Šaban: „Menschen zweiter Klasse“

November 7th, 2015  |  Published in Interview, Jugend & Bildung, Rassismus & Menschenrechte  |  1 Comment

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„Das haben wir nicht verdient“: Die Angst der Roma-Flüchtlingskinder vor Abschiebung (Teil I)

GfbV Berlin: Der Zustrom an Flüchtlingen nach Deutschland wird für dieses Jahr auf 800.000 ge­schätzt. Um Platz für sie zu schaf­fen, sollen vor allem Roma aus dem Kosovo ab­ge­scho­ben wer­den. Darun­ter Hun­derte Kinder, die in Deutsch­land ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen sind. Doch was be­deu­tet das für die Flüchtlings­kinder? Wir las­sen fünf von ihnen zu Wort kom­men:

Šaban*: „Die Duldung macht uns zu Menschen zweiter Klasse“


Ich bin 15 Jahre alt und habe drei ältere Geschwister, zwei Brüder und eine Schwes­ter. Mein ältes­ter Bruder war bei der Flucht mei­ner Eltern zwei Jahre alt. Wir ande­ren sind alle in Deutsch­land gebo­ren. Meine Eltern ent­schlos­sen sich 1988 für die Flucht aus dem Kosovo, als mei­nem Vater an­ge­droht wurde, dass er von der ser­bi­schen Armee zwangs­mobi­li­siert wer­den könn­te. Nur in der Flucht aus dem Ko­sovo sa­hen sie eine Ret­tung.

Seit 26 Jahren leben meine Eltern nun in Duldung. Ich bin so­zu­sa­gen in den Status hinein­ge­boren. Alle 2 bis 6 Monate wird er ver­län­gert. Die kurze Gül­tig­keit einer Duldung und die Auf­lagen, die damit ver­bun­den sind, haben das nor­ma­le Leben un­se­rer Familie un­mög­lich gemacht. Die seit Jahr­zehn­ten gel­tende Residenz­pflicht[1] machte es prak­tisch un­mög­lich, dass sich meine Eltern rich­tig be­tä­ti­gen. Mein Vater war im Kosovo Bus­fahrer, aber kein Bus­unter­neh­men oder eine Firma, die einen Fahrer brauchte, wollte ihn be­schäf­ti­gen, weil sein Duldungs­status und die Gebiets­beschrän­kung auf einen Land­kreis eine nor­male Arbeit für den Arbeit­geber un­mög­lich machte. Dazu kommt die ewige Angst vor der Ab­schie­bung, die meine Eltern lang­sam krank und depres­siv macht.

Auch für mich gab und gibt es wegen der Duldung im­mer wie­der trau­rige Momente. Ich konnte nicht mit zur Klassen­fahrt ins Ausland. Und manch­mal werde ich von einigen Mit­schü­lern wegen der Her­kunft meiner Eltern und meiner eige­nen Her­kunft regel­recht ge­mobbt. Als ob Deutsch­land nicht auch meine Heimat wäre und als ob ich in meinem Alter etwas dafür tun könn­te, die kompli­zierte Situa­tion meiner Eltern zu ver­bes­sern. Aber natür­lich habe ich hier auch viele Freun­de. Hier ist meine Heimat.

Ich möchte hier bleiben, ein sorgloses Leben führen und end­lich einen ande­ren Status als „Duldung“ haben. Er diskrim­iniert uns, macht uns krank. Er macht uns zu Men­schen zwei­ter Klas­se. Mein größter Traum und auch ein großer Traum mei­ner Eltern ist es, ein Mal im Leben einen Urlaub zu machen. Das, was für die meisten selbst­ver­ständ­lich ist, muss auch uns end­lich ge­gönnt werden.

*Name von der Redaktion geändert. Die richtigen Namen und vollständigen Aussagen der Flüchtlingskinder liegen uns vor.

[1] Residenzpflicht ist eine Auflage für in Deutschland leben­de Asyl­bewer­ber und Gedul­dete, die die Betrof­fe­nen ver­pflich­tet, sich nur in dem von der zustän­di­gen Behörde fest­ge­leg­ten Bereich auf­zu­halten.

(Text: gfbvberlin.wordpress.com)

Responses

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | Zeko: „Deutschland ist unsere Heimat“ says:

    November 9th, 2015 at 12:19 (#)

    [...] be­deu­tet das für die Flüchtlings­kinder? Wir las­sen fünf von ihnen zu Wort kom­men. Auf Šaban folgt [...]