Berichterstattung als „geistige Brandstiftung“

November 21st, 2014  |  Published in Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Radio SRF 2 KulturSRF 2 Kultur, Deborah Sutter: Ob Boulevard-Medium oder lin­ke Wochen­zeit­schrift: Geht es um Roma, sind Klischees von steh­len­den Kin­dern oder Zu­häl­tern, die ihre Frauen auf den Stras­sen­strich schicken, so­fort bei der Hand. Das ist das Re­sul­tat ei­ner Studie, die die Schwei­zer Rroma Foun­dation in Zürich vor­stellte.

Hetze auf dem Titelblatt: Weltwoche-Cover 2012 (Foto: SRF)Dicke Goldketten, bettelnde Kinder, ärmliche Hütten, Kinder­bräute: Auf sol­che und ähn­li­che Klischees grei­fen die Deutsch­schweizer Medien bei ihrer Bericht­erstat­tung über Roma ger­ne zurück. «Dass das auf alle unter­suchten Zei­tun­gen zutrifft, hat mich über­rascht», sagt Stéphane Laederich, der Direktor der Schwei­zer Rroma Foundation.

Die Stiftung hat im Zeitraum von 2008 bis 2013 alle Artikel un­ter­sucht, in denen über Roma be­rich­tet wurde. 297 Artikel sind zu­sam­men­ge­kommen, ver­fasst von 147 Jour­na­listen für den «Beobachter», den «Blick», «20 Minuten», den «Tages-Anzeiger», die «NZZ »und die «NZZ am Sonntag», die «Weltwoche», die «Sonntagszeitung» so­wie die «Wochenzeitung».

Stereotype aus dem Mittelalter

«Die Presse beschreibt durchs Band weg eine Minderheit innerhalb einer Minderheit», so Stéphane Laederich. Die gros­se Mehr­heit der rund 80‘000 in der Schweiz leben­den Roma ste­he den weni­gen, dafür sichtbaren Roma gegen­über. «Wir wollen darauf auf­merk­sam ma­chen, dass das Bild der betteln­den Clans nicht der Rea­lität entspricht.»

Die Stereotype, die immer wieder zu finden seien, stamm­ten zum Teil aus dem west­euro­päi­schen Mit­tel­alter. Das Bild der kinder­rauben­den, heid­ni­schen, steh­len­den Roma habe in der Ver­gan­gen­heit mehr­mals die Verfol­gung und Er­mor­dung legi­ti­miert. Stéphane Lae­derich spricht auch im Zusam­men­hang mit der ak­tuel­len Be­richt­erstat­tung in der Schweiz von «geis­tiger Brand­stif­tung, die nur allzu leicht in echte Brand­stif­tung um­schla­gen kann». (…)

Laut Studie werden Vorurteile und Stereotypen unhinterfragt wei­ter­ver­brei­tet, teil­weise sogar über die Landes­gren­zen hinaus. So ver­wen­det etwa die unga­rische Presse Artikel aus der Schweiz als will­kom­mene Beweise im Sinne von: «Seht nur her, Roma sind wirk­lich steh­len­de Zigeuner! Das schrei­ben sogar die Schwei­zer.»

Diese negativen Zuschreibungen im In- und Ausland führen dazu, dass sich kaum jemand in der Schweiz als Rom oder Romni outen mag. «Denn dann ist man gleich mit Fra­gen wie ‹kannst du denn lesen und schrei­ben› oder ‹kannst du tanzen› kon­fron­tiert», er­zählt der Direk­tor der Stiftung, ein habi­li­tier­ter Mathe­mati­ker und Physiker. (…)

Bei der Präsentation der Studie der 1992 gegrün­de­ten Stiftung waren einige jun­ge Roma dabei, die den Jour­nalis­ten ihre Lebens­wirk­lich­keit zeigen wollten: Dass sie genauso einer Arbeit nach­gehen und in einer Woh­nung woh­nen wie die Jour­nalis­ten auch und dass sie zu Hause nicht zehn Kinder haben. Von den ins­ge­samt 147 Auto­rin­nen und Au­to­ren der unter­such­ten Artikel waren aller­dings nur vier bei der Prä­sen­ta­tion an­we­send.

Tipps für die gute Berichterstattung

Nichtsdestotrotz ist das Ziel der Stiftung auf­zu­zei­gen, dass die Reali­tät nicht jene aus den Poli­zei­mel­dun­gen ist, son­dern dass die meis­ten Roma integriert und erfolg­reich sind. So empfiehlt die Rroma Foun­da­tion für die zu­künf­tige Bericht­er­stat­tung: Wenn nur über ein Einzel­ereig­nis wie ein Ver­bre­chen berich­tet wird, solle sich der jewei­lige Jour­nalist über­legen, ob die Nen­nung der ethni­schen Zu­ge­hörig­keit sinnvoll und ethisch vertret­bar sei. Stéphane Laede­rich fragte die anwe­sen­den Journalisten: «Wenn Sie in ein­em Arti­kel über Roma das Wort Rom durch Jude ersetzen wür­den – würden sie den Artikel immer noch so pub­li­zieren?»

(Text: Programminfo Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Nachrichten, 19.11.2014)

Die «schockierende» Studie, von der Journalisten nichts wissen wollen, T-A, 19.11.2014
Nachhilfe gegen Antiziganismus, WOZ, 20.11.2014
Stereotyp und gefährlich: Wie über die Roma berichtet wird, NZZ, 18.11.2014

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