Zilli Schmidt verstorben

Oktober 21st, 2022  |  Published in Ehrungen & Nachrufe

Zilli Schmidt am Denkmal in Berlin (Foto: Hamze Bytyci/RomaTrial)Pressemitteilung des Verbands Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg e.V.:

Heute morgen ist das lange Leben von Zilli Schmidt im Alter von 98 Jahren zu Ende ge­gan­gen. Sie war eine Jahr­hundert­zeugin, sie hat Auschwitz über­lebt. Sie war eine Kämpfe­rin voller Mut und Mit­gefühl für an­dere, für das Gute, für Ge­rech­tig­keit.

Daniel Strauß, Vorstandsvorsitzender und Dr. Tim Müller, wis­sen­schaft­li­cher Leiter und Freund: „Wir sind sehr traurig. Sie war uns ein gro­ßes Vorbild und eine wundervbare Freun­din. Sie war einer der fas­zi­nie­rendsten Men­schen, dem wir je be­gegnet sind. Bis zu ihrem letz­ten Tag hatte sie Ruhe und Ver­trauen, die sie aus ihrem Glauben ge­wann. Wir trauern mit ihrer Fa­milie und spre­chen Renate Franz und allen an­de­ren An­ge­höri­gen unser tiefes Mit­gefühl aus.“

Hinweise zu den Trauerfeierlichkeiten werden in Kürze erfolgen. Der Mann­heimer Ober­bürger­meister Dr. Peter Kurz, der enge Freund der Familie und Europa­ab­geord­nete Romeo Franz, der Be­auftragte der Bundes­regie­rung gegen Anti­ziganis­mus, Dr. Mehmet Daimagüler, und we­itere Ver­tre­terin­nen und Ver­treter aus Politik und Zivil­ge­sell­schaft haben ihr Kom­men an­gekün­digt, um Zilli Schmidt die letz­te Ehre zu er­weisen.


Pressemitteilung der Stiftung Denkmal für die er­mor­de­ten Juden Euro­pas und RomaTrial:

Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und RomaTrial e.V. trauern um Zilli Schmidt. Sie ist heute im Alter von 98 Jah­ren von uns ge­gangen. Wir drücken ihrer Fa­milie, ins­beson­dere Jani und Renate Franz, unser tiefs­tes Beileid aus. Zilli Schmidt ging nicht un­erwartet und den­noch ist ihr Tod zu­tiefst schmerz­haft. Nicht nur als eine der letzten Über­lebenden des Völker­mords an den Sinti und Roma Europas hin­ter­lässt sie eine tiefe Lücke.

Zilli Schmidt, geborene Reichmann, wird 1924 in Thüringen ge­boren und wächst in einer – wie sie stets be­tonte – glück­lichen Familie von Instru­men­ten­händ­lern und Wander­kino­betrei­bern auf. Auch wirt­schaftlich geht es ihnen gut. Im Juni 1942 wird Zilli Schmidt im elsässi­schen Straßburg fest­ge­nommen und in das Kon­zentra­tions­lager Lety in Böhmen über­stellt. Sie flieht, wird erneut ver­haftet und im März 1943 in das »Zi­geuner­fa­mi­lien­lager« in Auschwitz-Bir­kenau de­portiert. In den fol­genden Monaten trifft ihre ge­samte Familie dort ein. Durch Dieb­stahl von Lebens­mitteln, Kleidung und Medi­kamen­ten sowie Kon­takte zu Funk­tions­häftlin­gen gelingt es Zilli Schmidt, ihre An­gehö­rigen am Leben zu halten. Doch in der Nacht des 2. August 1944 er­mordet die SS ihre vier­jährige Tochter Gretel, die Eltern, die Schwester mit fünf Kin­dern und wei­tere Ver­wandte in Gaskammern. Am selben Tag war Zilli Schmidt zur Zwangs­arbeit nach Ravensbrück ver­schleppt worden. Auch aus diesem Lager flieht sie. Nach Kriegsende findet sie nur ihre beiden Brüder wieder. Jahr­zehnte­lang kämpft sie um eine »Ent­schädigung« durch die bundesdeutschen Behörden. Erst in den 2010er Jahren be­ginnt sie, außer­halb ihrer Familie über ihr Leben zu sprechen: »Unsere Men­schen sollen nicht ver­gessen werden! Ich will, dass die Welt erfährt, was mit den Sinti pas­siert ist. Ich will, dass sie wissen, wie das ist, weiter­zu­machen, wenn man alles ver­loren hat, was einem lieb war.«

Das war die Richtschnur ihres Handelns: Aufklärung, Mitgefühl, Wärme, ge­speist von einem hellen Geist, einem un­ver­wechsel­baren Lachen, einer ein­mali­gen Stimme. Und zugleich waren da Trauma und Trauer ob des Ver­lustes, des Schmerzes, der Gewalt, die ihre Augen ge­sehen hatten. Trotz Alb­träumen und Depres­sionen hatte Zilli Schmidt es sich zu ihrer – späten – Lebens­aufgabe ge­macht, die Erinnerung an ihre ermor­de­ten Men­schen auf­recht­zu­er­halten. Zilli Schmidt war bis zu­letzt eine Steh-auf-Frau. Am 2. August 2018, dem Inter­nationa­len Gedenk­tag an den Völkermord an den Sinti und Roma Europas, sprach sie am Denkmal für die ermor­de­ten Sinti und Roma Europas. Viel Herzblut legte sie in das Buch ihrer Erinnerun­gen. Vor allem dieses be­ein­drucken­de Zeitzeugnis einer da­mals über 95-Jährigen, einer Sintezza, einer Überlebenden, eines Men­schen mit dem Herzen auf dem rechten Fleck ist ihr Ver­mächtnis.

Darüber hinaus setzte sie sich lautstark gegen Rassismus und Ungerech­tig­keit ein. Ihr Mut, ihre Stärke und ihr Wille zu kämpfen, ihre Bereit­schaft andere zu unter­stützen und nicht zuletzt ihr Humor machen sie zu einem un­vergess­lichen Vorbild. Ihre Warnung vor dem er­star­kenden Rechts­extremis­mus hallt nach. »Ich kämpfe, bis ich meine Augen zumache und bei mei­nem Herren bin«, wieder­holte Zilli Schmidt immer wieder. Möge Gott gut auf Zilli aufvpassen. Wir be­halten sie in liebe­voller Erin­nerung – voller Stolz, sie kennen­gelernt und in den letzten Jahren ihres Lebens be­gleitet haben zu dürfen.

Liebste Zilli, Du lebst in unseren Herzen und Gedanken für immer weiter. Wir werden Deine Lebens­bot­schaft weiter­tragen und die Erin­nerung an Dich wach halten. Mögest Du in Frieden ruhen. Mer dikhamen.

Comments are closed.