Causa Tulln: Wir zeigen an!
August 20th, 2020 | Published in Einrichtungen, Internet & Blogothek, Rassismus & Menschenrechte
„Es kommt zu einem Angriff mit einem Feuerwerkskörper gegenüber den Campingplatz-Bewohnern …“
Lebenseichen! (GfbV): Alles begann am 25. Juli 2020, als NGOs nach Tulln fuhren, um dort ein Roma-Fest zu besuchen. Aufmerksam wurde der Verein Newo Ziro darauf, dass ein hetzerisches Video sich auf Facebook rasant verbreitete. Die Telefone des Vereins liefen heiß. Natalie Weinrich, Geschäftsführerin vom Verein Newo Ziro, war plötzlich mit großen Ängsten der Community konfrontiert. Nicht nur die Roma/Sinti in Tulln, sondern auch die gesamte Community waren besonders geschockt, als auch FPÖ-Politiker begannen, das Video zu kommentieren und zu teilen. Deswegen setzt die Community nun ein „Zeichen gegen rechts“ mit einer weiteren Anzeige. Lebenszeichen!, Newo Ziro, Hango Roma und Roma-Service schließen sich der Anzeige von SOS Mitmensch an (wir berichteten).
Roma/Sinti in Österreich: Beim Beten bedroht
An der Einfahrt zur großen Wiese fällt ein Schild ins Auge: „Jesus rettet“ steht dort. Dahinter reihen sich 150 geräumige Wohnwagen um ein Festzelt. An der Südumfahrung Tulln am Stadtrand sind rund 600 Sinti und Roma zu einer christlichen Zeltmission zusammengekommen. Diese offene Veranstaltung, zu der jeder kommen kann, ist für Roma und Sinti auch eine Chance, sich als wichtigen Teil der Gesellschaft zu präsentieren.
Stellen Sie sich vor, Sie sind Teil einer französischen christlichen Gemeide, die jährlich ihre religiösen Feste hier feiert. Zu Hause besitzen sie ein Haus, in dem ihre ganze Familie wohnt. Sie arbeiten in ganz Europa, sprächen oft mehr als vier verschiedene Sprachen und fahren jedes Jahr von Frühling bis in den Herbst zu den Treffen der christlichen Gemeinden. Große Familien kommen hier mit hohem Aufwand zusammen, es herrscht eine fromme Stimmung. Abends trifft man sich in einem großen, festlich beleuchteten Zelt. Dort beten alle gemeinsam mit dem Pastor. Alkohol gibt es hier keinen, denn bei diesem Fest der „freien Christen“ herrscht striktes Verbot. Es gibt auch eine strenge Garderobenpflicht: Die Männer sind alle in festlichen Anzügen, die Frauen tragen alle ihre besten Röcke. Draußen spielen die Kinder miteinander oder sind mit den Verwandten im Festzelt oder beim Caravan. Alles ist sauber und alle Wägen sehr gepflegt. Dafür sorgen die Frauen tagsüber. Man besucht sich untereinander und trinkt gemeinsam köstlichen Kaffee. Seit mehreren Generationen kommen sie hier schon zusammen und die Geschäftsleute gehen auch ihren Berufen tagsüber nach. Die einen bieten Fassadenreinigungen an, andere sind Schausteller, die große Luftburgen für die Kinder und Familien von Tulln aufbauen. Dafür haben Sie alle notwendigen Papiere. Sie besitzen eine österreichische Steuernummer (Stadt Graz), denn sie sind es gewohnt, diese stets täglich vorzuweisen.
Roma/Sinti raus aus Tulln!?
Nach ihrer Ankunft beginnt eine plötzliche Unruhe rund um ihren Aufenthalt in Tulln. Es kommt zu einem Angriff mit einem Feuerwerkskörper gegenüber den Campingplatz-Bewohnern. Sie holen die Polizei die alles dokumentiert. Seit Jahren kommen sie hierher, doch in den letzten zwei Jahren hat sich etwas verändert: Sie fühlen sich nicht mehr so willkommen wie früher.
