3. Jenischer Kulturtag in Innsbruck

Oktober 3rd, 2018  |  Published in Veranstaltungen & Ausstellungen

2. Jenischer Kulturtag in Tirol (Foto: Initiative Minderheiten)Jenischer Kulturtag 2018: 13.10.2018, ab 12:30 Uhr | Kulturbackstube, die Bäckerei Innsbruck

→Das Programm zum Download (pdf)

Früher zogen Jenische in kleinen Familien­ver­bänden durch das Land, um den Sess­haf­ten ihre Arbeits­kraft und hand­werk­li­chen Fähig­kei­ten an­zu­bieten. Als Men­schen mit eige­nen Lebens­weisen, einer eige­nen Sprache und eigen­stän­di­gen kul­turel­len Tradi­tio­nen wa­ren sie eine sozio­kultu­relle Min­der­heit, die schon früh dis­krimi­niert und zur Sess­haftig­keit ge­zwun­gen wer­den sollten. Im Natio­nal­sozialis­mus wurden Jenische als so­genann­te Asoziale ver­folgt und er­mordet. Doch auch nach 1945 bis in die jüngste Ver­gan­gen­heit nahm die Unter­drückung und Gewalt kein Ende, etwa durch will­kür­li­che Gefängnis­strafen oder Kinds­weg­nahmen durch die Ju­gend­wohl­fahrt, bei der die ihren Fami­lien ent­ris­senen Kinder in an­erkann­ten Insti­tu­tio­nen sys­te­ma­tisch ge­quält, ge­schlagen und er­niedrigt wur­den. Ein dunk­les Kapitel der Ge­schichte der Jenischen, das bis Mitte der 1980er an­hielt und bis heute wei­ter­wirkt.

Die Jenischen Kulturtage wenden sich gegen das Ver­ges­sen und tre­ten ein für die Sichtbar­machung der jeni­schen Gegen­wart und Ver­gangen­heit sowie des Bei­trags der Jenischen zur Tiroler Geschichte. Jen­seits von herab­wür­di­gen­der Stereo­typisierung und der Roman­tisierung der fahren­den Lebens­weise soll bei den Jeni­schen Kultur­tagen ein realis­ti­sche­res Bild der teils ver­ges­senen und ver­schwie­genen, teils noch leben­digen Tradi­tionen, Kultur und Lebens­form ge­zeich­net wer­den. In Gesprä­chen und Erzäh­lungen über damals und heute, über Doku­mente und Bilder, in Form von Musik und Handwerk. So freuen wir uns ein weite­res Mal auf einen Tag voller ein­drück­licher Be­geg­nun­gen und regen Aus­tausches!

12:30 Uhr | gemeinsames Mittagessen
14:00 Uhr | Begrüßung und Eröffnung im Café
14:30 Uhr | Von den Kindswegnahmen in der Schweiz zur Selbstorganisation

Die Radgenossenschaft der Landstrasse erzählt aus Geschichte und Gegen­wart und blin­zelt in die Zu­kunft
Willi Wottreng:  Buchautor und freier Publizist, Geschäftsführer der Rad­genos­sen­schaft der Landstraße

15:45 Uhr | Europa & die Roma – Emanzipation statt Integration?

Lesung aus dem Roman „Andere Akkorde“ von Simone Schönett
Simone Schönett: Jenische, freie Schriftstellerin von Prosa, Lyrik und dra­mati­schen Texten

17:00 Uhr | Mobile Arbeits- und Lebensarrangements und schulische Ausbildung am Bei­spiel der Jeni­schen Min­der­heit mit Schwer­punkt auf die Schweiz

Anja Joos, Doktorandin am Institut für Kultur­anthro­po­logie & Euro­päi­sche Ethno­logie der Uni­versität Freiburg

18:15 Uhr | Jenische Selbstorganisation?

