Menschenrechtspreis an BettelLobbys

Dezember 14th, 2014  |  Published in Ehrungen & Nachrufe, Einrichtungen, Rassismus & Menschenrechte

Verleihung des Menschenrechtspreises 2014 in Wien (Foto: Österr. Liga für Menschenrechte)Der diesjährige Preis zur Wahrung und Erhaltung der Men­schen­rechte wird von der Öster­rei­chi­schen Liga für Men­schen­rechte an die öster­rei­chi­schen Bet­tel­Lob­bys ver­liehen, stell­ver­tre­tend für alle Initia­tiven, die sich gegen Bettel­ver­bote und für einen soli­da­ri­schen und respekt­vol­len Um­gang mit bet­teln­den Men­schen ein­setzen.

Vor dem Hintergrund zahlreicher gesetzlicher Verschärfungen zum Betteln und einer pau­scha­len Krimina­li­sierung von betteln­den 
Men­schen in der öffent­li­chen Diskus­sion, setzen sich die Bettel­Lobbys für die Rechte von BettlerIn­nen und gegen Ver­trei­bung und Kriminalisierung ein. Barbara Helige, Prä­si­den­tin der Liga für Menschen­rechte: „Die Ver­gabe des Men­schen­rechts­preises
 der Öster­rei­chi­schen Liga für Men­schen­rechte an die Bettel­Lobbys soll ein Zeichen setzen: Gerade Men­schen, die in der Leistungsgesellschaft – aus wel­chem Grund auch immer – auf der Strecke blei­ben, haben die öffent­liche Soli­da­rität der ande­ren
 beson­ders nötig.“

Über die BettelLobbys

Anlässlich gesetzlicher Verschärfungen und hetzerischer öffent­li­cher Diskus­sionen haben sich in meh­re­ren Bundes­ländern Gruppen und Allianzen gebil­det, die sich für das Recht zu betteln und ge­gen die Ver­trei­bung und Krimina­li­sie­rung von betteln­den Men­schen ein­setzen. So ver­teidi­gen die Bet­telLobbys und andere Initia­tiven das Grund­recht auf Betteln und 
kämpfen gegen Polizei- und Behör­den­will­kür, Vor­urteile, falsche Medien­berichte und rassis­ti­sche Hetze. Sie wider­sprechen vehe­ment den stereo­typen und diffa­mie­renden Geschichten über die soge­nannte „Bettelmafia“, über aus­gebeu­tete Opfer und reiche Hinter­männer. Viel­mehr rücken die Bet­telLobbys jene Menschen in den Mittel­punkt, die von mas­siver Armut betrof­fen sind und mit Betteln, Straßen­musik und Zeitungs­verkauf aktiv nach Mög­lich­keiten suchen, um ihr Überleben zu sichern, weil sie keine Arbeit finden oder keinen Zugang zu Sozial­leis­tun­gen haben.

In den letzten Jahren wurden Armutsbetroffene häufig
 aus dem öffentlichen Raum ver­trie­ben. Im Zuge dieser Vertreibungs­politik werden gesell­schaftliche Miss­stände wie Armut und soziale Ungleich­heit oft als Sicher­heits­problem dar­gestellt. Sich ge­gen Bettelverbote ein­zu­setzen, ist daher auch ein Engage­ment für eine inklu­sive, auf den Menschen­rechten basie­rende Nutzung öffent­lichen Raums. Der öffent­liche Raum muss allen gehö­ren, nicht nur den Kauf­kräftigen! 
Helige: „Wenn immer wieder Bettel­verbote ver­langt oder auch an­geordnet werden, ist dies nichts ande­res als ein untaug­licher Versuch, die Ungleich­heit in der Gesell­schaft auf Kos­ten der Ärmsten zu tabui­sieren und unsichtbar zu machen. Ganz nach dem Motto: Aus dem Auge aus dem Sinn! Das verletzt aber die Würde jener Men­schen, die aus dem Straßen­bild ver­bannt wer­den sollen. Ganz im Gegen­teil ist es not­wendig, dass sich die Gesell­schaft dem Problem der Armut stellt und dieses be­kämpft.“

Zentrale Forderungen

Die zentralen Forderungen der BettelLobbys umfassen die ersatzlose Abschaffung von Bettelverboten, ein Ende der Kriminalisierung von bettelnden Menschen sowie einen solidarischen und respektvollen Umgang mit diesen. Damit richten die BettelLobbys ihren Blick auf die schwierigen Lebens- und Bettelbedingungen und würdigen die Handlungsfähigkeit von bettelnden Menschen, um der Spirale aus massiver Armut und Perspektivenlosigkeit zu entfliehen. Zu den Tätigkeiten der ehrenamtlich arbeitenden BettelLobbys gehören Rechtshilfe für Betroffene, Medien- und Öffentlichkeitsarbeit, Protestaktionen, Vorträge und Workshops zum Thema sowie die Vernetzung von ExpertInnen, MultiplikatorInnen und Betroffenen.

