Die AS-Roma-Dekade

Januar 9th, 2015  |  Published in Geschichte & Gedenken, Sport, dROMa (Magazin)

Spieler und Fans: 1. AS RomaPfeilschnelle Stürmer, pakista­ni­sche Legio­näre und eine treue Fan­familie: das Jahr­zehnt der ers­ten Roma-Fußball­mann­schaft Öster­reichs im Zeit­raffer

(erschienen in: dROMa 34, Sommer | Linaj 2012)

Von Michael Wogg

Die Gründung des „Verein Roma“ im Juli 1989 gilt als ers­tes weit­hin sicht­bares Zeichen der Eman­zipa­tion der Burgen­land-Roma; in der Folge haben die Roma zu einer akti­ven gesell­schaft­li­chen und kultu­rel­len Rolle im Burgen­land ge­fun­den. Zumin­dest im Süd­burgen­land ähn­lich wichtig war die Schaf­fung eines zweiten Stand­beins, das den Schwung aus der Auf­bruch­stim­mung auf­nahm und nach­haltig ver­stärkte: des AS Roma. Das erste Match dieses neuen Fußball­klubs fand im Juli 1990 in Oberwart statt. Gegen die Mann­schaft Etagencafé verlor die Roma-Truppe mit 1:2. Trotz der Unterstüt­zung vieler, zumal weib­li­cher Fans.

„Was willst du“, sagt Marton Horvath, „wir haben gespielt mit fünf Fuß­ballern und sechs Nicht­fuß­bal­lern.“ Marton war von diesem ers­ten Spiel an bis zum letz­ten im Jahr 2000 Trainer des Teams. Zehn Jahre lang lenkte er die legen­däre Roma-Mann­schaft mit stren­ger Hand: „Wenn er was gesagt hat, hat keiner zurück­geredet“, bestä­tigt sein Sohn Martin, der später als jüngs­ter Spieler im zarten Alter von 13 Jahren ins Team ein­gestie­gen war. Marton: „Wir haben zweimal die Woche trai­niert, jede Woche, 20 Leute.“ Viele arbei­te­ten in Wien am Bau oder sonst wo – egal: Am Wochen­ende wurde trai­niert und gespielt, auch im Winter in der Halle.

Legitimiert war Marton Horvath durch die fuß­balle­ri­sche Autorität von vier Jahren als Legio­när. „Ich habe das Fußball­spielen auf der Straße gelernt. Da musst du auf engem Raum spie­len. Und wenn du ein gutes Auge hast, tust du dir am Platz dann leicht.“ Über die Straße kam Marton auch zum Vereins­fußball. „Ich habe in Bad Aussee als Asphal­tierer gearbeitet. Mein Chef war beim Fußball­verein dort, und er hat gesagt: ‚Komm ein­mal mit!‘ Und ich bin vier Jahre ge­blieben.“

Wir waren ja die Stärksten!

„Später haben wir nicht mehr oft ver­loren. Die haben sich alle ge­fürch­tet! Und natür­lich wollten trotz­dem alle gegen uns spielen, wir wa­ren ja die Stärksten.“ 1990 spielte der 1. AS Roma, wie die Mann­schaft nach der Ein­tra­gung ins Vereins­register wegen der angeb­lichen Ver­wechslungs­gefahr mit einem bestimm­ten italie­ni­schen Klub offi­ziell hieß, gleich das erste Turnier. „Da haben wir alle gebro­chen. Allei­ne schon die Stürmer: der Peperl („Bonanza“), der Toni – einer schnel­ler als der andere!“ Viel­leicht taten ja auch die brand­neuen Trikots das Ihre dazu, gesponsort von McDonald’s, und die Anwesen­heit eines Mit­arbei­ters von Prä­si­dent Waldheim, der die rot-weiß-roten Dres­sen aus Wien gebracht hatte.

