Tschechische Roma vom Papst enttäuscht
Oktober 15th, 2009 | Published in Rassismus & Menschenrechte, Religion | 1 Comment
Schwer enttäuscht von der katholischen Kirche zeigten sich einige Roma-Vertreter anlässlich des Tschechienbesuchs des Papstes vor zwei Wochen. Die tschechische Roma-Organisation „Roma Realia“ kritisierte in einer Presseaussendung, dass Papst Benedikt XVI. seinen dreitägigen Tschechienbesuch nicht dazu genützt habe, zur aktuellen Situation der Roma-Volksgruppe Stellung zu beziehen. Man habe sich klare Worte erhofft, die katholische Kirche ignoriere jedoch weiterhin die neonazistische Gewaltwelle gegen Roma.
„Wir sind gerade Zeugen des historischen Moments, in dem der Vatikan die Roma durch sein Schweigen und ausbleibende Stellungnahmen im Stich lässt, obwohl das Oberhaupt der katholischen Kirche sich gerade zu Besuch in der Tschechischen Republik aufhält”, erklärte Václav Miko, Vertreter von „Roma Realia“ und der „Bewegung des Roma-Widerstands“. „Die Lage der Roma ist bereits so ernst, dass sie den Neonazi-Angriffen machtlos gegenüberstehen, weil die Exekutive außerstande ist, die Sicherheit der Roma zu gewährleisten.“
Schon im April hatte sich „Roma Realia“ schriftlich an den Papst gewandt und ihn ersucht, bei seinen Aufenthalten in Prag, Brünn/Brno and Stará Boleslav das Thema der Roma-Diskriminierung in Tschechien und Osteuropa aufzugreifen. Die Bitte, bei den Zusammentreffen des Papstes mit diverser politischer und gesellschaftlicher Gruppierungen auch einen Audienztermin mit Vertretern der tschechischen Roma zu ermöglichen, konnte laut Stellungnahme der Tschechischen Bischofskonferenz und des Präsidialbüros aufgrund von Terminproblemen nicht berücksichtigt werden. Auch Repräsentanten anderer Religionsgruppen hatten den Papst in einem in den USA veröffentlichten Appell dazu aufgerufen, in Tschechien die Lage der Roma anzusprechen.
Juni 19th, 2010 at 14:47 (#)
Der Vorsitzende der katholischen Zigeunerseelsorge “Rashai Jozef” hat in einem Interview des Radiosenders Dom.Radio schwere rassistische Vorwürfe gegen die in Deutschland lebende Sinti und Roma erhoben.
http://www.domradio.com/CoMET/Audio/10667.wma
Als Pater Lancaric gefragt wurde, ob der Name “Zigeunerseelsorger” politisch korrekt sei, beharrte er auf dem Namen “Zigeuner”, obwohl er zugab, dass dieser Name “in Deutschland ein Problem” ist, und obwohl er weiß, dass er von vielen Sinti als diskriminierend empfunden wird. Ich habe selbst erlebt, wie ihn junge Sinti inständig gebeten haben, sie nicht als “Zigeuner”, und das heiße für sie als “Abschaum” zu bezeichnen. Mit seiner Begründung: “es gibt kein anderes Wort, das alle Zigeunerstämme, wenn ich das so nennen darf, abdeckt” widerlegt er sich selbst. Denn es gibt nur ein Wort, mit dem alle Angehörigen dieses Volks sich selbst bezeichnen, wie in vielen Zeugnissen belegt ist, nämlich “Sinti oder im allgemeinen Roma”. Dagegen ist das Wort “Zigeuner” eine Fremdbezeichnung, zumindest im Deutschen ein Schimpfwort und außerdem irreführend. Denn es wird sowohl für “Fahrende und Jenische” als auch für die Sinti und Roma verwendet. Schon gar nicht sollte er den rassistischen Begriff “Zigeunerstämme” verwenden.
“Sind denn Zigeuner überwiegend katholisch?” Auf diese Frage antwortete Pater Lancaric: “Die Zigeuner suchen nach dem Gott. Sie suchen nicht nach der Kirche, und Sie übernehmen meist die Religion der Umgebung, wo sie leben.” Die deutschen Sinti suchen nach meiner Erfahrung nicht nach “dem Gott” oder irgendeinen höheren Wesen, sondern sie glauben an Christus. Sie sehen in Ihm den Sohn Gottes und ihren Führsprecher, weil er mit den Außenseitern der Gesellschaft verkehrt hat. Sie bleiben jedoch der Kirche fern, weil sie, wie von Zeitzeugen berichtet wurde, die Erfahrung gemacht haben, dass sie dort nicht willkommen sind. Das die Religion und Konfession der jeweiligen Landesherren übernommen werden musste, gilt für alle Völker, wird aber nur bei den Sinti und Roma immer wieder betont, weil man sie verdächtigt, keine “echten Christen” zu sein.
Pater Lancaric griff auch mit seinen Antworten zum heutigen Leben der “Zigeuner” auf alte Vorurteile zurück. Als er gefragt wurde, ob “sie meist in großer Armut” leben, entgegnete er: “Das würde ich auch nicht sagen. Sind auch sehr wohlhabende Familien, aber durchschnittlich kann man sagen, dass es auch sehr arme Leute gibt unter Ihnen.” Wenn es sehr wohlhabende und sehr arme Familien gibt, dann müsste es Ihnen im Durchschnitt relativ gut gehen, was aber nicht zutrifft. Dass der “gesellschaftliche Stand von Zigeunern immer noch so schlecht” ist, wie die Interviewerin einwendet, liegt nach Pater Lancaric nicht an der Gesellschaft, die Ihnen die Aufstiegschancen versperrt, sondern an den “Zigeunern”, nämlich daran, dass diese sich “sehr schwer anpassen an unserer Gesetzgebung”. Viele hätten “mit Verbrechen zu tun” und alle mit “Steuerhinterziehung”.
Trotz dieser Einschätzung plädierte er dafür, “diese Leute” so leben zu lassen, “wie sie wollen”. Wir haben das Leben irgendwie mit verschiedenen Vorschriften, Gesetzen, Arbeitszeit und und und beschränkt. Wir sind nicht frei. Die Zigeuner sind mehr frei und mehr Menschen, lebende Menschen wie wir Gadje.” Wie können Menschen, die sich nicht an Gesetze halten und keinen Arbeitsplatz haben, ein freies Leben führen? Dass die meisten deutschen Sinti und Roma sich bessere Bildungs- und Berufschancen wünschen und in besseren Wohnungen und Wohnlagen leben wollen, scheint Pater Lanceric nicht zu wissen oder nicht wissen zu wollen. Da seine Sympathie den “Zigeunern” gehört, die auf der untersten Stufe der Zivilisation stehen, geht es ihm wohl kaum darum, Ihre Situation nachhaltig zu verbessern.
Warum vertraut die Deutsche Bischofskonferenz die Leitung der katholischen “Zigeunerseelsorge” jemanden an, der die Sinti und Roma für keine Christen und obendrein für Kriminelle hält? Autor: Wilhelm Solms
Anmerkung der Redaktion: Der zitierte Text Solms’ ist der Zeitschrift “Antziganismusforschung” 1/2009 entnommen:
http://www.antiziganismus.de/resources/AntiziganismusHeft2009-01_Internet.pdf