Weitere Zitate:

Zitat Ferdinand Koller (BettelLobby Wien): „Seit mehr als einem Jahr bietet die BettelLobby
Wien Rechtshilfe für bettelnde Menschen an. Es ist erschreckend, wie die Polizei mit 
bettelnden Menschen umgeht: Die Strafen sind meist rechtswidrig, willkürlich und
 übertrieben hart. Zudem werden die Leute beschimpft und erniedrigt, etwa dadurch, dass sie
 gezwungen werden, sich auszuziehen. Um Einzelfälle handelt es sich nicht. Wir haben im
vergangenen Jahr mehrere dutzend rechtswidrige Strafen beeinsprucht und noch viele mehr
 gesehen, die schon rechtskräftig waren. Aus dem Material, das uns vorliegt, können wir
s chließen, dass die Polizei hier systematisch Menschenrechte verletzt.“

Zitat Eliabeth Hussl (BettelLobby Tirol): „Wir begrüßen die Selbstorganisation aller
 Menschen, treten dafür ein, dass sich auch bettelnde Menschen solidarisieren und 
gegenseitig unterstützen dürfen und versuchen darüber aufzuklären, dass
 Selbstorganisation und Selbsthilfe nichts mit sogenannten ‚Bettelbanden‘ oder einer 
sogenannten ‚Bettelmafia‘ zu tun haben.“

Zitat Ricarda Kössl (BettelLobby Tirol): „‘Jetzt schon ums Betteln betteln müssen‘, lautet ein
Text der Lyrikerin Barbara Hundegger, der im Zuge einer unserer Interventionen gegen 
Bettelverbote in der Innsbrucker Innenstadt veröffentlicht wurde. Dieses Gefühl, welches 
Barbara Hundegger hier beschreibt, begleitet unsere Arbeit im öffentlichen Raum immer 
wieder. Beleidigungen, Schikanen, Vertreibung und Bestrafung von armutsbetroffenen
Menschen stehen in Österreich auf der Tagesordnung und sind ein beschämendes
 gesellschaftliches Armutszeugnis im 21. Jahrhundert.“

Zitat Christian Diabl (BettelLobby OÖ): „Am Anfang war das Erstaunen darüber, wie sang und 
klanglos ein Bettelverbot in Oberösterreich durchgebracht werden würde. Darauf folgte
 die Erkenntnis, selbst etwas dagegen unternehmen zu müssen und dann die Überraschung,
 wie viele Menschen sich offenbar dasselbe gedacht und genau auf diese Initialzündung 
gewartet haben. Seitdem gibt es die BettelLobby OÖ und wir versuchen mit bescheidenen
 Mitteln öffentlich Gegenpositionen zu formulieren, den Betroffenen eine Stimme zu geben
 und die Verantwortlichen daran zu hindern, ihre Vertreibungspolitik allzu bequem
 umzusetzen.“ Mehr Infos: www.bettellobby.at

Österreichische Liga für Menschenrechte

Die Österreichische Liga für Menschenrechte setzt sich für die Umsetzung und Einhaltung der Menschenrechte ein. Sie greift aktuelle Themen auf und setzt sich in Veranstaltungen, Projekten und durch Öffentlichkeitsarbeit mit menschenrechtlich relevanten Themen auseinander. Das Büro steht überdies allen Ratsuchenden als Anlaufstelle bei individuellen Anliegen im Bereich von Menschenrechten zur Verfügung und bietet Orientierungshilfe bei Rechtsfragen 
Siehe auch: www.liga.or.at

Österreichische BettelLobbys:

www.bettellobby.at

BettelLobby Oberösterreich:
Pressekontakt: Christian Diabl
, giro@servus.at; info@bettellobby.at
, Tel: 0699 13320777

Vernetzung zu Betteln in Salzburg
Pressekontakt: Desirée Summerer
, summerer@friedensbuero.at, 
Tel: 0650 9256224, 
Bettelverbot in Salzburg, c/o Plattform Menschenrechte Salzburg,
 plattform@menschenrechte-salzburg.at

Steiermark
 Forum gegen Bettelverbote
:
Pressekontakt: Joachim Hainzl, 
joachim.hainzl@verein-xenos.net
, Tel. 0699 10390453

BettelLobby Tirol:
Pressekontakt: Elisabeth Hussl, Ricarda Kössl
, bettellobby-tirol@gmx.at
, Tel: 0680 2322355

BettelLobby Wien:
Pressekontakt: Ferdinand Koller, 
ferdinandkoller@hotmail.com, 
bettellobbywien@gmx.at
, Tel: 0650 7413000
bettellobbywien.wordpress.com

(Text: Liga für Menschenrechte)

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