Requiem für Auschwitz im Berliner Dom

Januar 29th, 2020  |  Published in Geschichte & Gedenken, Musik, Veranstaltungen & Ausstellungen

Roma-und-Sinti-Philharmoniker (Foto: Benjamin Renter/Zenralrat)Requiem für Auschwitz – Konzert zum Ge­den­ken an die Opfer des NS-Ver­nich­tungs­la­gers Auschwitz-Bir­kenau an­läss­lich des 75. Jah­res­tages der Be­freiung

Am Vorabend des Internationalen Holocaust-Ge­denk­tages führ­ten die Ro­ma-und-Sin­ti-Phil­har­mo­ni­ker ge­mein­sam mit dem Syna­gogal En­semble Berlin am 26. Ja­nuar 2020 das „Re­quiem für Auschwitz“ von Roger Moreno-Rathgeb im Ber­li­ner Dom auf. Zum ers­ten Mal traten dabei die Phil­har­moni­ker mit dem Ber­li­ner En­semble auf. Ge­mein­sam mu­si­zie­ren sie zur Wür­di­gung der Opfer und Über­leben­den sowie zum Ge­denken an den 75. Jahres­tag der Befreiung des Ver­nich­tungs­lagers Ausch­witz-Bir­kenau.

In seiner Rede betonte Romani Rose die Bedeutung eines leben­digen Geden­kens und rief auf zu einem ge­mein­sa­men Kampf für unsere demo­krati­sche Werte­ge­mein­schaft: „Der Name ‚Auschwitz‘ steht als Symbol für den Holocaust an den Sinti und Roma, in dem 500.000 Men­schen den Tod fan­den, für 6 Millio­nen ermor­dete Juden und für alle ande­ren Men­schen, die unter dem national­sozia­lis­ti­schen Terror ge­litten haben oder durch ihn um­kamen. Erinnern an die Opfer der natio­nal­sozia­lis­ti­schen Mensch­heits­ver­brechen be­deutet immer auch ge­lebte Ver­ant­wortung für die Gegen­wart und für unser Gemein­wesen. Dabei darf Erinnern nicht zu einem lee­ren Ritual er­starren. Es muss ein leben­diges Gedenken sein – so wie diese Auf­führung, bei der die Mu­sikerin­nen und Musiker der Ro­ma-und-Sin­ti-Phil­har­moni­ker und des Syna­go­gal En­sembles Berlin ge­mein­sam aller Opfer des Holocaust ge­denken. […] Wir haben allen Grund stolz zu sein auf die Errun­gen­schaften unse­rer Demokratie, die unse­re Freiheit, und unse­ren Wohlstand ga­ran­tiert, die aber nur be­stehen kann, wenn die Ver­ant­wortung für das Gemein­wesen nicht durch ego­isti­sche Einzel­interes­sen aus­gehöhlt wird. Der Kampf gegen Antiziganismus, Anti­semi­tismus und jede Form von grup­pen­bezo­ge­ner Men­schen­feind­lich­keit ist eine gesamt­gesell­schaft­li­che Ver­pflich­tung. Ich rufe Sie daher alle auf, sich gemein­sam und mit aller Kraft gegen jeden Versuch zu stem­men, unser fried­li­ches Zu­sammen­leben zu zer­stören, unsere demokra­tische Werte­gemein­schaft zu spal­ten und die Erin­nerung an die Opfer der national­sozia­listi­schen Gewalt­herr­schaft aus­zu­löschen.“

Staatsminister Michael Roth drückte in seinem Grußwort die Be­deu­tung der Sprache der Musik aus, da trösten zu kön­nen, wo Worte ver­sagen. Er appel­lierte darüber hinaus an die Ve­rantwor­tung aller Bürgerin­nen und Bürger sich für eine demokra­tische und bunte Gesell­schaft zu enga­gieren: „Wir trauern um Freundin­nen und Freunde, die wir nie kennen­ler­nen durften. Um Kinder, die ihre Lebens­träume nie ver­wirkli­chen konn­ten. Um Musi­kerinnen, deren Klängen wir nie lauschen durf­ten. Um Künstler, deren Werke wir nie zu Gesicht be­kommen haben. Um Men­schen, deren Güte und Wärme wir nie erfah­ren durften. […] Und den­noch dürfen wir am heuti­gen Tag nicht nur zurück­blicken. Denn wir leben auch heute wieder in brand­ge­fähr­li­chen Zeiten. […] Demokratie­ver­achtung wird mit den Worten „Man wird doch wohl noch sagen dürfen …“ als legiti­me Kritik ver­harmlost. Bürger­meister ver­zichten auf eine Wieder­wahl, weil sie der ständi­gen Bedro­hun­gen müde sind und ihre Familien vor dem rechten Mob schützen wol­len. Auf­rech­te Demokraten, die nicht schweigen und sich weg­ducken, werden mit dem Tode bedroht. Wir haben zu lange ge­schwiegen und abge­wiegelt, als rote Linien schlei­chend und immer wieder über­schrit­ten wurden. Es reicht nicht mehr, sich in der Mehr­heit zu wähnen. Jetzt heißt es für uns als Demo­kratin­nen und Demo­kraten, dagegen­zu­halten und sich klar und deut­lich von der oft lauteren rassisti­schen und anti­semiti­schen Minder­heit klar ab­zu­grenzen.“