Was sie nicht wissen: Es kommt während der zweiwöchigen Veranstaltung zu vielen Falschmeldungen durch Medien und plötzlich wird ein Video im Netz auf Facebook geteilt (mehr hier): Man sieht darauf ihren Campingwagen und ein Mann spricht dazu:
So, meine Freunde, jetzt schick ich euch einmal was. Des is a Live-Bericht von mir. Des is weder weitergschickt oder sonst was. I bin in Tulln. Da stehen ungefähr so 150, 200 Wohnwägen von den Zigeuner, inklusive Veranstaltungszelt. Schauts, da sehts es, Zeltverleih gö, da ist a Veranstaltungzelt. Da tans jeden Tag auf Nacht Partys feiern. Wahrscheinlich, die Arschlöcher, die Anbrennten, ja. So schauts aus in Österreich, meine Freunde. Schauts euch des an. Is des schee, ha? Campingplatz live in Tulln. Nur Zigeuner unterwegs da. Ja schauts euch das an. Schauts was da los is. Hucken beinander, tan grillen, tan feiern, tan Partys machen. Der Österreicher muss Masken tragen im Supermarkt, schauts euch des an. Was da los ist! Scheißen in die Staudn, brunzen überall zuwe, da Mist liegt umanand. Live aus Tulln, ja, jetzt grad fahr i da. Wahnsinn ist des, ein Wahnsinn! Da schauts amal, es nimmt kein Ende, super ist des in Österreich, weit hamas bracht, mei Lieber. Pfiat euch Gott. Mahlzeit.
Tage später wird das Video auch von Stefan Hermann, einem steirischen FPÖ-Landtagsabgeordneten, in Umlauf gebracht: Mehrere Hundert teilten, kommentierten und markierten den Beitrag mit einem „Daumen hoch“.
Bis zur Abfahrt sind die Familien nun Teil eines „öffentlichen Menschenzoos“: Immer wieder fahren fremde Autos vorbei und fotografieren ungefragt und ungewollt. Ihre Familien, ihre Autos und ihre Kinder. Was mit den Fotos passiert, wer hier durchfährt und Videos macht, wissen sie nicht. Sie würden sich freuen, wenn an ihrem Glauben Interessierte bei der öffentlichen Veranstaltung vorbeischauen und sie als Mensch auf Augenhöhe begrüßen. Sie wünschen sich, dass sie nicht wegen ihrer Herkunft oder Hautfarbe wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden.
Sündenböcke in der Corona-Debatte
Der Österreicher muss Masken tragen, aber die „Zigeuner“ müssen es nicht und feiern „Coronapartys“. Unzählige von diesen Kommentaren findet man unter dem hetzerischen Video. Was gesucht wird, ist klar: ein Sündenbock für die Coronakrise. Auch der Tullner FPÖ-Politiker Andreas Bors hetzt gegen die Minderheit im Netz: „Während unsere Vereine sowie Freiwilligen Feuerwehren keine Veranstaltungen abhalten dürfen, ist eine große Roma/Sinti-Coronaparty im Festzelt offensichtlich kein Probem!“
Obmann Simon Bordt-Weinrich von Newo Ziro meint dazu: „Zuerst war’s die jüdische Weltverschwörung, dann Bill Gates und jetzt müssen halt die Sinti und Roma für den Kampf gegen die Coronaregeln der Regierung herhalten. Zuerst einmal sei zu erwähnen, dass vor der Anfahrt bis zu zwei Tagen vor der Abreise in ganz Österreich keine Maskenpflicht galt. Zweitens wurden die meisten Veranstaltungen ‚open air‘ abgehalten und drittens wurden auch alle hygenischen Maßnahmen umgestetzt. Es kam auch laut Polizei zu keinem einzigen bekannten Verstoß gegen die Covid-Maßnahmen, weder am Campingplatz noch sonst irgendwo rund um Tulln. Im Grunde also wieder eine Hasswelle, auf die der eine oder andere wieder mit draufspringt. Es war schon immer der einfachere Weg, jemanden als Sündenbock zu diffamieren, anstatt Solidarität zu zeigen.“
Auffällig ist, dass die ganze Geschichte vor der Wien-Wahl im Oktober 2020 richtig Aufwind bekommt. „Es wird wieder mit Hetze gegen Minderheiten Politik vor einer wichtigen Wahl gemacht. Auf der Jagd nach Wählerstimmen werden dann vermehrt rassistische Sprüche hervorgeholt. Statt mit sachlicher Politik wird auf tiefstem Niveau mit dem Wahlvolk umgegangen. Man verkauft diese für dumm mit Falschmeldungen und schlecht recherchierten Berichten. Dies ist auch leider kein Einzelfall. An die Rolle der Sündenböcke in rechten Kampagnen haben sich Roma und Sinti in Österreich leider schon gewöhnen müssen. Dagegen treten sie jedoch mittlerweile vehement auf und wehren sich. Wir unterstützen sie dabei“, so Nadine Papai, Obfrau von Lebenszeichen.
→Was ist in Tulln wirklich passiert? Eine Recherche von Lebenseichen! (GfbV)
(Text: www.gfbv.at)