In der Umgebung gab es in den 1990er Jahren viele Hobby­mann­schaften, die ab­wechselnd Tur­niere orga­ni­sierten. Die Spieler erinnern sich gerne an jenes in Kalch 1992, eine Benefiz­veranstal­tung für Flücht­linge aus Jugosla­wien, wo auch die Band „Romano Rath“ einen Auf­tritt hatte, in der etli­che Fußballer spielten. Oder an das Kleinfeld­turnier im slowe­nischen Murska Sobota. Mar­ton Horvath: „Wir kommen in die Roma­siedlung, und gleich dahin­ter war ein Kraut­feld, und da mussten wir spielen. Die hatten keine Fenster in den Häusern, aber behan­delt haben sie uns wie die Köni­ge, haben auf­gekocht, dass die Tische sich ge­bogen haben.“

Trai­niert wurde bis 1993 am ASKÖ-Platz in Oberwart. Dann wech­selte die Mannschaft nach Unter­wart, wo die meis­ten Spieler beim örtli­chen Verein in der Meister­schaft enga­giert waren. Über­haupt kamen die meisten Spieler des AS Roma aus Unterwart, gefolgt von Oberwart. Die inter­nen Matches der Roma aus Ober­wart gegen Unter­wart gewan­nen regelmäßig die Unter­warter. Einige Spieler kamen aus Bachselten; Dudum, der lange Zeit Kapitän war, kam aus Stegersbach, Mario und Andreas aus Neunkirchen. Auch Nicht-Roma waren dabei. Und eine Zeit lang drei Pakistani.

Die Burschen waren als Asylwerber in Unterwart unter­gebracht und konn­ten sich mit den Roma leid­lich verstän­digen, weil ihre Sprache eng mit dem indo­ari­schen Romani verwandt ist. Marton: „Einer von denen war ein Tor­mann aus Eisen. Der hat sich in jeden Ball ge­worfen.“ Im Gegen­zug brach­ten die Pa­kistani den Roma das Cricket-Spiel bei. „Wenn wir ge­spielt haben, waren alle zu­schauen.“ Publi­kum gab es immer genug. Die Fami­lien waren meis­tens dabei und feuerten die Männer an. Und nach dem Match, nach dem Turnier wurde gemein­sam gefeiert.

Wir haben kein Spiel verloren

Einer der Höhepunkte war das große Turnier in Oberwart 1995, bei dem 16 Mann­schaf­ten um den Pokal kämpfen. Gleich­zeitig war die Ver­anstal­tung eine inoffi­zielle Ober­warter Meister­schaft, denn alle vier Hobby­mann­schaften aus der Stadt waren genannt: der AFC, die Refor­mierte Jugend, die Ölprinzen (die von der Tank­stelle) und eben der AS Roma. „Der evan­ge­lische Pfarrer hat uns ge­beten, doch um Himmels willen vor­sichtig zu sein. Der hat Angst gehabt um seine Leute.“ Wie auch immer: „Wir haben kein Spiel ver­loren.“ Im Finale traf man auf den hoch ein­ge­schätz­ten AFC. Dort spielten Ehe­malige aus der Kampf­mann­schaft des SV Oberwart, der in jener Saison immer­hin in der Ersten Liga, der zweit­höchsten Spiel­klasse in Österreich, spielte. Aber auch der AFC war kein Hin­der­nis: Der AS Roma gewann 2:0 und holte sich den Turnier­sieg. 14 Pokale stehen heute im „Verein Roma“; der größte von ihnen stammt von die­sem Turnier.

