Arbeitsdefinition Antiziganismus (2020)

April 1st, 2021  |  Published in Dokumente & Berichte, Politik, Rassismus & Menschenrechte  |  1 Comment

IHRA LogoIHRA: Nicht rechtsverbindliche Arbeits­de­fi­ni­ti­on von Anti­zi­ga­nis­mus

8. Oktober 2020

Mit Sorge zur Kenntnis nehmend, dass die man­gelnde An­erken­nung des Völker­mords an den Sinti und Roma zuden Vor­urteilen und zur Diskrimi­nierung bei­getragen hat, die viele Gemein­schaften der Sinti und Roma* heute noch erfahren, sowie in der Wahr­nehmung unserer Ver­antwortung, sol­chen Formen von Rassismus und Dis­kriminie­rung ent­gegen­zu­treten (Arti­kel 4 und 7 der IHRA-Minister­erklä­rung von 2020 sowie Arti­kel 3 der Erklärung von Stockholm), ver­abschiedet die IHRA die folgende Arbeits­defini­tion von Anti­ziga­nismus:

Antiziganismus manifestiert sich in individuellen Äußerun­gen und Hand­lungen sowie institu­tio­nellen Politi­ken und Praktiken der Mar­ginali­sie­rung, Aus­grenzung, physi­schen Gewalt, Herab­würdi­gung von Kulturen und Lebensweisen von Sinti und Roma sowie Hass­reden, die gegen Sinti und Roma sowie andere Einzel­personen oder Gruppen ge­richtet sind, die zur Zeit des National­sozialis­mus und noch heute als „Zigeuner“ wahr­ge­nommen, stig­mati­siert oder verfolgt wurden bzw. werden. Dies führt dazu, dass Sinti und Roma als eine Gruppe vermeint­lich Fremder be­handelt werden, und ihnen eine Reihe negativer Stereo­typen und ver­zerrter Darstel­lungen zu­geordnet wird, die eine be­stimm­te Form des Rassismus dar­stellen.

Als Leitfaden für die Arbeit der IHRA wird Folgendes anerkannt:

Antiziganismus gibt es seit Jahrhunderten. Er war ein zentrales Element der gegen Sinti und Roma ge­rich­teten Ver­folgungs- und Ver­nich­tungs­politik, wie sie vom national­sozialis­ti­schen Deutschland sowie von den­jenigen faschis­tischen und extrem natio­nalis­ti­schen Partnern und anderen Mit­tätern, die sich an diesen Verbrechen be­teiligten, be­trieben wurde.

Antiziganismus hat weder mit der NS Zeit begonnen noch danach auf­gehört, son­dern ist weiterhin ein zentra­les Element von an Sinti und Roma be­gange­nen Verbrechen. Trotz der be­deuten­den Arbeit der Vereinten Nationen, der Euro­päi­schen Union, des Europa­rates, der Organi­sa­tion für Sicher­heit und Zu­sammen­arbeit in Europa und anderer inter­natio­naler Gremien sind die Stereo­typen und Vorurteile in Bezug auf Sinti und Roma bis heute weder de­legi­timiert noch hin­reichend ener­gisch diskreditiert worden, so dass sie fort­bestehen und un­wider­sprochen an­ge­wendet werden können.

Antiziganismus ist ein facettenreiches Phänomen, das auf breite gesell­schaft­liche und politische Ak­zep­tanz stößt. Er behindert maß­geb­lich die Inklusion der Sinti und Roma in die Gesamt­gesell­schaft und verwehrt ihnen gleich­berechtigten Zugang zu Rechten, Chancen und Teilhabe am ge­sellschaft­lichen und wirt­schaft­lichen Leben.

Es gäbe zahlreiche Beispiele zur Veranschaulichung des Antiziganismus. Anti­ziganis­mus könnte unter Berück­sich­ti­gung der Gesamt­situation aktuell fol­gende Formen an­nehmen, wobei hier kein Anspruch auf Voll­ständig­keit er­hoben wird:

  • Verzerrte Darstellung oder Leugnung der Verfolgung von Sinti und Roma oder des Völkermords an ihnen
  • Glorifizierung des Völkermords an den Sinti und Roma
  • Anstiftung zu Gewalt gegen Gemeinschaften der Sinti und Roma, ihr Eigen­tum oder gegen einzel­ne Sinti und Roma sowie Aus­übung und Recht­fer­ti­gung dieser Gewalt
  • Zwangssterilisierung und andere Arten der körperli­chen oder seeli­schen Miss­hand­lung von Sinti und Roma
  • Aufrechterhaltung und Bekräftigung diskriminieren­der Stereo­typen in Bezug auf Sinti und Roma
  • Schuldzuweisungen gegenüber Sinti und Roma und Hetze gegen sie wegen tat­sächli­cher oder ver­meint­licher Proble­me in den Berei­chen Gesell­schaft, Politik, Kultur, Wirtschaft und öf­fent­li­che Gesundheit
  • Stereotypisierung von Sinti und Roma als zu Kriminalität neigenden Men­schen
  • Verwendung des Begriffs „Zigeuner“ als Beleidigung
  • Billigung von oder Ermunterung zu Mechanismen der Ausgren­zung gegen Sinti und Roma auf der Grund­lage rassistisch dis­krimi­nie­render An­nahmen, etwa Ver­wehren der Mög­lich­keit des Besuchs von Regel­schulen oder Aus­schluss von institutio­nellen Verfahren oder Maß­nahmen mit dem Ergeb­nis einer Segre­gation der Ge­mein­schaf­ten der Sinti und Roma
  • Erlassen von Vorschriften ohne Rechtsgrundlage oder Schaffung der Voraus­setzun­gen für die will­kür­liche oder diskrimi­nie­rende Um­siedlung von Gemein­schaften der Sinti und Roma sowie von einzel­nen Sinti und Roma
  • Kollektive Haftbarmachung aller Sinti und Roma für die tatsächlichen oder vermeintlichen Hand­lungen ein­zelner Mit­glieder von Gemein­schaften der Sinti und Roma
  • Verbreitung jedweder Form von Hetze gegen Gemein­schaf­ten der Sinti und Roma, etwa in den Medien und auch im Internet und in den sozia­len Netz­werken

* Der Begriff „Sinti und Roma“ wird als Oberbegriff für ver­schie­dene ver­wandte sess­hafte oder nicht sesshafte Grup­pen ver­wendet, etwa Roma, Travellers, Gens du voyage, resandefolket/de resande, Sinti, Camminanti, Manouches, Kalé, Romanichels, Boyash/Rudari, Aschkali, Ägypter, Jenische, Dom, Lom und Abdal, die sich in Kultur und Lebens­wan­del unter­scheiden kön­nen. Es han­delt sich hierbei um eine er­klä­ren­de Fußnote, nicht um eine De­finition des Be­griffs „Sinti und Roma“.

(Text: www.holocaustremembrance.com)

Siehe auch:
Antiziganismus: IHRA-Definition für Deutschland, 31.3.2021

Responses

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | IHRA-Antiziganismusdefinition für Österreich says:

    April 8th, 2021 at 09:43 (#)

    [...] Tag vor dem internationalen Tag der Roma 2021 hat nun in Österreich der Ministerrat die Arbeits­defini­tion von Anti­ziganis­mus der Inter­nationa­len Al­lianz für Holocaust-Ge­de… (Inter­national Holo­caust Remembrance Al­liance – IHRA) an­ge­nom­men und damit ein [...]