Raymond Gurême (1925-2020)

Mai 26th, 2020  |  Published in Ehrungen & Nachrufe

Der französische Holo­caust-Über­le­bende und Bür­ger­rechts­akti­vist Raymond Gurême ver­starb am Sonn­tag, 24. Mai 2020, im Al­ter von 94 Jah­ren.

Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, wür­dig­te Raymond Gurême mit sehr per­sönli­chen Worten: „Raymond Gurême schloss sich da­mals dem fran­zösi­schen Widerstand gegen das NS-Terror­regime an. Bis zuletzt kämpfte er für die An­erken­nung des Holo­caust an Sinti und Roma, wie auch für die Würde und glei­chen Rechte für Sinti und Roma in Europa. Mit seinem Engage­ment gegen Anti­ziganis­mus und Rassismus ins­besondere für und mit jungen Men­schen er­warb er sich bei allen, die ihm begeg­nen durften, großen Respekt und An­erken­nung. Sinti und Roma in ganz Europa haben durch den Tod von Ray­mond Gurême eine ganz beson­dere Per­sön­lich­keit ver­loren.“

Raymond Gurême begleitete mehrfach junge Sinti und Roma im Rahmen der Jugend­initia­tive „Dikh he na Bister“, die vom Jugend­netz­werk ternYpe und dem Do­ku­men­ta­tions- und Kultur­zentrum Deutscher Sinti und Roma or­ganisiert wird, zum Euro­päi­schen Holocaust-Ge­denk­tag für Sinti und Roma nach Krakau und Auschwitz. In seiner Rede auf der Gedenk­ver­anstal­tung am 2. August 2016 in Auschwitz-Bir­kenau rief er wie so oft be­sonders junge Men­schen zum Engage­ment gegen Anti­ziganismus und Ras­sis­mus auf:

Ihr [die Jungen] müsst kämpfen. Kämpfen gegen die Diskriminie­rung, gegen den Rassismus, ge­gen die Gewalt, der Roma und Sinti in ganz Euro­pa zum Opfer fallen.
Wir, die Alten, haben das Feuer entfacht. Nun ist es die Auf­gabe der jungen Leute, es am Brennen zu halten und die Flam­men weiter in die Höhe zu trei­ben, so dass wir immer stär­ker werden. Erhebt Euch, Ihr Jungen! Und bleibt ste­hen, lässt Euch nie­mals in die Knie zwin­gen!

Raymond Gurême wurde 1925 in eine französischen Manouches-Fa­milie ge­boren. Seit seinem zweiten Lebens­jahr trat Raymond im fa­milien­eigenen Wander­zirkus als Akrobat oder Clown auf. Im Okto­ber 1940 wurde die gesamte Familie von französi­schen Gendar­men verhaftet, da die deut­schen Besatzer eine Zwangs­ansiedlung sämt­licher Manouches ver­ordnet hatten, und einen Monat später wurden die Gurêmes in das Inter­nie­rungs­la­ger Linas-Montlhéry ein­gewiesen. Es ge­lang Raymond zwar im Sommer 1941 zu fliehen, aber der Rest sei­ner Familie wur­de nach Muslane und Montreuil-Bellay, eines der größten Kon­zentrations­lager für so­ge­nann­te Nicht­sesshafte in Frankreich, deportiert. Er ar­bei­tete auf Bauern­höfen und kehrte immer wieder nach Linas und später nach Montreuil-Bel­lay zu­rück, um Lebens­mittel in die Lager zu schmuggeln. Im August 1943 wurde er wieder verhaftet und in ein Arbeitslager ins hessische Heddernheim de­portiert, wo er nach Bom­ben­an­griffen Leichen ber­gen musste. Einmal wurde er brutal von einem Nazi zusammen­geschlagen und verlor hier­bei auf einem Auge das Augen­licht. Letzt­end­lich flüchtete Ray­mond durch die Hilfe eines fran­zösi­schen Bahn­arbeiters er­neut, wel­cher ihn in einem Zug versteckte und dieser ihn zurück nach Frankreich fuhr. Erst 1950 ge­lang es ihm seine Familie wieder zu ver­einen. Nach dem Krieg er­hielten sie weder Ent­schädigungen fi­nan­ziel­ler Art noch morali­schen Beistand. An­gesichts von zu­nehmen­dem Antiziganismus und Rassismus in Frankreich und in ganz Europa en­gagierte sich Ray­mond Gurême ins­beson­dere in den letzten zehn Jahren in der Holo­caust-Er­innerungs­arbeit mit jungen Men­schen und in der Bürgerrechts­arbeit. Seine Geschichte wurde in dem Werk “Interdit aux nomades” (Nomaden verboten) von Isabelle Ligner ver­öffentlicht.

→Die Ansprache von Raymond Gureme und seiner Enkelin Marine Hageman zum Europäischen Holocaust Gedenktag am 2. August 2016

(Text: Zentralrat)

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