1995 passierte auch ein großer Schritt in Richtung Profes­sio­na­li­sie­rung: Pepi Horwath über­nahm den Verein als Prä­sident. Er kam mit Kon­takten, Spon­soren­geld und neuen Trikots in grün-schwarz-grün. Vorne stand drauf: „Früchte­könig Horwath“, dane­ben prangte ein Löwen­kopf, am Rücken: „1. AS Roma“ und die jewei­lige Nummer. „Das Leiberl von einem an­de­ren hast nicht anzie­hen dürfen!“

Vergessen hingegen – nicht ganz – die Schmach des 1:16 gegen eine unga­rische Roma-Aus­wahl in Unter­wart im selben Jahr. „Der Tief­schlag! So viele Tore haben wir nie wieder ge­kriegt.“ Der Initia­tor der Partie war Staats­sekretär in der unga­ri­schen Regie­rung, und dem­gemäß rück­ten die Gäste mit Spielern aus den höchs­ten unga­ri­schen Spiel­klassen an. Die Hobby­mann­schaft aus der Wart hatte keine Chance.

„Leute haben wir genug gehabt. Oft hast du gar nicht ge­wusst, wen auf­stellen. Da musst du dann hart sein.“ Hart war Mar­ton Hor­vath auch dann, wenn je­mand schon vorher ge­feiert hatte: „An­ziehen und ab nach Hause!“, hieß es dann. Nur einmal ließ er sich erwei­chen, als „Bonanza“ bat und bettelte und dem Trainer schließ­lich ver­sprach, er werde drei Tore schießen. Er durfte spie­len und schoss vier.

Es ist nie blöd geredet worden

Unisono betonen die Spieler, dass sie beim Fußball nie irgend­welche Diskri­mi­nie­rungen erleben muss­ten: „Es ist nie blöd geredet worden, wenn wir gespielt haben. Nie.“ Die Koope­ra­tion mit den ande­ren Verei­nen lief gut, man durfte Plätze in Oberwart und Unter­wart benut­zen und wurde zu den Tur­nieren immer gerne ein­geladen. „Wir waren ja Zug­pferde. Bei jedem Tur­nier ist ein Rom Schützen­könig gewor­den.“ Es ent­wickel­ten sich auch viele Freund­schaften zwischen Roma und Nicht­roma. „In Ober­wart haben wir mehr für die Bezie­hung der Volks­gruppen unter­einan­der getan als alle anderen. Das Wich­tigste war, innen und außen, der Zusam­men­halt.“

1998/99 gab es die Idee, in Neuhaus zu spielen und als Bewerbs­mann­schaft in die 2. Klasse ein­zu­stei­gen. Einige 14-, 15-Jäh­rige stan­den bereit, um für die schei­den­den Älteren ein­zu­sprin­gen. Aller­dings hätte man den Platz selber her­richten müs­sen, und so zer­schlug sich der Plan.

Das Spielen erforderte nicht nur körperli­chen Ein­satz, son­dern vor allem auch viel Zeit und nicht zuletzt Geld. Man musste Start­geld zahlen, Dressen besor­gen und sie waschen, die Anreise ver­ur­sachte Kos­ten und man musste auch selber Tur­niere ab­hal­ten; man hatte Fami­lie, kam in die Jahre. Und auch der Trainer war ein we­nig müde. Das stän­dige Orga­ni­sie­ren für 20 Leute war anstren­gend „und da­mals gab es noch kein Handy“. Meist wur­de jemand aus­ge­schickt, der von Sied­lung zu Sied­lung fuhr und alle über Treff­punkte und Fahr­gele­gen­heiten infor­mierte.

Im Jahr 2000 ging es mit den Hobby­mann­schaf­ten in Ober­wart zu Ende. Zehn Jahre hin­durch hat es fast jedes Wochen­ende irgend­wo ein Turnier oder ein paar Spiele ge­geben; jetzt ist die Luft draußen. Das letzte Match des 1. AS Roma findet an einem küh­len Samstag­abend des Jahres 2000 statt. Stan­des­gemäß be­siegt man Fortuna Bachselten mit 8:2. Danach war die erste Roma-Mann­schaft Österreichs Ge­schichte.

Aus: dROMa 34, Sommer | Linaj 2012, S. 16-19 (Themenheft: Sport | Schpurt)

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