Die Romapartei MCF – Aufstand im „Ghetto“?

Mai 26th, 2009  |  Published in Medien & Presse, Politik  |  1 Comment


Mit der ungarischen Partei MCF („Magyarországi Cigányszervezetek Fóruma – Roma Összefogás Párt“) stellt sich bei den kommenden EU-Wahlen erstmals eine eigene Romaliste. Marco Schicker stellt in der Wochenzeitung Pester Lloyd die neue Partei (siehe dROMA-Blog) und die Hintergründe ihrer Gründung vor. Ihr Antreten könnte, auch wenn es wohl nur eine Randerscheinung bleiben wird, Signalwirkung haben, schreibt Schicker in dem „Aufstand im ‚Ghetto‘?“ betitelten Artikel. Denn ihre Existenzberechtigung beziehe die Romapartei „aus der katastrophalen Lage der Roma in Ungarn“:

Die MCF ist eine Reaktion auf unhaltbare Zustände, aber strukturell und personell sicher nicht in der Lage diese bald zu ändern. Immerhin stellen sie ein Achtungszeichen und einen Hilferuf dar, ist es doch die erste und einzige Romaliste, die überhaupt zur EU-Wahl antritt. Daher will sie, so sie erfolgreich ist, sich auch für die Belange aller Roma in Europa stark machen. Kolompár Orbán, der nicht unumstrittene Vorsitzende der Partei, gleichzeitig Chef der Roma-Landesselbstverwaltung, nennt daher den Antritt seiner Liste auch einen historischen Moment.

Die Partei hat derzeit rund 21.000 Mitglieder, es gibt geschätzt um 600.000 Angehörige der Roma in Ungarn, eigentlich ein gigantisches Wählerpotential. Hingegen ist ihr die Ablehnung der großen Mehrheit des „weißen“ Ungarn gewiss. In Umfragen liegt sie bei um 1%. (…) Die 34-köpfige Kandidatenliste umfasst auch Studenten und Absolventen von Universitäten, Lehrer, Sozialarbeiter, Rechtsanwälte. Jene Schicht Intellektuelle, die sich nach erfolgreichem Studium bisher schnell von ihrer Herkunft entfernten und dazugehören wollten zur Mehrheitsgesellschaft. Einige wollen ihre Fähigkeiten nun für die Ihren einsetzen. (…) Nur eine direkte politische Vertretung kann die Interessen der Roma wirklich wahrnehmen. Zeit also, dass das „Ghetto“ aufsteht und selbst etwas unternimmt, statt sich weiter gängeln, gehen und beschimpfen zu lassen. Eigenverantwortung ist ein wichtiger Schritt, dass die Gesellschaft diese fördert und mitzieht ihre humanistische Pflicht (…).

Da es in Wahlkämpfen immer chic ist, sich des Romaproblems anzunehmen, machen gerade auch „Quoten-Roma“ in anderen Parteien der MCF Konkurrenz und bei keiner Wahlkampfrede keiner Partei darf ein karitativer Absatz zur Roma-Problematik fehlen. (…) Dass Ungarn, 20 Jahre nach der Wende, immer noch keine adäquate legislative Vertretung seiner ethnischen Minderheiten geschaffen hat, ist eine ziemliche Blamage. Zur außenpolitischen Unverschämtheit wird sie zudem, da man gern auf die unterdrückten ungarischen Minderheiten bei den Nachbarn hinweist (Stichwort: Slowakei und Rumänien), dort aber sehr wohl „die Ungarn“ über politische Parteien in den Parlamenten vertreten sind. Das Problem, entgegen der rassistisch motivierten Ideologie der Rechten, sind die ungarischen Roma keineswegs eine homogene Gruppe mit entsprechenden Merkmalen. Weder ethnisch, schon gar nicht sozial und daher auch nicht polizeistatistisch. Steigende Kriminialität ist ein Merkmal sozialer Verelendung. (…)

Lesen Sie hier den vollständigen Artikel im Pester Lloyd vom 26. Mai 2009.

Responses

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Romathemen Student als Spitzenkandidat der Romapartei :: says:

    Juni 6th, 2009 at 12:16 (#)

    [...] Leiter der ungarischen Partei „MCF – Roma-Zusammenschluss“ (siehe auch dROMa-Blog hier und hier) und die Spitzenkandidaten der Parteiliste zu den Europa-Wahlen ihre geplante Aktion laut [...]