Podiumsdiskussion mit Willi Wottreng, Simone Schönett, Anja Joos, Serge Borri und Heidi Schleich
Serge Borri: Verein Schäft Qwant & Cooperation Jenische Kultur
Heidi Schleich: Sprachwissenschaftlerin & Autorin („Das Jenische in Tirol“ und Mit­heraus­ge­berin des Sam­mel­bandes „Bockssiedlung“)

20:00 Uhr| Julia Rhomberg und Joseph Counousse Mülhauser

Musikalische Begegnung in Folge des Zweiten Jenischen Kultur­tages
Joseph Mülhauser: alias Counousse, Schweizer Musiker aus der jenischen Schwyzerörgeli-Musik­szene
Julia Rhomberg: Schriftstellerin und Musikerin


Ausstellung historischer Fotografien
1977 besuchte Christian Niederwolfsgruber gemeinsam mit dem Dokumen­tar­filmer Bert Breit eine Siedlung jenischer Familien bei Mötz. Niederwolfsgruber do­ku­men­tierte den Besuch und bil­dete  so einen klei­nen Aus­schnitt des Alltags der dort leben­den Fa­milien ab.

Workshop: Messerschleifen
Das Messer- oder Scherenschleifen war eine typische Arbeit, die fahrende Jenische der sess­haften Be­völ­ke­rung an­boten. Unter An­leitung kön­nen vor Ort stumpfe Messer selbst zu neuer Schärfe ge­schlif­fen werden. Gerne mit­brin­gen und aus­pro­bieren!

Musikalische Begleitung: Mario Hein
Zwischen Weltmusik, selbstgeschriebenen Stücken und Kom­positio­nen von Herbert Pixner be­geistert Mario Hein mit dem Spiel auf dem Akkor­deon und lockert die Pau­sen zwischen den Gesprä­chen, Lesungen und Dis­kus­sionen am Jeni­schen Kulturtag auf.

Eine Veranstaltung der Initiative Minderheiten Tirol, unter­stützt von der Stadt Innsbruck, dem Land Tirol und Swarowski und in Ko­opera­tion mit Arge Kino Landeck, Vogelweide Innsbruck, Kultur­gemeinde Telfs, Noaflhaus Telfs, Kultur­back­stube, die Bäckerei Innsbruck

Vorveranstaltungen

Filmvorführungen „Unerhört Jenisch“ von Karoline Arn und Martina Rieder | CH 2017, 92 min
Stephan Eicher spielt mit dem Bild des Zigeuners und sucht mit seinem Bruder Erich nach seinen jenischen Wur­zeln. Die Spur führt sie in die Bündner Berge, zu den einst zu­gewan­derten Fami­lien Moser, Waser und Kollegger und ihrer le­gendä­ren Tanzmusik. Die Fa­milien leben eine fas­zinie­rende und leiden­schaft­liche Musik­tradition; sie prägt die Schweizer Volksmusik, sucht den Blues, bril­liert als Chanson oder re­bel­liert im Punk. Der Film er­zählt aber auch eine Ge­schichte der Dis­kriminie­rung und Ver­fol­gung, welche die Musikan­ten schweigen ließ. Ein Film über das Ge­heim­nis des be­son­de­ren Sounds.

20. September 2018 | 19:00 Uhr | Altes Kino Landeck
Roman Spiss und Gerald Kurdoğlu Nitsche im Ge­spräch: „Jenische im Oberland“
Film­vor­füh­rung: „Unerhört Jenisch“ von Karoline Arn und Martina Rieder | CH 2017, 92 min

21. September 2018 | 19:00 Uhr | Vogelweide Innsbruck
Film­vor­führung: „Unerhört Jenisch“ von Karoline Arn und Martina Rieder | CH 2017, 92 min

05. Oktober 2018 | 19:00 Uhr | Noaflhaus Telfs
mit Einstieg von Stefan Dietrich: „Landgeher, Dörcher, Karrner – ein Blick in regionale Quellen des 19. und 20. Jahrhunderts“
Filmvorführung: „Unerhört Jenisch“ von Karoline Arn und Martina Rieder | CH 2017, 92 min

(Text: Initiative Minderheiten)

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