„Alle haben sie weggebracht“

Mai 27th, 2019  |  Published in Geschichte & Gedenken, Radijo Erba

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Peter Horvath war 1939 sechs Jahre alt. Er lebte mit seinen Eltern und seinem Bruder in einem klei­nen Haus in der Roma­siedlung in Jois (Be­zirk Neusiedl am See). Sein Vater war kurz zuvor aus der Wehrmacht ent­las­sen worden, ob­wohl er bereits eine höhere Po­sition inne­hatte. Da es dazu keinen Anlass ge­geben hatte, be­fürch­tete er das Schlimmste für sich und seine Familie. Er sollte Recht be­halten: „Im 39er Jahr, wie der Hitler ge­kommen ist, haben sie meine Mutter und meinen Bruder ab­geholt und sie haben sie weg­gebracht. Sie sind nach Auschwitz ge­kommen. Die SA ist in der Nacht ge­kommen, da kann ich mich noch gut er­innern, und hat alle zu­sammen­getrie­ben und weg­ge­bracht. Sie sind zu­erst nach Wien ge­kom­men, und von der Elisa­beth­pro­menade aus sind dann alle mit dem Trans­port in die KZs gebracht wor­den. Und meine Mutter und mein Bruder waren in meh­reren Lagern, und zum Schluss ka­men sie nach Auschwitz. Am An­fang waren sie in Ravensbrück, und von dort dann nach Auschwitz. Und mein Vater und ich sind davon­gekom­men, das war unser Glück. In der Nacht um 12 sind sie ge­kommen, die SA. Mein Vater hat das ge­sehen, dass sie kommen, er hat das schon be­fürchtet. Und alle anderen haben sie auch weg­gebracht. Und auch meine Cousins sind alle weg­gekom­men, damals mit dem ers­ten Transport. Die haben alle nicht lange mehr gelebt, es kam bald die Be­scheini­gung, dass sie Typhus ge­habt haben. Ja, so war das … Nur mein Vater und ich haben flüchten kön­nen, zuerst nach Bruck an der Leitha und dann weiter nach Ungarn. Das war dann schon 1940. Aber in St. Margarethen – an der Grenze zu Ungarn – ha­ben sie uns ge­fangen ge­nommen, die Zöllner, und die brach­ten uns dann ins Zöllner­haus, und die Polizei von Schützen ist ge­kommen. Aber meinem Vater ist es ge­lun­gen, sich ungarische Pa­piere zu be­sorgen, und mit denen haben sie uns wieder ge­hen las­sen, und wir sind dann schwarz über die Grenze nach Ungarn.“

Die Mutter und der Bruder von Peter Horvath wurden 1939 zu­sam­men mit über 1.100 öster­reichischen und fast 1.000 deut­schen Roma und Sinti in die Kon­zentrations­lager de­portiert. Der Großteil der öster­reichischen Roma wurde zuerst ins Polizei­gefängnis Elisabeth­prome­nade im 9. Wiener Ge­meinde­bezirk gebracht, wo sie unter bereits furcht­baren Be­din­gungen einer noch viel schlim­meren Zukunft ent­gegen­sehen muss­ten. Etwa zur gleichen Zeit wurde auch Agnes Horvath von der Gestapo ver­haftet: „Wir sind auf die Elisabeth­pro­menade ge­kommen, wo sie alle Roma zu­sammen­getrieben haben, und von da direkt in die Lager. Mit den Eisen­bahn­wag­gons wurden wir weg­ge­bracht. Ich war in Ravensbrück, Auschwitz und Bergen-Belsen. Fünf Jah­re lang. In Auschwitz muss­ten wir Steine tragen und wer es nicht schaff­te, wurde ge­schlagen. Man ist ja zu­sammen­getreten worden. Und wir be­kamen fast nichts zu essen. Später habe ich dann in der Kinder­küche ge­arbeitet. – 9570 war meine KZ-Num­mer in Auschwitz und mit der haben sie uns immer auf­gerufen, und wir mussten sie wieder­ho­len. Wir haben nichts reden dürfen, mit keinem Men­schen durf­ten wir reden.“

Von den un­gefähr 2.800 nach Auschwitz depor­tierten österrei­chi­schen Roma und Sinti über­lebten nur rund 300, unter ihnen Agnes Horvath und die Mutter von Peter Horvath: „Meine Mutter hat überlebt und ist wieder zurück­gekom­men. Mein Bruder, der mit ihr war, ist nicht mehr zurück­ge­kommen. Sie haben ihn mit einer Spritze er­mordet – wie er noch ein Kind war, er hat ihnen ver­mutlich keine Arbeit leisten können. Da ist ein Arzt ge­kom­men, hat ihm eine Spritze ge­geben und weg ­war er. Aber die Mutter ist zurück­ge­kommen.“

Peter Horvath über­lebte die Jahre bis zur Be­freiung 1945 unter schwie­rigs­ten Be­dingun­gen in Ungarn: „Und dann waren wir bis zum 45er Jahr in Ungarn, bis der Krieg aus war – wir sind von einer Sache in die andere ge­kommen. In Ungarn haben wir auch ‚herum­zigeunern‘ müssen, man hat ja auch auf­passen müs­sen, die sind ja von dort auch in die Lager ge­kom­men. Viele sind weg­gekommen. (…) Im Wald und bei den Bauern haben wir ge­schlafen, und als Vieh­halter haben wir ge­arbeitet. So haben wir uns durch­gebracht. Die waren gut die Bauern. Die haben uns nicht verraten. Weil in Ungarn war ja auch das Problem, dass die Volksdeutschen da waren, die die Leute ausgeliefert haben. Weil die letzte Zeit haben sie dann auch in Ungarn die Roma zusammengetrieben und ich weiß von 60 Roma, die sie im Wald erschossen haben. Im Wald haben sie sie ge­trieben, die SS, und erschossen, da war es dann in Ungarn auch so, wie bei uns. Und viele haben sie in die KZs gebracht.“

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