Kritik nach Räumung in Frankfurt a.M.
März 2nd, 2017 | Published in Rassismus & Menschenrechte | 1 Comment
Vergangene Woche wurde die Barackensiedlung im Gutleutviertel in Frankfurt a. M. polizeilich geräumt. Jetzt regt sich Kritik.
Ein ehemaliges Industrieareal im Frankfurter Gutleutviertel wurde seit über drei Jahren von Obdachlosen als Notquartier genutzt. Schon 2014 waren die dort untergekommenen Personen gezwungen worden, das Gelände zu verlassen, das Camp entstand aber bald wieder neu. Letzten Sommer lebten in der Behelfssiedlung bis zu 70 Personen, vorwiegend Roma aus Rumänien. Vergangene Woche wurde das Elendsquartier nun geräumt. 45 Stadtpolizisten rückten frühmorgens mit schwerem Gerät an, um das Camp aufzulösen. Die Stadt begründete diese Maßnahme mit einem Brandvorfall, der sich nur einige Tage zuvor im Lager ereignet hatte. Die zusammengezimmerten Behausungen wurden abgerissen, den Bewohnern wurde ihr Besitz abgenommen. Jetzt wird aber Kritik am Vorgehen laut. Denn nach der Räumung sind in der provisorischen Ersatzunterkunft in einem Heim der Arbeiterwohlfahrt derzeit 39 Menschen in nur drei Zimmern untergebracht. Am Montag kritisierte der Landesverband der Deutschen Sinti und Roma die Zustände im Henriette-Fürth-Haus als „menschenunwürdig“. Nach einer neuen gesetzlichen Regelung ist die Stadt verpflichtet, den Geräumten bis zu vier Wochen lang Überbrückungshilfen zu leisten. „Die Leute sind völlig auf sich alleine gestellt“, berichtet hingegen Joachim Brenner, Geschäftsführer des Fördervereins Roma, „es gibt keinerlei Versorgung. Keine minimale existenzielle Unterstützung.“ Den Roma sei durch die Abnahme ihres Besitzes die Möglichkeit zur Selbstversorgung genommen worden. „Die meisten von ihnen hatten sich über Flaschensammeln sowie den Handel mit Altmetall und Flohmarktware finanziert. Neben ihren Lebensmittelvorräten sei aber auch diese Ware sichergestellt worden“, heißt es in der Frankfurter Rundschau.
(dROMa)
Stellungnahme des Fördervereins Roma e.V.:
Ordnungsamt räumt die Bewohner der Brache ins Elend
Am Morgen des 21 Februar, um 7.00 Uhr, räumte das Ordnungsamt die Brache in der Frankfurter Gutleutstraße. Ein betroffener Rom berichtete, dass ihm nicht genug Zeit blieb, Kleider, Essen, die wenigen Habseligkeiten und die notwendigen Tabletten einzupacken. Eine Frau beschwert sich nachdrücklich darüber, dass sie am Hals gepackt und mit Gewalt in den Bus verbracht wurde. Alle Wertgegenstände, die notwendig waren, das Leben auf der Brache zu organisieren, sind nicht mehr im Besitz der Betroffenen.
Vorübergehend sind die etwa 40 Personen in drei Zimmern ein paar Häuser weiter notdürftig in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht. Jede Hütte auf dem Gelände hatte mehr Intimsphäre. Die Versorgung ist mangelhaft und die Sicherheitsdienste praktizieren eine allgegenwärtige Kontrolle.
Am nächsten Tag soll geklärt werden, was mit dem Eigentum der Roma geschieht. Seit Monaten wird bekundet, dass die Bewohner/-innen generell keinen Anspruch auf öffentliche Hilfe haben. Deshalb gab es die Brache, weil Armut sich selbst überlassen wird. Es ist davon auszugehen, dass die Roma nach einigen Tagen wieder auf der Straße stehen, ohne Unterkunft und ohne Schutz. Dies wiegt umso schwerer, da im letzten Halbjahr zwei Brandanschläge auf Roma verübt wurden. Die Betroffenen flüchteten damals von ihrer Schlafstätte auf die Brache!
Wenn nunmehr als Anlass für die Räumung der Brand einer Hütte und die sanitären Zustände angegeben werden, so rechtfertigen das Sozialdezernat und das Ordnungsamt die eigenen Unterlassungen der Vergangenheit. Seit Monaten wiesen die Bewohner und Unherstützer/-innen darauf hin, dass der Zugang zu Wasser, ein Anschluss an die Kanalisation und die Müllentsorgung erfolgen sollen. Abwarten und Ignoranz der Verantwortlichen in der Kommune wird nunmehr instrumentalisiert zur Denunziation der Bewohner der Brache und zur inhumanen Räumung. Eine nachhaltige Alternative spielt keine Rolle. Die Roma sollen die Stadt und das Land verlassen, so wie es bei früheren Räumungen stets gefordert wurde.
Die Law-and-order-Aktion im Morgengrauen kriminalisiert die Bewohner der Brache, der Einbehalt ihres Besitzes ist Diebstahl und das Niederreißen der Hütten ohne die Spur einer Hilfe, beraubt sie ihrer Existenz. Im Vorfeld wurde durch eine breite antiziganistische Berichterstattung und Öffentlichkeit die Stimmung für die Räumung geschaffen.
Es stellt sich zudem die Frage, warum einerseits über eine Lösung im Sinne der Roma in der Koalition nachgedacht wurde, wenn andererseits durch die Politik der vollendeten Tatsachen deren Menschenwürde mit Füßen getreten wird.
(Text: FVR, 21.2.2017)
Siehe auch:
Roma: Unerwünscht im Gutleutviertel (Die Zeit, 8.4.16)
Gutleutviertel: „Die Stadt macht es sich zu leicht“ (FAZ, 8.2.17)
März 5th, 2017 at 11:12 (#)
[...] vor zehn Tagen geräumten Roma leben in menschenunwürdigen Verhältnissen. Ihre eigenen [...]