Hintergrund

ROMA-UND-SINTI-PHILHARMONIKER
Die Roma-und-Sinti-Philharmoniker sind ein Projektorchester unter dem Dach des Philharmoni­schen Vereins der Sinti und Roma Frankfurt am Main e.V. Es besteht aus profes­sionell aus­gebilde­ten Roma- und Sinti-Musi­kern, die haupt­beruflich in Sinfonie- und Opern­orches­tern Europas e­ngagiert sind. Es wird von Riccardo M. Sahiti künst­lerisch geleitet. Die Ro­ma-und-Sinti-Phil­har­moniker haben sich zum Ziel ge­setzt, das musikali­sche Erbe der Roma und Sinti mit ihrer jahr­hunderte­alten Musik­tradition und ihren mannig­fal­tigen Ein­flüssen auf die klassische Musik auf­zu­zeigen und zu be­wahren. Sie führen Werke auf, die die stilisti­sche Einfluss­nahme durch die Musik der Roma und Sinti in sich tragen. Die Roma-und-Sinti-Phil­harmo­ni­ker ver­stehen sich als Bot­schaf­ter der Roma- und Sinti-Musik­kultur, aber auch einer völker­ver­bin­den­den Bot­schaft über Staats- und Kultur­grenzen hin­weg.

DIRIGENT RICCARDO M. SAHITI
Riccardo M. Sahiti, gebürtiger Rom, schloss 1990 seine Studien in Dirigieren und Musik­pädagogik an der Fakultät für Musik­kunst in Belgrad bei Prof. Stanko Šepić ab. Diese Aus­bildungs­phase ver­iefte er durch opern­sinfo­nisches Dirigieren am Kon­serva­to­rium »P. I. Tschaikowsky« in Moskau bei Yuri Ivanovic Simonov sowie an der Hoch­schule für Musik und Dar­stellende Kunst Frankfurt am Main bei Prof. Jirí Stárek. Er be­suchte Meister­kurse bei Jorma Panula und Péter Eötvös. Dirigier­erfahrung sam­melte er unter an­derem vor Orchestern wie den Belgrader Phil­harmonikern, den Schlesi­schen Phil­harmoni­kern Kattowitz, dem Radio-Sin­fonie­orchester Beograd und dem Sin­fonie­orchester Savarija Szombathely, Ungarn.

KOMPONIST ROGER MORENO-RATHGEB
Der schweizerisch-holländische Sinto-Komponist, Musiker und Arran­geur Roger Moreno-Rathgeb hat sein »Requiem für Auschwitz« allen Opfern des national­sozia­lis­tischen Regimes ge­widmet. Es ent­stand unter dem Eindruck seines Be­suchs der KZ-Gedenk­stätte in Auschwitz. »Schon als ich das Areal von Auschwitz be­treten hatte, ent­stand bei mir das Anfangs­thema des Requiems in mei­nem Kopf«, erin­nert sich der Komponist an die Ent­stehung des ein­stün­di­gen Werkes, die sich dann als Aus­druck seines indi­viduel­len »Traumas von Auschwitz« zur Schreib­blockade mani­fes­tierte und über mehrere Jahre er­strecken sollte.

DAS SYNAGOGAL ENSEMBLE BERLIN
Das Synagogal Ensemble Berlin (SEB) wurde 2002 von Regina Yantian und Kantor Isaac Sheffer als Kon­zert­ensemble ge­gründet. Es be­steht aus 8 bis 16 pro­fessionel­len Sängern, die an inter­natio­nalen Opern­häusern arbeiten und als frei­schaffende Konzert­sänger u.a. auch im Chor der Synagoge Pes­talozzi­straße tätig sind. Ziel des Synago­gal Ensemble Berlin ist, einem brei­ten Publikum die jüdische Liturgie und kanto­rale Musik mit dem Schwer­punkt auf der deut­schen Tra­dition nach Louis Lewandowski nahe zu brin­gen – ein Musik­genre, das fast in Ver­gessen­heit geraten war und bei Musik­ken­nern sehr beliebt ist. Seit 2011 ist das Synagogal Ensemble Berlin das gast­ge­bende Ensemble des all­jährlich in Berlin statt­fin­den­den Louis-Le­wan­dowski-Festivals. Sein Grün­der, Nils Busch-Petersen, ge­hört gleich­zeitig dem Vor­stand des Vereins der Freunde und För­derer des Syna­gogal En­semble Berlin an. In jedem Jahr wer­den dabei Chöre aus aller Welt nach Berlin ein­geladen, um die Schätze syna­gogaler Musik ver­schie­dener Epochen und Regionen dem Berliner Publikum be­kannt zu machen.

MUSIKALISCHE LEITERIN REGINA YANTIAN
Regina Yantian begann im Alter von zehn Jahren ihre Aus­bil­dung zur Organistin und später zur Chor­leiterin. Sie studier­te in Heidelberg, Jerusalem und Berlin Jüdische Studien und Ver­glei­chende Musik­wis­sen­schaften. Von 2004 bis 2011 leitete sie den von Estrongo Nachama ge­grün­deten Shalom-Chor Berlin. Zu ihren der­zeitigen Ensembles ge­hören der Jugendchor der Synagoge Pestalozzistraße und der Re’utchor Berlin. 2002 grün­dete sie das profes­sio­nelle Synagogal Ensemble Berlin, mit dem sie häufig im In- und Ausland auf­tritt. Regina Yantian spielte u.a. die Orgel­sinfonie von Camille Saint-Saëns in der Konzert­halle »Carl Philipp Emanuel Bach« in Frank­furt/Oder und be­gleitet Kantor Isaac Sheffer in dessen Solo­kon­zerten. Ge­mein­sam mit Kantor Isaac Sheffer und dem Synago­gal Ensemble Berlin brachte sie vier CDs mit jüdisch-litur­gi­scher Musik aus unter­schied­li­chen Epochen heraus. Seit 2011 ist sie die Künst­le­rische Leiterin des Louis-Le­wan­dows­ki-Fes­tivals.

(Text: Zentralrat)

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