stift und Nadel

August 25th, 2015  |  Published in Kunst & Fotografie

Robert Gabris (Foto: Galerie Kai Dikhas)Ein slowakisch-stämmiger Roma-Künstler, der aufgrund von Diskri­mi­nie­rung und man­geln­den Mög­lich­kei­ten der Selbst­ver­wirk­li­chung ge­flüch­tet ist, gibt in Wien für die Kunst des Zeich­nens alles. Sogar sein eige­nes Blut.

Momcilo Nikolic über Robert Gabris

Wiener Zeitung: Wien. Vor ihm steht eine weiße Leinwand. In seinem Arm steckt ein Schlauch, in dem sich sein Blut befindet. Es sind nur wenige Milli­liter, die aus ihm strö­men, um zu einem Kunst­werk zu werden, wenn er den Pinsel schwingt: Robert Gabris’ „Blutbilder“ sind ein kleiner Ausdruck seines In­nersten, das er der Öffent­lich­keit zeigt; zugleich aber auch ein in­niger Weg, die direk­teste Ver­bin­dung zwi­schen Kunst­werk und Künstler zu suchen, wie er der „Wiener Zeitung“ erzählt.

Während Gabris sein Blut auf das Weiß pinselt, erstrahlt das Ge­zeich­nete in leuch­ten­dem Rot. Nach einiger Zeit ver­blasst es, oder wie Gabris sagt, „bräunt es nach“. Das Bild ver­ändert sich. „Damit habe ich auch die Fragen der Existenz gestellt. Wie lange dauert ein Leben? Wie lange exis­tie­ren diese meine Bilder über­haupt?“

Da Leben, Tod und das Unbewusste – nicht allein in der Kunst – schwer zu fassen sind, sind es beson­ders die kleinen und feinen Metaphern, mit denen Gabris seine blu­ti­gen Werke ver­ziert und mit „Herz-fres­senden Fliegen“ oder Augen, in ihrer Gesamt­heit ein „heraus­geris­se­nes Stück aus seiner Person“, auf das Papier proji­ziert. Es geht Gabris um die Ver­bin­dung zum Werk und um den Dialog zwischen Bild und Betrach­ter. „Des­wegen habe ich Blut, das aus mir heraus­strömt, gewählt. Es ist eine Selbst­spiege­lung mei­ner Körper­lich­keit.“

Doch Robert Gabris möchte noch ein Stück weiter gehen: Er will Porträts mit körper­frem­dem Blut kre­ieren. „Mittels eines Schlauches im Arm, an dem eine Nadel hängt, werde ich die mir gegen­über­sitzen­de Person zeich­nen und damit eine direkte Ver­bin­dung zwi­schen ihr und mir schaffen.”

Gabris arbeitet aber nicht nur mit Blut. Er sucht ständig neue Wege, um The­men wie Bewusst­sein, Tod, das „Kaputte“ und das Dys­funktio­nale künst­le­risch zu be­schrei­ben.

Bei seinen „mechanischen Zeichnungen“ geht es darum, dass er mit­hilfe einer spe­ziell konstru­ier­ten Maschine seinen Herz­schlag in Form von Linien auf die Lein­wand bringt. „Mit der Maschine habe ich ver­sucht, die Gren­ze einer Existenz oder Zeichnung zu be­schrei­ben. Wann beginnt das künst­le­ri­sche Schaf­fen und wann endet es?“

Ein weiteres Thema ist für den Künstler der Schlaf. Ihn sieht Gabris als den ver­letz­lichsten Zu­stand an, in dem sich ein Mensch befin­den kann und der dem Tod im Leben am nächsten ist. „Der Kontroll­verlust im Schlaf ist für mich eine span­nende Sache. Man ist als Wesen so ver­letzlich und gibt in diesen Momen­ten jene Kontrol­le auf, die man im Wach­zustand im­mer haben möchte.“

