„Die Kraft, mein Doppel­leben zu be­en­den“

März 11th, 2018  |  Published in Interview, Rassismus & Menschenrechte

 Gianni Jovanovic - "Als Rom bist du in Deutschland heute noch Außenseiter"  Gianni Jovanovic ist Aktivist und Initiator von "Queer Roma"  (Foto: Amnesty International)Gianni Jovanovic bekam schon als Kind einen Pflaster­stein ins Gesicht – mitten in der Nacht bei einem ras­sis­ti­schen An­schlag. Als schwuler Deutsch-Rom erlebt der Grün­der der Initia­tive „Queer Roma“ auch homo­feind­li­che Dis­kri­mi­nie­rung, gegen die er an­kämpft.

Gianni Jovanovic berichtet auf Amnesty.de über den Weg zur Gründung von „Queer Roma“:

Mit Mitte 20 hatte ich mein Coming-Out und war auf schwie­rige Reak­tio­nen gefasst. Aber letzt­lich ist man doch nie vor­berei­tet. Mein Vater war furch­tbar auf­ge­bracht, meine Mutter fiel auf der Stelle in Ohn­macht. Ihnen zu­liebe habe ich mich zu einem Arzt schlei­fen las­sen. Auch der konnte ihnen nichts an­de­res sagen, als dass mit mir alles bes­tens in Ord­nung ist. Doch wie sollten sie das ver­stehen? Sie sind ein­fache Roma und leben in einer Com­mu­nity mit teils noch immer extrem kon­ser­va­ti­ven Werten. Homo­sexualität gibt es bei uns nicht, so die Hal­tung der meisten.

Ich wusste, dass das nicht stimmt und dass mit mir „alles in Ord­nung ist“. Weil man die Struk­tu­ren aber ver­in­ner­licht, in denen man auf­wächst, habe ich mich gefügt: Mit 14 habe ich ge­hei­ratet, mit 16 wurde ich das erste Mal Vater, mit 18 das zweite Mal. Ich hatte da­mals keine Kraft, mei­nem Um­feld zu er­zählen, wer ich wirk­lich bin. Aus­gren­zung kannte ich schon auf an­de­rer Ebene, ich brauchte meine Com­mu­nity als Halt.

Mit antiziganistischem Rassismus bin ich groß geworden. Ich habe eine Narbe an der Stirn, weil un­sere Unter­kunft in den acht­zi­ger Jahren mit Molotow­cock­tails be­wor­fen wurde. Als Rom bist du in Deutsch­land heute noch Außen­seiter. 80 bis 90 Pro­zent unserer Kinder werden auf Sonder­schulen ge­schickt. Viele leugnen ihre kultu­relle Iden­tität, um nicht an­zu­ecken. Auch meine Enkel werden in der Kita ge­hänselt. Diese Aus­gren­zung kennen in der Com­munity alle. Mein Anders­sein aber ver­ste­hen auch die meisten Roma nicht: Es gibt rigide Vor­stel­lun­gen von Männ­lich­keit, Rol­len­ver­hal­ten und Sexualität.

Mit 23 lernte ich einen Mann kennen, der meine große Liebe wurde. Er gab mir die Kraft, mein Doppel­leben zu be­en­den. Mit der Zeit habe ich immer mehr Schwule, Lesben und Trans­men­schen aus der Roma-Com­mu­nity ken­nen­gelernt, darun­ter viele, die noch nicht bereit sind, ihre Iden­tität öffent­lich zu machen. Auch ihret­wegen habe ich mei­nen Verein „Queer Roma“ ge­gründet.

Nach Workshops bedankten sich euphorisierte Teilneh­merin­nen und Teil­neh­mer und warn­ten mich davor, dass ich durch mein öffent­li­ches Coming-Out von allen Seiten stig­ma­ti­siert werden würde. Gerade auch intel­lek­tuelle und poli­tisch aktive Roma sind er­staun­lich homo­phob. Und die weiße deut­sche Mehr­heits­gesell­schaft sieht hinter meiner Viel­schich­tig­keit meist auch nur den Rom. Ich will ein Bewusst­sein jen­seits dieser Zu­schrei­bun­gen schaf­fen. Meine Familie hat mich in­zwi­schen ak­zep­tiert wie ich bin. Jetzt ist die Gesell­schaft dran.

Protokoll: Elisabeth Wellershaus

(Text: Amnesty International)

Siehe auch:
Initiative „Queer Roma“: „Roma und schwul, geht das überhaupt?“
Gianni Jovanovic ist Roma und schwul


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