Zentralrat: Gewalt besser dokumentieren

Mai 5th, 2020  |  Published in Rassismus & Menschenrechte

Deutschland: Romafeindliche Straftaten werden in der Kriminalitätsstatistik seit kurzem eigens erfasstIm vergangenen Jahr wurden in Deutschland 78 anti­ziga­nis­tisch mo­ti­vier­te Straf­taten re­gist­riert. Zentral­rat: Anti­­zi­­ga­­nis­­ti­sche Straf­taten müs­­sen bes­ser do­ku­men­tiert und ver­folgt wer­den

Die Hemmschwelle, Sinti und Roma in Deutschland an­zu­greifen, zu verletzen oder gar zu töten ist weiter­hin sehr niedrig, wie die aktuellen Zahlen der Bundes­regierung zu anti­ziganisti­schen Straftaten 2019 be­legen. Seit drei Jahren wird Antiziganismus als ei­gen­stän­di­ge Kategorie in der Statistik Politisch motivierte Kriminalität (PMK)“ er­fasst (Fall­zahlen: 2017: 53; 2018: 68; 2019: 78) und die Fallzahlen zei­gen eine stete Zunahme. Im letz­ten Jahr wurden auch zahl­reiche Fälle von Köperverletzungen und zwei versuchte Tötungen do­ku­men­tiert.

Angesichts der geringen Anzahl dokumentierter Fälle anti­ziganis­tisch mo­tivier­ter Kriminalität ist von einer hohen Dunkelziffer aus­zu­gehen. Nur ein Bruchteil der Straftaten wird von Be­trof­fe­nen zur Anzeige gebracht oder von Straf­verfolgungs­behörden als anti­ziganistisch moti­viert an­ge­sehen. Betrof­fene haben oft kein Vertrauen in die Polizei, befürch­ten Nachteile für sich selbst oder An­ge­hö­rige und stellen nur selten eine Anzeige. Zu­dem ver­hindert oft fehlendes Wissen über die Wir­kungs­mechanis­men von Anti­ziganismus, dass Polizei­behörden Ermittlung bei an­ti­ziganis­tisch moti­vier­ten Straftaten auf­nehmen.

Rechte Gewalt gegen Sinti und Roma

Im Jahr 2019 haben Polizeibehörden mindestens zwei Fälle, bei de­nen eine Tötungs­absicht vor­lag, als anti­ziganis­tisch moti­viert re­gistriert. In beiden Fällen wurden die Opfer im Zuge des Angriffes rassistisch beleidigt und he­rab­gewür­digt. In einem Fall wurde im letz­ten Jahr eine lang­jähri­ge Freiheitsstrafe ver­hängt und die anti­ziganis­tische Motivation der Tat vom Gericht ge­würdigt. Aber nicht im­mer sind Angriffe auf Sinti und Roma von laut ge­äußer­ten antiziganis­ti­schen Beleidigungen be­glei­tet und werden dann oft nicht als Hasskriminalität an­erkannt. 2018 schoss etwa ein Mann in Berlin-Fried­richs­hain auf das sieben­jährige Nachbarskind einer Roma-Familie. Amaro Foro do­ku­men­tier­te denn Fall in seinem Projekt DOSTA als anti­ziganisti­schen Vorfall. In der offi­ziel­len PMK-Statistik tauch­te dieser Angriff al­ler­dings nicht auf.

Aber auch wenn das Tatmotiv nicht explizit Antiziganismus ist, sind Sinti und Roma von rechter Gewalt be­troffen. Im Febru­ar 2020 tötete ein Rechts­terrorist in Hanau neun Men­schen aus rassisti­schen Motiven. Unter den Todes­opfern wie auch den Verletzten waren An­gehörige der Sinti und Roma. Vier Jahre zuvor bei dem rassistischen Anschlag in München 2016 waren eben­falls Sinti und Roma unter den Todes­opfern und Verletz­ten. Bei dem Attentat im Olympia-Ein­kaufs­zentrum in München 2016 wur­de lange Zeit das rassisti­sche Motiv des Täters ignoriert. Die Ermittlungs­behör­den gin­gen von einem Einzeltäter mit psychi­schen Problemen aus und woll­ten keine politische Motivation er­kennen können. Für Minder­heiten, Ge­flüchtete und Zu­gewanderte ist es ein fatales Zeichen und führt zu starker Ver­unsiche­rung. Der Terrorakt von Hanau wurde vom Bundes­kriminal­amt als rassistische und rechtsextreme Tat ein­gestuft und die Betrof­fenen und Hinter­bliebenen er­hielten zeitnah Unter­stützung aus dem Opferfonds der Bundes­regierung. Die öffent­li­che Wahrnehmung von Sinti- und Ro­ma-Opfern rechter Gewalt ist im­mer noch sehr ge­ring und ihr Schicksal und die ihrer Hinter­bliebenen blei­ben meist un­sichtbar.