Düstere Vergangenheit

Die düsteren Themen dürften in seiner Vergangenheit begründet sein. Als Kind musste er eine enge Korsage für den Brust­korb tragen, um seine ver­form­ten Knochen in Ordnung zu bringen. Er schlief schlecht und litt unter Atemnot. Mehr möchte Gabris aber mit Worten nicht preis­geben, einzig ein Bild von einem schemen­haften Kind auf dem Schoß des ebenfalls schemen­haften Vaters zeugt heute von dem damaligen Kindheits­trauma. „Ich stelle Fragen, auf die ich keine Antwort habe. Die Zeich­nung hilft mir, zu ver­stehen. Ich mag keine positive Kunst, die empfinde ich als nicht sehr spannend.“

Gabris leiblicher Vater saß im Gefängnis. Und auch wenn er heute keinen Kontakt zu seinen Eltern mehr hat, ist die Geschichte „seines Erzeugers“ für ihn eine Geschichte eines „menschlichen Buches“: Gabris Vater war nämlich Tätowierer. Und sein eigener Körper war mit Bildern bedeckt, die seine bewegendsten Lebensmomente festhielten. Darunter die Hochzeit mit Robert Gabris’ Mutter oder der Tod seiner Schwester. Diese Erinnerung hat Gabris nicht mittels Stift, sondern mit der Nadel auf fünf Kupferstichen festgehalten und es „Das blaue Herz“ genannt. „Die Haut meines Vaters war für mich wie ein Archiv des Lebens.“

Das alte Leben von Gabris war kein schönes. Er musste in Bratislava Beschimpfungen über sich ergehen lassen und wurde wegen seiner Abstammung oft angegriffen. Statt Verzweiflung und Selbstaufgabe wuchs aber in ihm die Hoffnung, in Wien auf eine liberale und offene Großstadt zu treffen. Er entfloh seiner, wie er sie nennt, „radikalen und rassistischen“ Heimat und genießt das bisher problemfreie Leben in der Bundeshauptstadt und ihre Möglichkeiten für Künstler. „Dank gilt vor allem Professor Erich Wonder, bei dem ich auf der Akademie der Bildenden Künste die Aufnahmeprüfung gemacht habe. Es gibt hier sehr viele Ausschreibungen, Stipendien, Galerien und Chancen, sich zu entfalten. Wien macht für Künstler die Tür auf und fördert die Gier nach neuer Kunst.“

Ausschreibung gewonnen

Über Privates oder die genaue Bedeutung seiner Bilder spricht Gabris ungern, und wenn doch, dann wirkt es gezwungen. Er schafft lieber getrieben von der Neugier am „Dysfunktionalen“, dem Tod und den „Formen außerhalb der wachen Gesellschaft“ Werke, die etwas aus seiner Seele nach außen tragen.

Aktuell hat Gabris in der Schweiz eine Ausschreibung gewonnen, die ihm ein „Artist and Residency“ beschert hat – ein Programm, das es Künstlern unterschiedlicher Fachrichtungen erlaubt, ihre kreativen Tätigkeiten ohne unmittelbaren Einsatz eigener finanzieller Mittel auch außerhalb ihres Kulturkreises auszuüben. Im Herbst fliegt er deshalb nach Shanghai, um sein neuestes Projekt zu präsentieren. „Ich werde Schattenzeichnungen entwickeln. Auf den Fensterscheiben der Galerie werde ich mit einer Nadel, ähnlich dem Kupferstich, Zeichnungen ins Glas ritzen. Der Raum selbst bleibt leer, außerhalb werden dann vor dem Fenster Scheinwerfer auf die Galeriewände Schatten werfen.“

Das Projekt ist ein Teil seiner künstlerischen Forschung und widmet sich der Frage, wie weit ein Kunstwerk vom Menschen entfernt sein muss, damit dieser zum Betrachter mutiert und so eine Verbindung entsteht. Außerdem will er zum Ausdruck bringen, dass es für ihn wichtig ist, die Kunst nicht darunter leiden zu lassen, wenn man wenig damit verdient. Gabris: „Man muss für die Kunst immer alles tun. Kompromisslos.“

Wir danken Momcilo Nikolic für die freundliche Genehmi­gung, diesen Text über Robert Gabris, ursprüng­lich erschie­nen auf www.wienerzeitung.at, hier unge­kürzt wieder­zu­geben. Ein Interview mit dem Künstler fin­den Sie übri­gens in Nummer 42 unse­res Magazins dROMa.

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