30 Jahre Rostock-Lichtenhagen

August 18th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen

Rostock-Lichtenhagen im August 1992 (Foto: Umbruch Bildarchiv, Deutschland)Das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen im Au­gust 1992 ent­zün­de­te sich zu­nächst an der ras­sis­ti­schen Hetze ge­gen Ro­ma-Flücht­lin­ge aus Ru­mä­nien. Aus An­lass des 30. Jah­res­tags ver­an­stal­tet das Bünd­nis „Ge­den­ken an das Pogrom. Lich­ten­ha­gen 1992“  am 27. August, 14 Uhr, un­ter dem Motto „Da­mals wie heu­te: Erin­nern heißt ver­än­dern!“ eine Kund­ge­bung. Im Vor­feld der Demo fin­den zahl­rei­che Ver­anstal­tun­gen rund um das The­ma statt. Im Fol­gen­den der Auf­ruf des Bünd­nis­ses:

30 Jahre nach dem rassistischen Pogrom werden wir am 27. August 2022 gemein­sam in Rostock-Lich­ten­hagen auf die Straße gehen. Denn ras­sis­ti­sche Gewalt und in­stitu­tio­nel­ler Rassis­mus gehen bis heute Hand in Hand. Dem Er­in­nern muss ein Han­deln folgen.

Wir fordern: Den Angriff in Lichtenhagen 1992 als ras­sis­ti­sches Pogrom be­nen­nen!

Rostock im August 1992. Im Stadtteil Lichtenhagen werden über drei Tage hinweg Ge­flüchtete und ehe­­malige Ver­­trags­­ar­beiter:in­nen aus Vietnam an­ge­griffen. Die Polizei schreitet gegen den zeit­­weise aus meh­reren tausend Menschen be­ste­henden Mob kaum ein und zieht sich schließ­lich ganz zurück. Die Angreifer:innen werfen darauf­hin Brand­sätze in das Haus. Mehr als 120 Men­schen retten sich über das Dach des Gesbäudes. Bis heute scheut sich die Hanse­stadt Rostock dieses Pogrom klar als solches zu be­nennen.

Wir fordern: Rassistische Gewalt benennen und be­kämpfen!

Das brennende Sonnenblumenhaus ist bis heute ein Symbol rechter Gewalt. Aber nicht nur hier und nicht nur 1992 werden un­zählige Men­schen durch rechte und rassis­ti­sche Gewalt verletzt, getötet und trau­matisiert – Lich­ten­hagen war und ist kein Einze­lfall.

Wir fordern: Abschiebestopp und Bleiberecht für Rom:nja und alle Be­trof­fe­nen rassis­ti­scher Gewalt!

Dem Pogrom in Lichtenhagen voraus­gegangen ist eine jahrelange Kam­pagne zur Ver­schär­fung des Asylrechts durch kon­servative Parteien. Im Nach­gang des Er­eignis­ses gab es für Asyl­suchende keinen bes­seren Schutz, sondern Ab­schie­bungen und Lager­unter­bringung. Die Asyl­gesetz­ver­schär­fungen trafen wie die rassisti­sche Debatte im Vorfeld beso­nders Rom:nja. Die betrof­fenen ehe­maligen „Vertrags­arbei­ter:in­nen“ führten wie viele ihrer ehe­maligen Kol­leg:in­nen jahre­lange Kämpfe um ihr Bleiberecht.

Wir fordern: Dezentrale Unterbringung jetzt! Auflösung der Aufnahme­ein­rich­tung in Nostorf-Horst und al­ler Sam­mel­lager!

Wenige Monate nach dem Pogrom, im April 1993, wird das Auf­nah­me­lager Nostorf-Horst er­rich­tet. Statt Ge­flüchtete vor rechter Gewalt zu schützen, wer­den sie fortan im Wald isoliert. Weitab von Einkaufs­mög­lich­kei­ten und anderer Infra­struktur leben hier seit­dem Men­schen für Monate oder Jahre. Das Lager in Nos­torf-Horst kann als Proto­typ der Erst­auf­nahme­ein­richtungen ver­standen werden, aus denen Geflüch­tete direkt ab­geschoben werden können.

Wir fordern: Perspektiven und Forderungen Betrof­fe­ner in den Mit­tel­punkt stellen!

Gegen rechte Gewalt und staatlichen Rassismus kämpfen seit Jahr­zehnten viele Men­schen, zum Beispiel in migran­tischen Selbst­organi­sa­tionen, als Antifas oder in lokalen Gedenk­initiativen. Dabei ist ein selbst­bestimm­tes Ge­denken Betrof­fener wichtige Voraus­setzung für Auf­arbeitung und Er­innerung.

Wir fordern: Umbenennung des Neudierkower Wegs in Mehmet-Turgut-Weg!

Der Kampf gegen Rassismus, Antiziganismus und Antisemitismus darf sich nicht auf einzel­ne Jahrestage be­schrän­ken. Rostock wurde etwa zehn Jahre nach dem Pogrom auch Schau­platz eines NSU-Mordes. Die Ver­strickun­gen des NSU in MV sind bis heute unzureichend aufgearbeitet. Das Geden­ken muss mehr sein als ein kurzes Inne­halten. Erin­nerung braucht Räume, Orte und Wider­stand. Wir müs­sen uns der Namen der Opfer erinnern.

Wir werden in Lichtenhagen gemeinsam für eine Gesellschaft ohne Aus­beutung, Aus­grenzung und Unter­drückung auf die Straße gehen. Wie es die Ak­ti­vist:in­nen in Hanau for­mu­lieren: Erin­nern heißt verändern!

(Text: Bündnis „Gedenken an das Pogrom. Lichtenhagen 1992)

Siehe auch:
Lichtenhagen: Die Roma, ein blinder Fleck, 27.8.2017
25 Jahre Rostock-Lichtenhagen, 25.8.2017

Linktipp:
Lichtenhagen im Gedächtnis

Comments are closed.