Vor der Tat steht das Wort

Aber nicht nur tätliche Angriffe nehmen rasant zu, auch der antiziganistische Hass im Netz ist in den letz­ten Jahren deut­lich stärker ge­wor­den. Vor allem in sozialen Netzwerken stei­gert sich der Hass, über Sinti und Roma werden wie kaum eine an­dere Grup­pe Vernichtungs­phan­tasien geäußert, die von einer außer­or­dent­li­chen Dehumanisierung ge­kenn­zeichnet sind. Hierzu haben politische Ak­teure wie die AfD und ihr weg­getauch­ter „Flügel“ maß­geblich bei­getragen. Aber auch Medien­berichte wie die von Sat1 aus­gestrahl­te Doku­men­tation „Roma. Ein Volk zwi­schen Armut und Angeberei“ schü­ren den Hass auf Sinti und Roma und ver­tiefen den in breiten Be­völke­rungs­kreisen vor­hande­nen Anti­ziganismus. Die Stimmungs­mache ge­gen Sinti und Roma, die auch die Hemmschwelle für tät­liche Angriffe sinken lässt, wird je­doch bisher kaum von der Zivil­gesellschaft als Problem an­gegangen, auch weil verlässliche Zahlen fehlen. Anti­ziganisti­sche Hetze im Netz muss besser doku­mentiert, gemeldet und strafrechtlich ver­folgt werden.

Eine Struktur zur Dokumentation und Unterstützung für Be­trof­fene

Die Erscheinungsformen und Ausprägungen von Antiziganismus und anti­ziganis­ti­schen Straftaten so­wie die Folgen für die Betrof­fenen müs­sen besser untersucht werden. Anti­ziganismus ist tief in der deutschen Ge­sellschaft und auch in staat­lichen Behörden ver­wurzelt, dass be­legen seit Jahren ein­schlägige Be­völ­ke­rungs­umfragen wie etwa die Autori­taris­mus-Studie der Uni­ver­si­tät Leipzig 2018.  Laut der Studie hät­ten 56% der Befragten Proble­me mit Sinti und Roma in ihrer Gegend.

Eine zentrale Forderung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma ist daher Strukturen zu schaf­fen, die anti­ziganistische Fälle doku­mentieren, analysieren und Unter­stützungs­angebote für Betrof­fene ermög­lichen. Zudem ist ein Prozess­standrecht und Verbands­klagerecht not­wendig, um von Anti­ziganismus Betrof­fene an­gemes­sen in ihren Rechten vertreten zu kön­nen. Eine solche Struktur würde be­stehende Lücken im Regelsystem schlie­ßen und Betrof­fene unter­stützen, die sich nicht an staatliche Stellen wen­den wollen. Denn historisch ist das Ver­hält­nis zu staatlichen Struk­turen, vor allem zu Polizeibehörden, stark vorbelastet und eng mit der Verfolgung von Sinti und Roma ver­knüpft. Bis heute wird die Minder­heit pauschal mit Kriminalität in Ver­bindung ge­bracht und kaum als Opfer von Straf­taten wahr­ge­nommen. Vertrauen von Sinti und Roma zur Polizei kann jedoch nicht ent­stehen, wenn Abstammung zum Er­mitt­lungs­ansatz bei Kriminalität ge­macht wird. Oft wird Sinti und Roma zu­mindest eine Teilschuld an dem Er­lebten unter­stellt oder Opfer wer­den zu Tätern verkehrt.

Auseinandersetzung mit Antiziganismus in der Polizei

Eine stärkere Sensibilisierung von Polizeibeamtinnen und -beamten in der Aus- und Weiter­bildung muss be­ste­hen­den stereotypen Vor­stellungen über die Minderheit ent­gegen­treten und vor­han­dene Wissenslücken schließen. Denn bisher ist kaum etwas über die Geschichte der Minder­heit im Lehrplan vor­gesehen. Be­sonders die Ver­folgung wäh­rend der NS-Zeit und die Rolle der Polizei bei der Ver­folgung von Sinti und Roma muss stärker in der Lehre the­ma­tisiert werden. Bisher be­steht kein fun­diertes Wissen bei Be­am­tin­nen und Beamten über die Dimen­sionen des Antiziganismus und seine Wir­kungs­weisen.

(Text: Zentralrat)

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