„Was mit Unku geschah“

Mai 24th, 2010  |  Published in Film & Theater, Geschichte & Gedenken, Jugend & Bildung

Buchcover des 1972 erschienenen Jugendromans "Ede und Unku"Was mit Unku geschah“ und „Nicht wiedergekommen“ – Filme erinnern an die Verfolgung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus:

„Geschichte“ ist nichts Abstraktes, sondern das Handeln von Menschen vor Ort. Jugendliche aus Dessau haben recherchiert, welches Schicksal 53 Sinti und Roma in ihrer Stadt im Nationalsozialismus erlitten haben. Daraus sind zwei sehenswerte Filme entstanden – die den Überlebenden der Familien viel bedeuten. (Artikel von Simone Rafael)

65 Jahre sind seit dem Ende des Nationalsozialismus in Deutschland vergangen, die für viele Jugendliche den Holocaust und die Gräuel des Nazi-Regimes schon in weite Ferne rücken. Auch scheint es manchmal, als sei der Massenmord an Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und politisch Andersdenkenden die wahnwitzige Tat einer politischen Elite gewesen. Dass „Geschichte“ vor Ort passiert, durch konkrete Handlungen lebendiger Menschen, versucht das Projekt „Antisemitismus in Ost und West: Lokale Geschichte sichtbar machen“ der „Amadeu Antonio Stiftung“ Jugendlichen in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt nahe zu bringen. Zwei im Projekt entstandene Filme waren am Donnerstag bei einer Veranstaltung im Gebäude der „Topographie des Terrors“ in Berlin zu sehen.

Im Rahmen des Projektes „Lokale Geschichte sichtbar machen“ stieß ein Projekt des Alternativen Jugendzentrums Dessau bei Recherchen darauf, dass Dessau die Heimat von „Unku“ war – ein reales Mädchen, dass die jüdische Schriftstellerin Grete Weiskopf alias Alex Wedding zu ihrem Roman „Ede und Unku“ inspirierte, der in der DDR-Zeit zur Stamm-Schullektüre gehörte. Unku hieß eigentlich Erna Lauenburger und war eine Sintessa – weshalb ihr Leben wie das ihrer Familienmitglieder beispielhaft das Schicksal der Sinti und Roma zur NS-Zeit zeigt. Die Jugendlichen haben ihre akribischen Archivrecherchen und Zeitzeugenbefragungen zu dem 35-minütigen Film „Was mit Unku geschah“ zusammengetragen. (…)

Während der Recherchen zu „Was mit Unku geschah“ kam es zum Kontakt (…) mit Wald Frieda Weiss, geborene Franz, und die Gruppe recherchierte auch zum Schicksal der Familie Franz. Aus diesen Recherchen entstand der 52-minütige Film „Nicht wiedergekommen“, der anhand einer Familie dem Völkermord der Nationalsozialisten an den Sinti und Roma ein Gesicht gibt. Vor allem geht es um Gustav und Franziska Franz und ihre sechs Kinder, von denen Wald Frieda eines ist. Der Film berichtet von der Ausbeutung als Arbeitskräfte, von medizinischen Experimenten, dem Leidensweg der Familienmitglieder und ihrer Angehörigen durch die Konzentrationslager. (…)

Ein Enkel der Familie Franz ist bei der Veranstaltung in der „Amadeu Antonio Stiftung“ auch zu dabei – und was Siegfried Franz nach dem Film berichtet, stimmt besonders nachdenklich. „Als ich 1951 in Osnabrück geboren wurde, lebten wir dort weiterhin im Ghetto, die Diskriminierung ging weiter“, sagt Franz. Kontakt zur Mehrheitsbevölkerung habe es keinen gegeben, zur Schule kam er erst mit 13 Jahren – „vorher wurde ich immer zurückgestellt.“ Nachts schlief der Achtjährige mit seinem Vater in einem Bett – um ihn schnellstmöglich wecken zu können, wenn wieder die Albträume kamen. Als der Vater dem Sohn später erzählte, wovon er träumte, „da wollte ich kein Deutscher mehr sein. Da wollte ich nur noch ein Sinto sein.“ Parallel habe er immer wieder die Erfahrung gemacht, dass er auf die Mehrheitsgesellschaft zugegangen sei – aber die habe ihn abgelehnt. „Und wie kann es sein“, sagt Siegfried Franz, „Sinti und Roma leben seit 700 Jahren in Deutschland. Wir sind Deutsche. Es gab den Völkermord im Nationalsozialismus – der bis heute kaum aufgearbeitet wird. Und immer noch haben Sinti und Roma in Deutschland damit zu kämpfen, angenommen zu werden.“ (…) „Dass es Menschen gibt, die sich so für meine Familie interessieren, für ihre Schicksal – das hat mir sehr viel gegeben“, sagt Siegfried Franz.

Lesen Sie bitte den hier nur auszugsweise wiedergegebenen Artikel von Simone Rafael in voller Länge in dem von der Wochenzeitung „Die Zeit“ und der „Amadeu Antonio Stiftung“ ins Leben gerufenen Internet-Projekt „Netz gegen Nazis“.

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